Palmer tritt Debatte um Kopftuchverbot in Schulen und Kitas los: „Mädchen sollten lernen, dass Gott sie nicht straft, wenn sie keins tragen“

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TÜBINGEN. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hat sich für ein Kopftuch-Verbot für junge Mädchen an Schulen und Kindergärten ausgesprochen – und damit eine Kontroverse ausgelöst. „Mädchen sollten lernen, dass Gott sie nicht straft, wenn sie kein Kopftuch tragen“, heißt es in einem Brief Palmers an den „Mädchentreff Tübingen“. Der hatte Palmer zuvor dafür kritisiert, dass er am „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ ins Rathaus eingeladene Flüchtlingsmädchen, die Kopftuch trugen, mit seiner Forderung brüskiert habe.

“Sie sollten das Gefühl von Wind in den Haaren kennen, bevor sie sich für das Kopftuch entscheiden”: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Foto: Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Einladung für den 25. November stammt von der „Universitätsstadt Tübingen“. In Kooperation mit „Frauen helfen Frauen e.V.“, dem „Frauenverband Courage Tübingen/Reutlingen“ sowie dem „Zirkus Zambaioni“ veranstalte das Referat „Gleichstellung und Integration“ eine Aktion „Den Mädchen das Rathaus!“, so hieß es. Ausdrücklich eingeladen (und als Partner der Veranstaltung genannt): der „Mädchentreff e. V.“ – ein Verein, der sich auch um geflüchtete Mädchen und junge Frauen kümmert. In seiner Begrüßungsrede erklärte Palmer, Erstunterzeichner einer Petition der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes zu sein. Sie fordert darin ein Verbot des sogenannten Kinderkopftuchs in öffentlichen Räumen. Palmer argumentierte, wenn junge Mädchen ein Kopftuch trügen, werde diese Entscheidung von den Eltern getroffen. Sie müsse aber den Kindern überlassen werden.

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In dem Aufruf von Terre des Femmes heißt es: „Die Verschleierung von Mädchen aller Altersstufen – ein zunehmendes Phänomen in vielen Schulen und sogar in Kindergärten – steht für eine Diskriminierung und Sexualisierung von Minderjährigen.“ Weiter wird betont: „Die Verschleierung von Mädchen ist keine harmlose religiöse Bedeckung des Kopfes. Sie stellt eine geschlechtsspezifische Diskriminierung und eine gesundheitliche (psychische und körperliche) Gefahr dar. Ihre Chancen auf eine gleichberechtigte Teilnahme am gesamtgesellschaftlichen Leben werden massiv eingeschränkt. Die Frühverschleierung konditioniert Mädchen in einem Ausmaß, dass sie das Kopftuch später nicht mehr ablegen können.“ Die Unterschriften unter die Petition sollen im Juni 2019 an das Bundesjustizministerium übergeben werden. Agentur für Bildungsjournalismus

Aus dem Brief des Mädchentreffs an Palmer - und was er antwortet

Mit Empörung haben die Initiatoren des Tübinger Mädchentreffs e. V. auf den Auftritt von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ reagiert. Sie werfen Palmer vor, dabei über anwesende Betroffene hinweg ein Kopftuchverbot gefordert zu haben – ohne mit ihnen zu sprechen. Im Wortlaut eines Schreibens an den OB heißt es:

„In den Herbstferien haben wir mit 12 Mädchen einen 2tägigen Workshop durchgeführt mit dem Ziel, die  Teilnehmerinnen zu bestärken, ihnen  eine Stimme zu geben und ihre gesellschaftliche Teilhabe zu fördern. Gemeinsam wurden Stärken herausgearbeitet, es gab Momente der Selbstermächtigung und des Empowerments und Raum dafür Probleme, gesellschaftliche Hindernisse und Hürden zu besprechen. Das Ergebnis sind 12 starke, aussagekräftige, persönliche Collagen, auf denen die Themen der Mädchen und jungen Frauen künstlerisch umgesetzt wurden. Es geht um Teilhabe, gehört werden, ‚ich möchte nicht unterdrückt werden‘, ‚ich darf entscheiden‘, ‚meine Identität, Herkunft macht mich stark‘, und ja, auch ‚mein Kopftuch macht mich stark‘.

