Warum immer noch mehrere Tausend Mädchen alljährlich zu Teenie-Müttern werden

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BREMERHAVEN. Die Zahl der Teenie-Mütter in Deutschland geht zwar zurück. Dennoch wurden 2017 immer noch über 4100 Kinder von Minderjährigen geboren. Der Grund ist meist in deren Familienverhältnissen zu suchen.

Wenn das Kind da ist. holt sehr junge Mütter oft die Realität ein. Foto: Shutterstock

Lisa war 17, als sie schwanger wurde. Erst sei sie geschockt gewesen, erzählt sie. Doch ihr sei schnell klar geworden, dass sie das Kind behalten wolle. Ihre Eltern waren strikt dagegen. Es kam zum Streit. «Ich sage nie, dass es ein Unfall war. Es ist pures Glück, dass man Kinder kriegen kann», betont Lisa. Inzwischen ist sie 18 und Mutter. Ihre Tochter Janina (Namen von Mutter und Kind geändert) ist wenige Wochen alt. Beide leben in der Wohngemeinschaft «Hamme Lou» für minderjährige Mütter der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bremerhaven.

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In der Wohnung in einem Mehrfamilienhaus ist Platz für sechs junge Mütter oder Schwangere. Die Frauen essen und kochen zusammen. Sie lernen, Milchflaschen zuzubereiten und sich an Regeln zu halten. «Die Mädchen brauchen sehr viel Unterstützung», sagt Leiterin Ilona Kaupat-Neubauer. Rund um die Uhr sind Betreuerinnen anwesend. Im Schnitt bleiben die jungen Mütter ein Jahr. «Manche sind noch voll in der Pubertät, das macht es nicht einfacher», sagt Kaupat-Neubauer.

Alle derzeitigen Bewohnerinnen wurden vom Jugendamt geschickt, auch Lisa. Sie zog schwanger ein. Lieber wäre sie in eine eigene Wohnung gezogen, doch damit wäre sie überfordert gewesen. «Sie war hochaggressiv, als sie zu uns kam, voller Wut. Wir hatten große Bedenken, wie es wird, wenn das Baby da ist», sagt Ilona Kaupat-Neubauer. Aber einige Wochen vor der Geburt wurde Lisa ruhiger. «Sie hat sich völlig verwandelt. Sie geht jetzt sehr süß mit Janina um.»

Inzwischen hat Lisa Gefallen am WG-Leben gefunden. «Man kann mit den Betreuern Späße machen. Und mit einer Bewohnerin habe ich Freundschaft aufgebaut», sagt die junge Mutter. Ihr Zimmer hat sie persönlich gestaltet, sogar Fotos von ihrer Familie aufgestellt.

Die Zahl der minderjährigen Mütter in Deutschland sinkt seit Jahren. Hatten im Jahr 2002 noch 1,1 Prozent der Neugeborenen eine Mutter unter 18 Jahren, waren es laut Statistischem Bundesamt 2017 noch 0,5 Prozent. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung liegt das daran, dass Jugendliche immer besser verhüten. Für die Studie «Jugendsexualität» gaben im Jahr 2014 nur acht Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen an, beim ersten Mal nicht verhütet zu haben. 2001 waren es zwölf Prozent.

Dennoch wurden 2017 bundesweit immer noch 4165 Babys von Minderjährigen geboren. Neben mangelndem Wissen über Verhütung liegt das auch an dem Wunsch, die eigene Lebenssituation zu verbessern. «Die Gefahr besteht, dass die Mädchen mit dem Kind ihre innere Leere und Perspektivlosigkeit kompensieren wollen», sagt Maren Kick von Pro familia in Bremen. «Mutter zu werden, erscheint ihnen als Möglichkeit, sich von ihrer Familie trennen und eigenständig leben zu können.» Dass das Leben mit Kind noch schwerer sei als ohne, sei vielen nicht bewusst. «Sie müssen dann schnell erwachsen werden», betont die Sexualpädagogin.

Sehnsucht nach der heilen Familie

Auch viele Bewohnerinnen im «Hamme Lou» kommen aus schwierigen Verhältnissen. «Die Sehnsucht nach der heilen Familie spielt bei der Entscheidung fürs Kind eine große Rolle», sagt Kaupat-Neubauer. Manche der jungen Mädchen wollten mit der Schwangerschaft auch ihren Freund halten oder einen Grund haben, nicht mehr zur Schule gehen zu müssen.

Wenn das Kind da sei, sei schnell die rosarote Brille weg: der Freund abgetaucht, die Schulpflicht besteht weiter. «Wenn das Baby nicht mehr nur lange schläft, sondern seine eigenen Bedürfnisse entwickelt, kommt meistens der Einbruch bei den Müttern», sagt Kaupat-Neubauer. «Manchmal kann es dann auch ein Erfolg unserer Arbeit sein, dass die Mutter erkennt, sie schafft es im Moment nicht mit dem Baby.» 85 Prozent der Bewohnerinnen von «Hamme Lou» seien jedoch in der Lage, mit ihrem Kind schließlich in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Das ist auch Lisas Ziel. Drei Monate noch, dann wird sie gehen, engmaschig betreut von «Hamme Lou». Sie wird zusammen mit anderen jungen Müttern ihren Schulabschluss nachholen. Möglich macht das das «Känguru-Projekt» in Bremerhaven, bei dem die Babys während des Unterrichts im Nebenraum betreut werden. Anschließend will Lisa eine Ausbildung anfangen. Auch mit ihren Eltern hat sie sich inzwischen versöhnt. «Meine Familie steht mir zur Seite», sagt sie und gibt Janina die Flasche. Wenn sie die Kleine zum Schlafen hinlegt, dann hat sie ein bisschen Zeit für sich. Von Janet Binder, dpa

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