Bertelsmann Studie: Ganztag für Grundschüler rechnet sich für Staat und Wirtschaft

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GÜTERSLOH. Schulkinder mittags nach Hause zu schicken, sei ein «Luxus», den sich Deutschland nicht mehr leisten könne – sagt eine Studie. Die Autoren blicken auf Bildungschancen der Schüler, aber auch auf die Volkswirtschaft.

Im Ganztag gibt’s auch Zeit zum Spielen. Foto: Shutterstock

Eine breite Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder hat einer Studie zufolge positive Bildungseffekte und lohnt sich auch wirtschaftlich. Zum einen könnten vor allem sozial benachteiligte Kinder besser gefördert werden, ihre Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse und ein später gutes Einkommen würden steigen. Die vorab bekannt gewordene Untersuchung der Bertelsmann Stiftung sieht zudem zahlreiche ökonomische Vorteile, auch für den Staatshaushalt.

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Eltern könnten mehr arbeiten

Eltern – besonders Mütter – könnten häufiger erwerbstätig werden und auch mehr arbeiten. Sowohl der Niedriglohnsektor als auch die Arbeitslosigkeit würden laut Prognose sinken. Bis 2025 könnten rund 37.100 Vollzeitstellen neu entstehen, bis 2030 rund 54.800. Infolge zusätzlicher und höherwertiger Jobs und eines stärkeren Wirtschaftswachstums geht die Berechnung von steigenden Einnahmen für den Staat und zugleich schrumpfenden Sozialausgaben aus.

Dafür müssten aber zuerst öffentliche Milliarden-Mittel investiert und der Koalitionsvertrag umgesetzt werden. Dieser sieht für Grundschüler einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ab 2025 vor. Kommen die vom Bund für die laufende Legislaturperiode bis 2021 in Aussicht gestellten zwei Milliarden Euro und gebe es dann in der folgenden Legislatur weitere zwei Milliarden, könnten bis 2025 rund eine Million neue Ganztagsplätze entstehen, prognostiziert die Untersuchung zweier Wirtschaftswissenschaftler im Auftrag der Stiftung. Diese soll am Montag in Gütersloh vorgelegt werden. Der «Spiegel» berichtet in seiner aktuellen Ausgabe.

Im vergangenen Schuljahr 2017/18 hatten knapp 42 Prozent der Grundschüler einen Ganztagsplatz, wie Stiftungsexperte Dirk Zorn unter Berufung auf Zahlen der Kultusministerkonferenz sagte. Der Bedarf sei aber wesentlich höher, liege nach unterschiedlichen Erhebungen bei 70 bis 80 Prozent. Bis zum Schuljahr 2025/26 geht die Studie von rund 3,2 Millionen Grundschulkindern und einer geschätzten Lücke von mindestens 1,4 Millionen Plätzen aus – gemessen am aktuellen Stand.

Als ein wichtiger Baustein für mehr Chancengleichheit helfen zusätzliche Ganztagsplätze besonders Frauen mit Kindern, Alleinerziehenden und Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern, wie die Analyse betont. Auch die Armutsquote könne damit zurückgehen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte, die Studie zeige die großen Chancen eines Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung. «Deswegen arbeiten wir gemeinsam mit den Ländern daran, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung so schnell wie möglich umzusetzen.»

Stiftungsvorstand Jörg Dräger meinte, neben dem Digitalpakt sei das Ganztagsprojekt derzeit das wichigste schulische Reformvorhaben. Aber nicht nur die Zahl, auch die Qualität der Ganztagsangebote müsse steigen – mit zusätzlichen Lehrern und pädagogischen Fachkräften. Die Autoren bilanzieren: «Den “Luxus”, die Kinder mehrheitlich mittags nach Hause zu schicken, kann sich Deutschland nicht mehr leisten.» dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

„Der Unterricht ist das A und O“: Woran es beim Ganztag in Deutschland hapert – ein N4t Interview mit Bildungsforscher Bos