Mit diesen Mädchen und jungen Frauen gehen wir also ins Rathaus, wir ermutigen sie, dass sie dort eine Stimme haben und ihre Collagen vorstellen können, unter anderem vor Leuten, die viel zu sagen haben in Tübingen, so wie zum Beispiel Sie Herr Palmer. Wir gehen von einer Veranstaltung aus, die Mädchen und junge Frauen willkommen heißt und respektiert, unabhängig von ihrer Herkunft, unabhängig davon, ob sie Kopftuch tragen oder nicht, schließlich steht der Tag unter dem Motto „den Mädchen das Rathaus!“.

Gleich zu Beginn sprechen Sie, Herr Palmer, Ihr Grußwort, begrüßen darin die Anwesenden und kommen auf die politische Bedeutung des Tages gegen Gewalt an Frauen zu sprechen. Doch dann schlagen Sie eine Richtung ein, die uns vor den Kopf stößt: es geht um die hohe Anzahl geflüchteter Männer aus vorwiegend patriarchalen Gesellschaften, die ihrer Meinung nach eine ungeahnte Dimension an Gewalt gegen Frauen mit sich bringen, die die Sicherheit im öffentlichen Raum gefährden und doppelte Polizeipräsenz erfordern. Gleich wurden Prozentzahlen mitgeliefert, wie viele Tübinger Bürgerinnen und Bürger sich seit 2015 unsicher fühlen in unserer Stadt.

Und die geflüchteten Mädchen und jungen Frauen, die im Publikum sitzen und Ihnen zuhören, Herr Palmer, wie haben sie sich wohl gefühlt, an „ihrem“ Tag im Rathaus? Haben diese Zuhörerinnen sich wohl gefragt, ob ihre Brüder, Väter, Onkels und Cousins auch gemeint waren, sofern sie nicht im Krieg umgekommen sind? Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihnen nicht, denn Sie haben direkt zum nächsten Thema übergeleitet und sich als einer der Erstunterzeichner der Anti-Kopftuch-Kampagne von Terre des Femmes ‚Den Kopf freihaben‘, die im Juni 2018 gestartet wurde, zu erkennen gegeben. Einige unserer Besucherinnen, auch Mädchen die sich am Projekt beteiligt haben und mit uns im Rathaus waren, tragen Kopftuch. Sie hören, was sie sagen und sprechen sich nachher entschieden dafür aus, selbst entscheiden zu können was sie auf dem Kopf tragen. Das Tragen des Kopftuches, sagen manche, ist für sie ein Zeichen von Stärke, weil es Teil ihrer Religion ist.

Für uns ist das Kopftuch zuerst Zeichen einer Religionszugehörigkeit. Personen dürfen entscheiden, ob und wann sie diese Zugehörigkeit nach außen zeigen. Erlauben Sie uns die Frage: Mit wie vielen Mädchen oder Frauen, die Kopftuch tragen, haben Sie bisher gesprochen?“

Boris Palmer hat dem Mädchentreff geantwortet. Auch aus diesem Schreiben zitieren wir im Wortlaut:

“Vorneweg: Die Arbeit, die Sie mit den zwölf Mädchen gemacht haben, halte ich für wichtig und schätze sie sehr. Auch die dabei entstandenen Arbeiten sind aufschlussreich und wertvoll. So wie Sie habe auch ich das Ziel, dass diese Mädchen in unserer Gesellschaft selbstbewusst leben können und gestärkt werden.  Offenkundig haben wir aber verschiedene Vorstellungen, was diesem Ziel dient. Ich bin der Auffassung, dass Stärke nicht in artifiziellen Schutzräumen entsteht. Ausnahmen gibt es, zum Beispiel bei schweren Traumata, aber die öffentliche Debatte darf nicht durch Rücksichtnahme auf vermeintliche oder reale Empfindsamkeiten so weit eingeschränkt werden, dass die Wahl der Themen nicht mehr von der gesellschaftlichen Bedeutung, sondern von der Rezeption durch direkt Betroffene bestimmt wird.

