“Die Täter sind nur so stark, wie Kollegium und Schulleitung es zulassen”- ein Gastbeitrag zum Mobbing unter Lehrern

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BERLIN. Ein neues Buch der renommierten Psychologen Helmut Heyse und Bernhard Sieland, beide seit Jahrzehnten in Sachen Lehrergesundheit engagiert, wirft den Fokus auf „starke Kollegien“ – und das, was Pädagogenteams daran hindern kann, ihre volle Leistungskraft zu entfalten. Ein Punkt, der in der Praxis leider immer wieder zu beobachten ist (natürlich nicht nur, aber eben auch unter Lehrern und Erziehern): Mobbing unter Kollegen oder durch die Leitung. Der folgende Beitrag, den wir in zwei Teilen veröffentlichen, ist dem Buch entnommen, das den Titel trägt: „Kollegien stark machen – Schulen erfolgreich entwickeln“.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

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In Befragungen von Lehrkräften werden Schulleitungen am häufigsten als Täter genannt. Illustration: Shutterstock

Mobbing – Handicap für ein Kollegium

Nicht alle Kolleginnen und Kollegen sind gleichermaßen kompetent und beliebt. Dies kann ein Einfallstor für Mobbing sein (siehe auch Jäger, 2014; Meschkutat u. a., 2002; Heyse, 2017a).

Begriffsklärung: Mobbing kann umschrieben werden als eine besondere Art von psychischer Gewalt gegen eine Person mit dem Ziel, deren Berufs- und/oder Lebenssituation sowie ihre Integrität zu beschädigen oder gar zu zerstören. Mobbing ist allerdings kein rechtlich definierter Sachverhalt. Zwar werden für den Mobbing-Tatbestand bestimmte Merkmale gefordert, wie z. B. eine gewisse Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Anfeindungen. Dennoch ist es schwer zu unterscheiden, wo «normale» zwischenmenschliche Störungen enden und Mobbing anfängt. Ein Kennzeichen kann sein, dass die übliche Konfliktbearbeitung nicht greift, weil seitens der «Täter» oder der Beobachter keinerlei Interesse an einer Beilegung besteht.

Das Buch

 

Der tägliche Unterricht und die Bemühungen von Kollegien, sich mit ihren Schulen dem gesellschaftlichen Wandel zu stellen, kosten Kraft; Einzelkämpfer haben da wenig Chancen.

Es gibt jedoch Ressourcen, die Kollegien stark machen können, z. B. konstruktives Konfliktmanagement, effektive Partizipation, aufbauende Würdigungs-, Feedback- und Fehlerkultur, effiziente Kooperation, ein verbindliches Schulethos. Das Buch gibt vielfältige Anregungen, sie im Alltag zu nutzen, zu pflegen und zu fördern.

Das Buch hat 280 Seiten und kostet 25 Euro. Hier lässt es sich bestellen (kostenpflichtig).

Mobbing ist psychische Gewalt

Mobbing schwächt die individuelle und kollektive Leistungsfähigkeit, weil dadurch Grundbedürfnisse des Menschen massiv missachtet werden. Am Arbeitsplatz kann man dieser Gewalt kaum ausweichen.

Mobbing beginnt in der Regel schleichend als zunächst unauffällige Kommunikations- und Beziehungsstörung. Das Opfer ist zwar irritiert, jedoch noch nicht unbedingt beunruhigt. Über verschiedene Grade von Unhöflichkeit, unberechtigten Vorwürfen, übler Nachrede, ungerechter Schuldzuweisung, Diskriminierung, systematischem Ausgrenzen, versteckter oder offener Aggressivität, öffentlichen, diffamierenden Herabsetzungen und Demütigungen geht es bis zur gezielten Zermürbung der Person. Das hat fatale Konsequenzen für das Opfer, die bis zum Suizid reichen können. Handlungsbedarf von Außenstehenden besteht spätestens dann, wenn sich Konflikte zwischen bestimmten Personen häufen und nicht aufgearbeitet werden oder werden können. Das gilt umso mehr, wenn die angegriffene Person dem aus eigener Kraft nicht Einhalt gebieten kann, und der Täter leugnet, dass überhaupt ein Problem besteht.

Allerdings muss nicht jedes unfreundliche Wort, nicht jede vermeintliche Benachteiligung, nicht jeder schiefe Blick schon Anzeichen für Mobbing sein, obwohl Betroffene gern diesen Ausdruck verwenden. Auch ist, wie bereits angedeutet, was als Mobbing empfunden wird, manchmal (lediglich) eine – vielleicht nicht ganz faire – Konsequenz des Umfelds auf eigenes Verhalten. In diesen Fällen besteht erheblicher Feedback- Bedarf !