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12 KOMMENTARE

  1. Ein sehr schöner Artikel, der den Sinn und Nutzen der Schulentwicklung verdeutlicht, wie wir sie momentan beobachten. Ich empfehle dazu die Lektüre des genannten Spiegel-Artikels, um die wirtschaftliche Interessen des Arbeitsmarkts noch klarer zu sehen:
    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/ganztagsschulen-kinder-und-eltern-profitieren-a-1259135.html
    Den Mehrwert für die Schüler kann man Sicht der Bildung nicht wirklich erkennen, wie es in einem früheren Spiegel-Artikel ausgrdrückt worden:
    http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/ganztagsschule-studie-bescheinigt-nur-teilweise-erfolg-a-1087106.html
    Wie profitieren die Kinder vom Ganztag? Durch Lernförderung für Schwächere, die keine Nachhilfe erhalten? An meiner Schule beraten wir finanzschwache Eltern, sodass sie notwendige Nachhilfe vom Staat bezahlt bekommen. Neben weiterer Übungszeit höre ich immer das gleiche.Der Großteil der Eltern nimmt unser Ganztagsangebot aus einem Grund wahr:
    Aufgrund von Arbeit muss das Kind betreut werden.
    Die Modellrechnung der Volkswirte und Wirtschaftswissenschaftler bestreitet diesen Sinn auch nicht.
    Alleinerziehende und Paare sollen beide arbeiten. So würden neue Vollzeitstellen geschaffen – weil Elternteile aus Teilzeit- ind Vollzeit wechseln, weil sie sich sonst das Leben nicht leisten können.
    (Dass es sich für viele nicht mehr lohnt, Vollzeit zu arbeiten, weil Unterstützungen wegfallen und man so nicht mehr oder manchmal sogar weniger “rauskriegt”, interessiert ja keinen. Mütter müssen ihre Glückseligekeit in der Vollzeit finden, um sich persönlich zu entfalten – ob sie wollen oder nicht.)
    Der einzige tatsächliche Mehrwert für Kinder ist der, dass Eltern, die nicht als Vorbild taugen oder sich an der Erziehung und Bildung ihrer Kinder nicht beteiligen können, von dieser Aufgabe in geringem Maße entbunden werden.
    Von der Realisierung dieses Modells brauchen wir gar nicht erst zu sprechen. Der Lehrermangel, besonders an den Grundschulen, von denen hier die Rede ist, macht eine Erweiterung zum flächendeckenden Ganztag unmöglich.
    Überspitzt ausgedrückt: Wir brauchen den Ganztag, damit alle arbeiten gehen können, um sich Kinder zu leisten, die sie kaum sehen. Davon profitieren Wirtschaft und Staat.

  2. ZITAT: “Durch Lernförderung für Schwächere, die keine Nachhilfe erhalten? An meiner Schule beraten wir finanzschwache Eltern, sodass sie notwendige Nachhilfe vom Staat bezahlt bekommen.”

    Anderswo mag es anders sein. Ich kenne Ganztag so, dass es eine vorgeschriebene Hausaufgabenzeit gibt, in der die Kinder aber lieber miteinander herumdallern, sodass die meisten Hausaufgaben dann spätnachmittags oder abends zu Hause gemacht werden müssen. Zum anderen sind es oft so viele Hausaufgaben, Eltern beschweren sich regelmäßig darüber, dass in der HA-Zeit nicht alles zu schaffen ist und zu Hause noch gemacht werden muss. Von Fördermaßnahmen außer in der 0. Stunde habe ich noch nichts mitbekommen. Es gibt eine Mittagszeit, Spielzeit, Hausaufgabenzeit und dazwischen noch mal “Kaffee & Kuchen”. Sonst eigentlich nichts.

    Ganztag finde ich vor allem für berufstätige Eltern von Grundschülern sinnvoll, die dann ihre Kinder vergleichsweise sicher betreut wissen.