Ich stelle also nicht in Abrede, dass die Mädchen von meinen Anmerkungen zu Gewalt und Kriminalitätsfurcht in Tübingen irritiert gewesen sind oder Fragen an ihre Herkunftsgesellschaft oder Familie mitgenommen haben. Ebenso ist mir klar, dass die Forderung nach einem Verbot von Kopftüchern in Bildungseinrichtungen für diese Mädchen unverständlich oder gar empörend gewirkt haben kann. Ich meine nur, dass es ihnen zugemutet werden darf, sich mit diesen Themen zu befassen und politische Forderungen zu hören und zu verstehen. Selbstverständlich sollte das nicht ohne Not geschehen. Es wäre nicht richtig, Menschen ohne Grund vor den Kopf zu stoßen. Zu prüfen ist aus meiner Sicht also, ob es gute Gründe gab, über Gewalt im Kontext von Zuwanderung und das Verbot von Kopftüchern in Bildungseinrichtungen aus diesem Anlass zu sprechen. Für meine Begriffe ist das zu bejahen. (…)

Ebenso erscheint es mir gut begründet, das Thema (Kopftuch, d. Red.)aufzugreifen. Der Bezug zu Gewalt an Frauen ist nach meiner Auffassung gegeben. Denn auch wenn das Kopftuch nicht immer Zeichen von Unterdrückung ist, so gibt es doch sehr viele Belege dafür, dass es das sein kann und damit auch Gewalt verbunden ist. Sie fragen, ob ich über das Kopftuch schon mit Mädchen diskutiert habe. Ja, sehr oft. Zu meinem Bedauern habe ich dabei nie junge Frauen kennen gelernt, die bereit wären, das Kopftuch abzulegen. Wer es trägt, trägt es in der Regel so streng, dass kein Männerblick zugelassen werden soll. Genau aus diesen persönlichen Erfahrungen heraus bin ich für das Verbot in Bildungseinrichtungen. Mädchen sollten lernen, dass Gott sie nicht straft, wenn sie kein Kopftuch tragen. Sie sollten verstehen, dass daran nichts unkeusch ist und Männer sie nicht als Sexobjekte einstufen, wenn sie offenes Haar tragen. Sie sollten das Gefühl von Wind in den Haaren kennen, bevor sie sich für das Kopftuch entscheiden.”

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers heiß diskutiert.

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11 KOMMENTARE

  1. Da ein strafender Gott – egal welcher – oft nicht unmittelbar straft, sondern möglicherweise sogar erst nach dem Tod (siehe Konzept “Hölle”), ist die Aussage von Palmer nicht sehr schlau.

    • Im Protestantismus, und das scheint Palmer als Schwabe zu sein, gibt es keinen strafenden Gott, vor dem man sich fürchten muss.
      Der Zwang zum Tragen derartiger geschlechtsspezifischer Kopfbedeckungen im öffentlichen Leben, dient allein der frühen Prägung der Mädchen in die Rolle als keusche und die Ehre der Familie wahrende Mitglieder einer von Männern dominierten Gesellschaft, deren Dasein im häuslichen Umfeld der Familie vorbestimmt ist, dem sie durch diese äußerlichen Merkmale, welche sie als selbstverständlichen Bestandteil und Ausdruck ihrer Unterwerfung unter das Patriachat tragen, als solches Instrumentarium auch so zum Ausdruck bringen.