Mobbing und Schulkultur

Mobbing-Opfer kann im Prinzip jeder werden, unabhängig von seiner dienstlichen Stellung. Das Dilemma ist allerdings, dass oftmals Ranghöhere zu Tätern werden. Jäger (2014, Kapitel 2) kommt in seinen Untersuchungen zum Ergebnis, dass als häufigste Mobbing-Quelle Schulleitungen genannt werden. (Lehrkräfte und Schulleitungen werden mitunter auch von Schülerinnen und Schülern sowie Eltern gemobbt oder zumindest in vergleichbare Situationen gebracht. Dies wird hier mitgedacht, aber nicht ausdrücklich behandelt.)

In dichten sozialen Systemen wie Kollegien bleiben die Folgen von Mobbing nicht auf die unmittelbar Betroffenen beschränkt. Mobbing gefährdet die Sozialkultur und belastet die Beziehungen innerhalb des Kollegiums und zu den Führungskräften. Allein schon, dass es Mobbing im Kollegium als Tatbestand gibt und es zugelassen wird, wirft Fragen zu den sozialen Kompetenzen oder zur Zivilcourage der Lehrpersonen und zur Führungsstärke der Schulleitung auf. Denn auch diejenigen, die zusehen und nicht einschreiten, machen sich schuldig am Leid der Opfer. Sie empfinden sich zwar in der Regel selbst als neutral, werden aber von den Tätern wie den Opfern schnell als schweigende Anhänger der Täter wahrgenommen. Nicht zuletzt deshalb betonen die Qualitätsprogramme für Schulen (z. B. IQES sowie die Orientierungsrahmen Schulqualität von Niedersachsen und Rheinland-Pfalz) die Bedeutung von Schulklima, Kooperation und Arbeitszufriedenheit.

Ein Kollegium sollte in seinem Schulethos bestimmte Verfahrensweisen vereinbaren, wie der Eskalation von Störungen vorgebeugt werden soll (und sie dann auch beachten). Denn letztlich hängt es von der Kommunikations-, Interaktions- und Konfliktkultur sowie der Führungsqualität in einem Kollegium ab, inwieweit sich schwierige zwischenmenschliche Situationen zu Verletzung, Abwertung und Isolierung oder gar zu Psychoterror ausweiten können.

Aufstand gegen Mobbing

Die Mobbing-Täter sind nur so stark, wie es Kollegium und Schulleitung zulassen. Daraus folgt für Kollegien die dringende Verpflichtung, Diskriminierung und Mobbing als Schulentwicklungsthema präventiv anzugehen und sich einzuschalten.

Ziel kollegialer Anti-Mobbing-Maßnahmen muss sein, das Opfer zu stärken und den Täter zu schwächen. Ein Mobber braucht massiven und machtvollen Widerstand, und das Opfer benötigt Schutz. Je länger man damit wartet, desto weniger besteht Aussicht auf Deeskalation.

Für ein Kollegium beginnt die Abwehr von Mobbing und Gemobbt-Werden einzelner Kolleginnen und Kollegen mit dem aktiven Hinsehen und dem offenen Ansprechen. Gemobbte Personen versuchen anfangs zu verheimlichen, in welcher verzweifelten Situation sie sich befinden, und Täter wollen verdeckt operieren – sofern ihr Tun nicht vom Kollegium geduldet oder gar unterstützt wird. In jedem Fall muss man Mobbing-Opfern Hilfen geben, sie stärken und schützend auffangen, damit sie die psychischen Belastungen einer Mobbing-Situation besser bewältigen können. Es schwächt den Täter, wenn das Opfer sich gegen seine Rolle wehrt – sofern es von anderen darin unterstützt wird. Denkbar sind kollegiale Gesprächsangebote, Zuhören, emotionale und moralische Unterstützung, Solidarität, Informieren über laufende Intrigen, Beratung über Verhaltensweisen zur Deeskalation usw.

Das ist mitunter recht ambivalent; es sind ja nicht die beliebtesten Kolleginnen oder Kollegen, die Opfer von Ausgrenzung, Ablehnung und Mobbing werden. Wer wegsieht, geschehen lässt, vielleicht sogar hämisch mitmacht, treibt diese Menschen jedoch in die Verzweiflung. Das Opfer fällt in der Regel als konstruktives Element für das Kollegium aus und zieht sich auf ungefährdete Gebiete zurück, sofern es die noch findet (z. B. den Unterricht). Deswegen geht Mobbing immer auch das Kollegium an!

Aber selbst wenn Mobbing von Ranghöheren im Kollegium ausgeht oder von Protegés der Schulleitung, muss es eine Mauer der Solidarität der anderen geben. Dies hat neben der ethischen und moralischen Selbstverständlichkeit auch handfeste Konsequenzen für den Zusammenhalt eines Kollegiums: Es muss Gruppendruck gegen den Täter aufgebaut werden; er darf nicht die Handlungs- und Meinungshoheit erlangen bzw. behaupten und das Klima bestimmen.

