Zurück zu Grund- und Leistungskursen: Tullner plant Oberstufenreform (und erntet Kritik)

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MAGDEBURG. Das Abitur soll zwischen den Bundesländern vergleichbarer werden. Sachsen-Anhalt kehrt deshalb zu Grund- und Leistungskursen in der Oberstufe zurück. Die Reform kommt nicht überall gut an.

Sachen Anhalts Bildungsminister Marco Tullner ist überzeugt, dass manche Schüler an Förderschulen besser aufgehoben sind als an allgemeinbildenden. Foto: Verbraucherzentrale Bundesverband / flickr (CC BY 2.0)
Zurück in die Zukunft: Bildungsminister Tullner. Foto: Verbraucherzentrale Bundesverband / flickr (CC BY 2.0)

Schüler der gymnasialen Oberstufe können künftig wieder zwischen Kursen auf zwei verschiedenen Leistungsniveaus wählen. Mit der am Dienstag vorgestellten neuen Oberstufenverordnung kehrt Sachsen-Anhalt nach mehr als 15 Jahren zum Modell der Grund- und Leistungskurse zurück. Vorgesehen sind zwei Fächer auf erhöhtem Anforderungsniveau mit je fünf Wochenstunden sowie vier dreistündige Kurse auf grundlegendem Niveau, wie Bildungsminister Marco Tullner (CDU) erläuterte. Die neue Oberstufenverordnung soll ab dem Schuljahr 2019/2020 gelten.

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Ziel sei, das Abitur bundesweit vergleichbarer zu machen, sagte Tullner. Mit der Neugestaltung folgt das Land Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK). Egal in welchem Bundesland ein Schüler seinen Abschluss mache, die Standards seien künftig deutlich vergleichbarer, sagte der Tullner. Gymnasien müssten einerseits eine breite Allgemeinbildung vermitteln, andererseits aber auch die Spezialisierung für den weiteren Berufsweg zulassen. Die neue Oberstufenverordnung nehme beides in den Blick.

Derzeit gibt es in sechs Fächern je vier Unterrichtsstunden pro Woche. Bei der Abiturprüfung wird aber trotzdem nach Leistungsniveau unterschieden. Lehrer müssen innerhalb ihres Unterrichts eine Differenzierung vornehmen. Die Bildungsgewerkschaft GEW und der Philologenverband, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt, begrüßten deshalb die Rückkehr zum leistungsdifferenzierten Unterricht. Den Lehrern erleichtere das die Arbeit, sagte GEW-Sprecher Alexander Pistorius.

Die Gesamtzahl der Unterrichtsstunden soll sich durch die Neuregelung nicht verändern. Zu den sechs Kernfächern gehören Deutsch, Mathematik, eine Fremdsprache, Geschichte, eine Naturwissenschaft sowie wahlweise eine zweite Fremdsprache oder eine zweite Naturwissenschaft. Hinzu kommen sechs Fächer, die zweistündig pro Woche unterrichtet werden.

Licht und Schatten

GEW und Philologenverband kritisierten, die Reform habe Licht und Schatten. Im Bereich der Kernfächer bedeuteten die Änderungen eine Reduzierung der Wochenstunden von 24 auf 22, rechnete der Vorsitzende des Philologenverbands, Thomas Gaube, vor. «Das kann nicht gut sein, das ist ein Rückschritt», sagte der Schulleiter eines Gymnasiums in Halle. Die neue Oberstufenverordnung trage zwar der Chancengleichheit der Schüler aller Bundesländer Rechnung, es bestehe jedoch die Gefahr einer «Korrektur nach unten».

Gaube rechnet zudem mit neuen Personalproblemen an den Schulen. Die Einführung eines zusätzlichen zweistündigen Kurses führe zu einem deutlichen Mehrbedarf an Lehrern, weil die Kurse kleiner würden und bislang seltener gewählte Fächer wie Informatik, Astronomie oder Rechtskunde häufiger angeboten werden müssten. Der Philologenverband hat bis 2021 einen Mehrbedarf von 72 Lehrerstellen errechnet. Das Bildungsministerium rechnet mit 65 zusätzlich nötigen Stellen. Durch die bereits geplanten Neueinstellungen werde man das auffangen können, argumentierte Tullner.

Die GEW beklagt zudem, es sei versäumt worden, die Zahl der Prüfungen im Abitur zu reduzieren. Statt bislang fünf hält die Gewerkschaft vier Prüfungen für ausreichend. Angesichts der angespannten Personalsituation könne das die Lehrer bei der Korrektur entlasten, sagte Pistorius. Von Simon Ribnitzky, dpa

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12 KOMMENTARE

  1. Grund- und Leistungskurse sind der falsche Weg. Viele verwählen sich und erhalten dann ein schlechteres Abi, gerade bei Mutigen, die Mathe und Physik wählen, ist dies der Fall. Außerdem muss dann Stoff auf der Uni teilweise nachgeholt werden müssen, wie bei Abiturienten, die Ingenieurswissenschaften studieren, aber keinen Physikkurs in der Oberstufe besuchen konnten, da nicht genug Schüler das Fach wählten.

