Eisenmann gibt der schwächelnden Hauptschule eine Bestandsgarantie. Warum eigentlich?

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STUTTGART. Nur die wenigsten Hauptschüler wissen am Ende ihrer Schulzeit, was sie beruflich machen möchten. Wenigen gelingt der direkte Einstieg in die Ausbildung. Trotzdem will Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann die Schulform retten. Warum eigentlich?

Offenbar einig. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Susanne Eisenmann; hier bei einer Pressekonferenz im vergangenen Mai. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg
Offenbar einig. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU); hier bei einer Pressekonferenz im vergangenen Mai. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Der Übergang von Schülern der Haupt- und Werkrealschulen in die Ausbildung muss aus Sicht von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) reibungsloser funktionieren. Wenn derzeit nur jedem siebten Absolventen (17 Prozent) dieser Schulart der direkte Einstieg in eine duale Ausbildung gelinge, sei das «eindeutig zu wenig», sagte Eisenmann bei einem Fachtag zur Stärkung der beruflichen Orientierung an den Haupt- und Werkrealschulen vor 180 Lehrern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern in Stuttgart. Es gelte die Orientierung zu verbessern – aber auch das Basiskönnen.

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Um die Zahl derer, denen der direkte Umstieg vom Schüler zum Azubi gelingt, deutlich zu steigern, werde Grün-Schwarz die Angebote zur beruflichen Orientierung ausbauen, versprach Eisenmann. Ein neuer Leitfaden dazu für die noch knapp 600 Haupt- und Werkrealschulen sei in Arbeit. Um die von Handel und Industrie angemahnte Ausbildungsreife zu verbessern, würden die Schulen den Fokus aber auch verstärkt «auf die Vermittlung der Basiskompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen legen», kündigte die Ministerin an.

Der zuletzt schwächelnden Schulart gab Eisenmann gleichzeitig eine Art Bestandsgarantie: «Wir brauchen die Vielfalt der Schularten. Die grün-schwarze Landesregierung wird für jeden Standort kämpfen», versprach die Kultusministerin. Laut Ministerium gab es vor zehn Jahren noch doppelt so viele Schulen dieser Art.

“Wissenschaftlich belegt”

Um jedem Schüler – vor allem dem “praxisbegabten” – das auf ihn passende System bieten zu können, brauche es die Haupt- und Werkrealschulen. Zumal wissenschaftlich belegt sei, dass der permanente Vergleich in einer Klasse mit Besseren für viel Frust sorge. Die Schüler trauten sich dann im späteren Leben auch weniger zu, so Eisenmann.

Die Ministerin kündigte einen Leitfaden an, der die Schulen bei der Ausarbeitung eines eigenen Konzepts zur beruflichen Orientierung unterstützen soll. Die Schüler sollen über konkrete Einblicke und Praktika ein realistisches Bild verschiedener Berufe vermittelt bekommen. Das Projekt Werkstatttage an einigen Schulen verlaufe vielversprechend und werde ausgebaut. dpa

Hauptschule umbenennen, um sie zu retten?

STUTTGART. Wegen des Imageproblems der Haupt- und Werkrealschulen will die oppositionelle FDP in Baden-Württemberg die Schulen mit einer Reform wieder attraktiver machen. Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke stellte einen entsprechenden Gesetzentwurf der FDP-Landtagsfraktion vor. Demnach sollen die Haupt- und Werkrealschulen künftig als «Berufliche Realschulen» enger an berufliche Schulen angebunden werden. Die bisherige Realschule soll demnach «Allgemeinbildende Realschule» heißen. 2014 hatte die FDP bereits eine ähnliche Forderung erhoben. Lehrerverbände hätten bereits Unterstützung für den Vorstoß signalisiert, sagte Rülke.

Die Zahl der Haupt- und Werkrealschulen hat sich laut FDP in den vergangenen zehn Jahren nahezu halbiert – die Liberalen kritisieren in dem Zusammenhang die ehemalige grün-rote Landesregierung für die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung. Rülke sagte, das Image der Haupt- und Werkrealschulen habe so gelitten, «dass es mit diesem Türschild nicht mehr weitergeht». Für manche Kinder seien die Realschulen zudem zu anspruchsvoll, die Sitzenbleiberquoten hoch.

