Glück als Schulfach verbreitet sich – «Das Lernziel heißt Lebensfreude»

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FULDA. Der Unterricht soll Freude am Leben vermitteln und die Schüler unterstützen, ihre Potenziale zu entdecken – so stellt sich eine Fuldaer Schule den Sinn des Fachs Glück vor. In Hessen ist das Fach selten. Eine Expertin sieht das Konzept kritisch.

Kann man glücklich sein lernen? Oder Wege dorthin im Schulunterricht aufzeigen? Eine Privatschule in Fulda versucht es seit wenigen Monaten. An der Grund-, Real- und Handelsschule des Bildungsunternehmens Dr. Jordan steht nun auch das Fach Glück auf dem Stundenplan, meist im Rahmen des etablierten Ethik-Unterrichts. Schüler verschiedener Altersgruppen werden unterrichtet. Das Ziel ist, zu ihrer Persönlichkeitsbildung beizutragen. Sie sollen ihre Stärken und Schwächen entdecken. Lothar Jordan erklärt: «Das Lernziel heißt Lebensfreude.» Jede Stärkung der persönlichen Potenziale sei ein Glücksgefühl.

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Letztlich geht es darum, ein glückliches und zufriedenes Leben führen zu können. Foto: Pexels / Pixabay (CC0 1.0)
Letztlich geht es darum, ein glückliches und zufriedenes Leben führen zu können. Foto: Pexels / Pixabay (CC0 1.0)

Glück als Schulfach? Da musste Elke Knoll erst mal lächeln. «Ich war skeptisch. Doch mittlerweile bin ich, wie viele andere Schüler auch, überzeugt vom Sinn und Nutzen», erklärt die Lehrerin, die eine 11. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums unterrichtet. Mit dem Fach Glück gehört die Schule in Hessen zwar zu den Exoten. Bislang einmalig ist es dort aber nicht. In Darmstadt (Stadtteilschule Arheilgen) etwa wird an einer Schule auch Glück unterrichtet. Und in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich schon rund 100 Schulen angeschlossen. Schulen in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin haben sich unter anderem ans Glück gewagt.

Der Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel von der Technischen Hochschule Nürnberg begrüßt, dass es mittlerweile das Schulfach Glück gibt. In Neuseeland hätten einige Schulen sogar den Lehrplan auf der Grundlage der Erkenntnisse der Glücksforschung überarbeitet.

Zurück geht die Idee in Deutschland auf das Konzept des Fritz-Schubert-Instituts in Heidelberg. 2007 startete Ernst Fritz-Schubert als Oberstudiendirektor an der Willy-Hellpach-Schule das Projekt. Aufgabe war und ist es, Lebenskompetenz, Lebensfreude und Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und diese auch im Schulalltag zu realisieren, erklärt das Institut. Drei Fuldaer Pädagogen sind dabei, sich in Heidelberg fortbilden zu lassen, um den Glücksunterricht an der Schule in Osthessen zu leiten. Und weitere Lehrer sollen fortgebildet werden. Denn die bisherigen Erfahrungen seien «umfassend positiv», sagt Jordan.

Lehrerin Knoll erklärt: «Letztlich wollen wir den Schülern Werkzeug mitgeben, wie sie ein glückliches und zufriedenes Leben führen können.» Das zu vermitteln, funktioniere in allen Altersklassen, nur mit unterschiedlichen Methoden. «Wir hoffen, dass das Fach den Schülern weiterhilft. Es geht allein um sie und ihre Entwicklung. Da geht es nicht darum, Fachwissen zu reproduzieren oder anzuwenden.»

Der Unterricht der 11. Klasse an der Fuldaer Privatschule wirkt ungewöhnlich. 15 Schüler sitzen in der Bibliothek auf bunten Hockern im Kreis. Lehrerin Knoll hält anfangs ein Boot in den Händen und reflektiert mit den Schülern: «Wir wollen auch Segeln können, wenn wir viel Gegenwind haben.» Das Boot symbolisiert für die Lehrerin und Schüler die Reise, auf die sie sich mit dem Fach Glück begeben. In einem Lernexperiment sollen sich die Schüler überlegen, welche Tugenden hilfreich sind, um die Welt retten zu können. Die Schüler ziehen sich in Gruppen zurück und präsentieren dann ihre Ergebnisse.

Das Fach hat Schnittmengen von Philosophie, Psychologie und Persönlichkeitsbildung. «Aber es gibt viele Überschneidungen mit anderen Themen», sagt Knoll, «auch Suchtprävention, Ernährung und vieles mehr kann man besprechen.» Die Initiatoren erhoffen sich, dass die Schüler reflektierter, selbstbewusst, widerstandsfähiger, friedfertiger, leistungsfähiger und kreativer werden.

Eine Expertin der Universität Gießen sieht das Fach kritisch. Anita Rösch, Akademische Oberrätin für Didaktik der Philosophie und Ethik, sagt: «Der Unterricht darf keine Selbsthilfegruppe oder Gruppentherapie werden.» Es müsse Schutzgrenzen für die Schüler geben. «Sie geben in dem Fach schließlich mitunter viel von ihrer Persönlichkeit preis. Die Schüler offenbaren sich untereinander und der Lehrkraft gegenüber.» Dafür bedürfe es eines guten Verhältnisses. Und Persönlichkeitsentwicklung dürfe sich nicht nur auf ein Fach konzentrieren. Dies sei allgemein Aufgabe von Schule.

Für den Initiator an der Fuldaer Schule kommt die Skepsis nicht überraschend. «Sicherlich denken viele: Was für ein Spinner.» Aber er habe viel Zustimmung erfahren. «Eine Mutter hat mich sogar umarmt», verriet Jordan.

Den Fuldaer Schülern, die nach dem Unterricht über ihren Erfahrungen mit dem Fach sprechen wollen, gefällt es. «Anfangs war ich unsicher, ob sich das lohnt. Aber nun bin ich positiv überrascht», sagt Dania (16). «Ich haben schon viele Denkanstöße bekommen – zu meinen Stärken und Schwächen und wo mich mein Berufsleben hinführen könnte.» Sie wolle gern Polizistin werden, weil sie Führungsqualitäten bei sich entdeckt habe. «Da darf man nicht von der weichen Sorten sein.»

Ihr Mitschüler Simon (17), der mit dem Pilotenberuf liebäugelt, ist auch begeistert: «Auch wenn man mal Zweifel hat, kann man sich seiner Stärken wieder bewusst werden.» Er beobachtet beim Unterricht: «Die Zeit geht sehr schnell um. Das ist wohl ein Zeichen, dass es Spaß macht.» (Jörn Perske, dpa)

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1 KOMMENTAR

  1. Die Jordanschule in Fulda hinterlässt bei vielen ihrer Angestellten laut kununu jedenfalls keinen guten Eindruck, so dass diese nicht sehr glücklich zu sein scheinen. Ob unglückliche Lehrer Glück unterrichten können, wage ich aber zu bezeifeln.

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