    Besser wäre es, alle Fächer einheitlich in ganz Deutschland bis zum Ende der 13. Klasse zu unterrichten, wobei aber nicht jedes Fach jedes Jahr unterrichtet werden muss. Mathe könnte ja in der Oberstufe ruhig etwas mehr unterrichtet zu werden, ebenso Englisch, aber eben nicht auf so einem Niveau, dass nur heutige Mathe-LKler das Abitur bekommen würden.

    • Sie kriegen nach dem Modell nur einen undefinierbaren Brei, nichts halbes und nichts ganzes. Gerade einen Mathe-LK nehmen nur gute Schüler, die arbeiten gelernt haben. Aus genau dem Grund sind Deutsch-GKs mit vielen Mathe-LKlern so angenehm für den Lehrer.

      Die Deutsch-Geschichtler sind das größere Problem, weil das oft die Schüler wählen, die kein Englisch können und sich für Mathe zu doof halten.

      • Falsch. Man kriegt einen umfassenden gebildeten Schüler, der nach dem Abi flexibel sein Studium wählen kann und nichts nachlehren muss wie etwa der Medizinstudent, der Chemie wegen des Abischnitts abgewählt hat. So wie vor der Reform von 1973. Mathe-LK wählen zudem bei Weitem nicht nur gute Schüler, viele bewältigen ihn gerade mal mit einer Vier, und haben ihn nur gewählt, weil sie Englisch oder Literaturinterpretation noch weniger können.

        • Ich gehe nahezu jede Wette ein, dass der Lehrplan von vor 1973 in jedem Fach mehr und anspruchsvolleren Stoff vorsah als jeder Leistungskurs von heute in egal welchem Bundesland. Nach dem Modell können wir glatt darüber verhandeln. Allerdings können Sie so die politisch gewünschte Abiturquote von 50% eines Jahrgangs vergessen.

          • Beantworten Sie mir die Frage. Heutzutage entspricht Erdkunde (in Abiturprüfungen aus NRW) im Wesentlichen einem sinnentnehmenden Lesen sehr umfangreicher Materialien. So kann man zwar noch keine 1 oder 2 schaffen, aber Bestehen kann man die Prüfung in Erdkunde schon. Das gilt aber für eine ganze Reihe von Fächern.

  2. Grund- und Leistungskurse sehe ich als Möglichkeit, innerhalb der höheren Klassen (!) der verfemten “Einheitsschule”, die ich eher befürworte als ablehne, doch auch eine Art Differenzierung zu ermöglichen.

    Die Zuordnung sollte dann nach den Fähigkeiten erfolgen, die jemand in einem Fach hat.
    Ich bin hingegen nicht dafür, dass man bestimmte Fächer abwählen kann.

    • Ohne Abwahl geht nichts, weil in der Sek I mehr Fächer unterrichtet werden als in der Sek ii Stunden zur Verfügung stehen. Außerdem konterkarieren Sie damit die Wahlmöglichkeiten in der Sek i z. b. bei der zweiten Fremdsprache.

      • Die Alternative ist dann für die GYmnasien die klassische Profilbildung aus dem letzten Jahrhundert.
        Das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium hat eben ein anderen Profil als das alt- oder neusprachliche GY.
        Das Dilemma einer solchen Entwicklung baden die GY im ländlichen Raum aus. In Ballungsgebieten, in denen mehrere Gymnasien um die Gunst der potentiellen Anfänger bei weiterhin abnehmenden Schülerzahlen werben. und eine Vielzahl unterschiedlich profilierter Gymnasien in erreichbarer Nähe existieren, stellt diese Schulformentwicklung kein Problem dar.
        Im ländlichen Raum fehlen die Alternativen, bleibt nur der Rückschritt zu neusprachlichen GY mit mathematische-naturwissenschaftlichem – oder neudeutsch: MINT-Zweig -, also nix Halben und nix Ganzem. Abi ist dann wie früher, es wird rein theoretisch in jedem Fach geprüft, da der Aufwand hierfür aber unverhältnismäßig für die Schule ist, werden jedem neben den Hauptfachprüfungen drei weitere Fächer zugelost.

        Wer glaubt, die Qalität der Abschlüsse würde hierdurch steigen, ist im Prinzip jetzt schon als Schulreformexperte geeignet und sollte in die Politik einsteigen.

        • Im Sinne der Abiturquote, wegen des Lehrermangels in dem Bereich und aus Kostengründen dürfte es dann auf dem platten Land kaum MINT-Gymnasien geben werden.

          • Aud em Land ist die Versorgung mit technischen Berufsoberschulklassen bzw. Technischen GY die mögliche, de facto sogar die bessere Alternative.

    • Normalerweise gibt es Grund- und Leistungskurse nur in der gymnasialen Oberstufe, wobei die am G8-GY evtl. auch mal mit Klasse 10 beginnen könnte (?). In den KMK-Abiturstandards sind jedenfalls zwei “Niveaus!” vorgesehen, das “grundlegende” und das “erhöhte”. Auch die Abituraufgaben im sog. “Pool” gibt es auf diesen beiden Niveaus. Insofern ist das alles ganz normal und vorgesehen, Streit entsteht allerdings um die Stundenzahl. Baden.Württemberg war so schlau, Grund- und Leistungskurse erst einzuführen, dann abzuschaffen und jetzt kürzlich wieder einzuführen. Mit diesem Karussell wird es dann wohl weitergehen. Es geht eben nichts über die Weisheit der Landesregierungen im föderalen Deutschland. 🙂

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