  2. “Mädchen sollten lernen, dass Gott sie nicht straft, wenn sie kein Kopftuch tragen. Sie sollten verstehen, dass daran nichts unkeusch ist ” So Palmer lt. obigem Artikel.
    Was soll nun an dieser Aussage falsch sein? Ich sehe nichts. Entweder gibt es gar keine Götter, dann ist das Thema sowieso obsolet, oder es gibt einen Gott, aber dann wäre es irgendwie albern, dem zu unterstellen, dass er sich in seinem Urteil über die Menschen primär nach Kleidungsstücken richtet und nicht nach dem, was in den Köpfen drin ist.
    Unkeusch sind nicht Kleidungsstücke, sondern allenfalls gewisse Gedanken oder Handlungen. Wobei man das Wort “keusch” im Sinne von sexueller Enthaltsamkeit seinerseits mal diskutieren sollte. Macht das überhaupt Sinn? Haben wir das nicht inzwischen überwunden?
    Diese Initiatoren dieses Tübinger Mädchentreffs sollten sich mal mit dem Thema “Patriarchat” und “Unterdrückung von Frauen und Mädchen” befassen. Da scheint es Nachholbedarf zu geben.

    • Mich würde es nicht wundern, wenn viele der Mädchen das genauso sehen wie Palmer, allerdings aufgrund der mittelalterlichen Ansichten des Vaters, der Brüder und der Kusengs nicht ausleben dürfen.

      • So geht’s natürlich auch – man redet nur über die Betroffenen, nicht mit ihnen. Und unterstellt schon mal vorsorglich, dass sie ohnehin nur das nachbeten, was ihnen andere vorgeben.

        Haben Sie schon einmal in Ihrem Leben mit muslimischen jungen Frauen gesprochen? Ich kenne mehrere, die das Kopftuch tragen – entgegen dem ausdrücklichen Rat ihrer Eltern, die sich um die Karrierechancen ihrer Töchter in Deutschland sorgen. Das ist denen aber egal, ihnen geht es um kulturelle Identifikation und Selbstbehauptung – auch gegen solche deutschstämmige älteren Herren wie hier, die glauben, sie auf den rechten Weg bringen zu müssen.

        • Und das macht dann die Aussage von @xxx weniger wichtig? Nur weil es emanzipierte Frauen gibt, die das Kopftuch aus freien Stücken tragen, bedeutet das nicht, dass man dann alle anderen Frauen ignorieren kann. Nicht jeder hat das Glück solch aufgeklärte Eltern zu haben.

          Im Übrigen sind Sie doch nicht besser, wenn Sie hier pauschal den Schreibern unterstellen “deutschstämmige ältere Herren” zu sein, die Frauen auf den rechten Weg bringen zu müssen”. Ist aber mittlerweile modern “deutsch, weiß, alte Herren” als eine Art von Diskreditierung zu verstehen. Was soll man da auch erwarten.

        • Anna: Wenn Frauen das Kopftuch aus freien Stücken tragen, habe ich nichts dagegen. Wenn die Eltern ausdrücklich etwas dagegen haben, weil sie um die Karrierechancen der Tochter fürchten, sind das integrierte Muslime, die mit den Probleme machenden konservativen Parallelgesellschaften nichts zu tun haben wollen.

  3. Ich stelle mir vor, wie die Überschrift des Artikels lauten würde, wenn aktuell eine Führungsperson der AfD ein solches Kopftuchverbot gefordert hätte. Ob da die Begriffe “Islamfeindlichkeit “, “Rassismus” oder “Hass” und “Hetze” gefehlt hätten?

  4. Beim weiteren Nachdenken empfinde ich ein Problem damit, wenn ein Politiker festlegt, was kleine Mädchen über Gott lernen sollen. Eigentlich mag ich Boris Palmer und seine undogmatisch praktische Art, auch über die Tabus seiner eigenen Partei hinweg zu denken und zu handeln. Aber was Kinder anziehen und was sie glauben sollen, das ist Sache der Eltern, nicht des Oberbürgermeisters. Steht so im Grundgesetz.
    Wenn man den Islamismus nicht will, dann muss man die Islamisten ausweisen und nicht ihre Kinder zwangserziehen.

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