  3. Sicher rechnet sich der Ganztag für die Wirtschaft, da ja so mehr Frauen in den Arbeitsmarkt können. Das höhere Arbeitsangebot ermöglicht dann das Drücken der Löhne. Gerade der Einzelhandel profitiert davon ja enorm, aber das gilt auch für Bürotätigkeiten.

    Die Frage ist nur, ob die Schüler nicht weniger lernen im Ganztag, dennn in der Schule ist oft so viel Trouble, sodass man nicht wirklich konzentriert lernen kann. Am Ende kann man Mathe, Englisch etc. noch schlechter, weil einfach die Lernzeit fehlt.

    Und dann kommt noch hinzu, dass die Schüler in der Schule mehr Sitzen und sich somit mehr Rückenprobleme etc. entwickeln. Die kosten dann auch. Es ist kaum zu erwarten, dass jetzt mittags jeder Schüler Sport in der Schule treiben kann, dafür fehlen ja schon die räumlichen Kapazitäten.

  4. Das Bertelsmann-“Ministerium” bearbeitet hier wieder eines seiner Standardthemen: Ganztagsunterricht sei besser. Steter Tropfen höhlt den Stein. Vermutlich gibt es einige Kinder aus prekären Verhältnissen, denen der lange Aufenthalt in der Schule wirklich besser bekommt als ihr Zuhause. Aber die Ganztagsschüler, die ich unterrichtete, wollten nach 14:00 nur eins: schnell nach Hause! Oder alternativ: noch zwei Stunden ‘rumhängen.

    • Für die Wirtschaft. Was meinen Sie, weshalb das Schulsystem dahin umgebaut wurde? Schulzeitverkürzung, Ganztag usw. nenne ich nur als zwei Beispiele …

    • Die Elterngeneration ist der Wirtschaft doch egal; wegen der zukünftig fehlenden Facharbeiter liegt das Interesse der Wirtschaft auf den Kindern. da viele Eltern der für die unteren Lohngruppen interessanten Nachwuchskräfte als nicht bildungsnah gelten, liegt das Interesse der INSM darin, dass diese möglichst bis zum 18. Lebensjahr ganztägig in der Obhut staatlicher Aufsichtskräfte mit Lehrauftrag verbleiben. Diese Form der Betreuung Jugendlicher kommt die Länder günstiger als z.B. der offene Vollzug, ganz zu schweigen vom geschlossenen bzw. der Unterbringung in einer der spezialisierten Kliniken in Landesträgerschaft bzw. Trägerschaft eines der beiden Landschaftsverbände hier in NRW.

      Letztlich alles eine Frage der Wirtschaftlichkeit.

        • Die Mittelschicht beginnt laut Politik bei 1800-2000€ brutto im Monat und endet bei Einkommensmillionären wie Friedrich Merz. Seine Mittelschichtzugehörigkeit hat er selbst geäußert.

        • Im allgemeinen bis zu zwei Kinder. Davon abgesehen ist bei der “oberen Mittelschicht” eine Tendenz zu mehr d.h. bis zu vier Kindern zu verzeichnen.
          Diese klientel kann vom Einkommen eines Ehepartners in gehobenen Verhältnissen leben und ist daher in der Lage das zweite Einkommen komplett für die Kinder- und Haushaltsbetreuung auszugeben.
          Die Zahl der Einkommensmillionäre vor Steuern – damit sind ja nicht nur Einzelpersonen sondern auch gemeinsam veranlagte Paare gemeint – ist deutschlandweit gar nicht so gering. Deshalb ist das Thema “kalte Progression” für die Mittelschicht ja so bedeutsam. Nur wollen die Finanzminister diese Einnahmequelle nicht durch Änderung des Steuertarifes verlieren.

          • Für ein lineares Steuersystem müsste man den Höchststeuersatz mindestens wieder auf das Niveau der Kohl-Zeit anheben. Das ist mit einer SPD- und Merkel-Regierung nicht zu machen.

  5. Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern können (weil sie es sich leisten [können]) und wollen, können durch keine noch so gute Ganztagsschule ersetzt werden.

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