Mithilfe von Meinungsführern, ranghohen, angesehenen und allseits respektierten Kolleginnen oder Kollegen, oder einer mutigen Personalvertretung muss Öffentlichkeit hergestellt werden; nur so kann man Mobbern Grenzen setzen und sie möglicherweise isolieren. Eine einzelne Person, die dagegen Stellung bezieht, riskiert, in das Mobbing-Geschehen hineingezogen zu werden. Wenn es sich bei dem Täter um die Schulleitung handelt, ist letztlich die Schulaufsicht gefordert.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Teil zwei des Beitrags erscheint in den nächsten Tagen auf News4teachers.

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7 KOMMENTARE

  1. Und wie sieht es aus, wenn der Fall als Wanderpokal von einer Schule zur nächsten wechselt, selbst der GEsamtpersonalrat meint, man können Schulamt und Ministerium nicht verstehen, erhalte aber auch keine Begründung für deren Untätigkeit und bei jeder Schule, zu der die Lehrkraft geschickt wird, ist nach 2 Wochen Land unter.

  2. Das ist eines der Hauptgründe dafür, wenn hinter dem Rücken eines Kollegen gerdet wird. Wenn er so unfähig oder nicht Willens ist, seinen Job richtig zu machen und die anderen dafür mehr arbeiten müssen.

  3. Aus meiner Erfahrung ist einer der Hauptgründe, der Lehrerkollegen gegen Lehrerkollegen aufbringt, wenn jemand sehr viel und vermutlich (!) aus nichtigen Gründen fehlt, meist also (angeblich) wegen Krankheit, z.B. genau vor oder genau nach Ferien oder kurz vor den Zeugnissen und überhaupt ständig wegen jedem Schnupfen gleich eine ganze Woche und wir dürfen dann seinen/ihren Unterricht machen (Vertretung).

    Das kommt echt nicht gut.
    (Klar gibt es Leute, die wirklich krank sind, aber es gibt auch “die anderen”, die es nicht sind bzw. gerne ausnutzen.)

    • … und es gibt eben auch unter Lehrern die ewigen Rechthaber, die Besserwisser, die Choleriker, die Egoisten …

      Allerdings geht man ihnen, glaube ich, normalerweise einfach nur aus dem Weg und das ist ja keine Schikane und kein Drangsalieren (wie wir das Mobben nannten, als es das auch schon gab, nur nicht auf Englisch; unter Kinder dann “hänseln, trietzen, piesacken …”).

  4. @Küstenfuchs und Mückenfuß
    Der Schulleiter spielt m. E. beim Mobbing von Kollegen eine große Rolle.
    Und JA, es gibt dieses Mobbing, auch OHNE EIGENES VERSCHULDEN, siehe “ewigen Rechthaber, die Besserwisser, die Choleriker, die Egoisten …” oder “Wenn ein Kollege so unfähig oder nicht Willens ist, seinen Job richtig zu machen und die anderen dafür mehr arbeiten müssen.” Bei diesen Leuten würde ich auch nicht von “Mobbing” sprechen, sondern von selbstverschuldeter Ablehnung.

    Lehrer konkurrieren aber auch um Beliebtheit und besondere Anerkennung bei Schülern, Eltern oder dem Schulleiter. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Nicht zuletzt durch den ständigen Ausbau der Eltern- und Schülerrechte bzw. Ansprüche wurde diese Mobbingschiene erheblich ausgebaut und ein Prozess der Konkurrenz und Entsolidarisierung gefördert.

    • Ja, natürlich, das gibt es auch und ich finde es besonders absurd, wenn dann Lehrer, die andere Lehrer schikanieren, in ihren Klassen gegen Mobbing auftreten (wollen).

      Obiges habe ich nur geschrieben, weil da Gründe genannt wurden, warum jemand selber schuld sei, wenn er schlecht angesehen ist.

  5. Was können Lehrer denn ausrichten, wenn das Mobbing gegen mehrere Kollegen von der Schulleitung ausgeht? Z.B. weil jemand wechseln will, schwanger ist, das erwachsene Kind einen dem Rektor nicht gefallenen Artikel in der Lokalpresse schreibt, die Schulleitung aus Mathe- und Physiklehrern besteht und Sprachlehrer deshalb die Randstunden am Ende bekommen, einer Frau nicht zugetraut wird Jahrgangsleiter zu werden…. Das ließe sich unendlich fortsetzen. Das Schulamt war übrigens keiner/ keinem der Betroffenen eine Hilfe. Ja, auch das gibt’s. Und da half selbst der Zusammenhalt untereinander nicht.
    Also, was macht man da?

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