Dem Gesetzentwurf zufolge sollen Schüler der neuen Schulform ab der 7. Klasse einen Tag in der Woche eine berufliche Schule besuchen. In Klasse 10 sollen es zwei Tage in der Woche sein. Dadurch gäbe es mehr Zeit für die Vertiefung des Fachunterrichts und für Praxisphasen in Betrieben. Die Liberalen rechnen mit Mehrkosten von rund 30 Millionen Euro, was sie mit größeren Klassen an Gemeinschaftsschulen finanzieren wollen. So will die FDP 500 Lehrerstellen freisetzen.

Die Spitzenvereinigung der Arbeitgeberverbände in Baden-Württemberg begrüßte die angestoßene Debatte. «Mehr als 700 Haupt- und Werkrealschulen mit gut 83.000 Schülern verdienen unsere Beachtung», erklärte der für Bildung zuständige Geschäftsführer Stefan Küpper. Durch eine engere Kooperation von Hauptschulen und beruflichen Schulen könnten «erste berufsqualifizierende Schritte zum direkten Übergang in eine duale Ausbildung erfolgen». Das Konzept dürfe aber nicht zu Lasten der Berufsschulen und anderer Schularten gehen. dpa

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12 KOMMENTARE

  1. Das sehe ich genauso wie Frau Eisemann. Es gibt einfach viel zu viele Schüler, die im normalen System untergehen, zumal das Klientel an heutigen Hauptschulen vielfach dem an früheren Förderschulen entspricht. Es ist einfach nicht fair, einem Schüler ständigen Misserfolg zuzumuten, nur weil mal Wissenschaftler herausgefunden haben, dass dieser Schüler dann aber durch den Karawaneneffekt mehr lernt, als an einer anderen Schulform.

    Das wenige Hauptschulabschlüsse in einer Ausbildung enden, liegt schlicht und ergreifend daran, dass zwar die Politik möglichst jeden Schüler mit einem Abschluss durchwinken möchte, die Wirtschaft aber begriffen hat, dass die Schüler dann noch lange nicht das können, was für ihre Berufe erforderlich ist. Viele der Schüler sind einfach nicht mündige Bürger, die wirklich für sich selbst sorgen können, wenn sie 18 Jahre alt sind.

    • Im Anschluss daran wäre wohl zu fragen, ob nach Einführung einer einheitlichen Schule bis zum Ende der Sek I dann alle diejenigen, die jetzt als Hauptschulabgänger nicht wissen, was sie beruflich machen sollen, eben dieses dann besser wissen. Woher soll das plötzlich kommen, wenn sie in den Schulklassen von Mitschülern umgeben sind, die genau wissen, dass sie studieren wollen, oder die sonst wissen, welche weitere Laufbahn sie anstreben?
      Nebenbei: Oft wissen auch Abiturienten nicht genau, was sie beruflich machen möchten. Das wurde noch nie als Argument für die Abschaffung des Gymnasiums verwendet.

  2. Wir sind eine Werkrealschule mit stark steigenden schulerzahlen und einer Übergangsquote von Schule in Ausbildung von über 80 %.
    Nicht der Schultyp ist entscheidend sondern was jede Schule daraus macht. Oder was man sie machen lässt.

  3. Ohne Hauptschule wird die Realschule zur Hauptschule und alle wollen aufs Gymnasium. Das wird dann zur neuen Realschule, weil viele Eltern ihre Kinder auf Privatschulen schicken.

      • in den Niederlanden gibt es auch eine achtjährige Grundschule, davon zwei Jahre Kindergarten und sechs Jahre Schule. HVO etc. fangen wie in Berlin ab Klasse 7 an. Die Lehrer in der Grundschule sind dort alles Akademiker, ältere Mitarbeiter von vor der Zusammenlegung evtl. ausgenommen.

          • die Erzieher in den Niederlanden, die sich dort um die Klassen 1-4 kümmern, hier Kindergarten und Klasse 1-2, sind ebenfalls Akademiker. Entschuldigung, dass ich das missverständlich ausgedrückt habe.

  4. „Zumal wissenschaftlich belegt sei, dass der permanente Vergleich in einer Klasse mit Besseren für viel Frust sorge. Die Schüler trauten sich dann im späteren Leben auch weniger zu, so Eisenmann.“
    Ach ja, könnte Frau Eisenmann diese Erkenntnis mal bitte allen „Zwangsinkludierern“ mitteilen? Angeblich ist doch gerade für die lernschwächeren Kinder die Arbeit in einer regulären Klasse viel besser als in einer speziellen Förderklasse. Ja, was denn nun??

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