Giffey: Im Schnitt sitzen in jeder Klasse ein bis zwei missbrauchte Kinder

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BERLIN. Die Zahlen schockieren: In jeder Schulklasse hätten ein bis zwei Kinder Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Missbrauch, sagt Bundesfamilienministerin Giffey. Sie hat klare Forderungen – auch an die Kirchen.

Zeigt sich entsetzt: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. Foto: SPD Berlin/ Joachim Gern

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat von den Kirchen eine konsequente Aufklärung der Fälle von Kindesmissbrauch und auch personelle Konsequenzen verlangt. «Es gibt eine deklaratorische Bereitschaft, etwas zu tun. Das ist ja schon mal gut», sagte die SPD-Politikerin am Mittwoch in Berlin. Den vielen Worten müssten nun aber auch Taten folgen. Dabei seien auch personelle Konsequenzen zu ziehen.

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«Und eine personelle Konsequenz kann nicht darin bestehen, dass jemand einfach nur irgendwo anders hinversetzt wird, in die Verwaltung oder in die Sterbebegleitung oder sonst wohin», sagte Giffey. «Wer in einem Amt, in einem kirchlichen Amt oder wo auch immer, ein Kind in einer Situation eines Vertrauensverhältnisses missbraucht, der hat aus meiner Sicht in keinem Amt der Kirche oder in keinem sonstigen Amt mehr etwas zu suchen.»

Auf Vorschlag Giffeys hatte das Bundeskabinett zuvor die Amtszeit des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, für fünf Jahre verlängert. Für diese Aufgabe brauche man eine Person mit Kompetenz, Durchsetzungskraft und öffentlicher Wirkung, sagte Giffey. Diese Eigenschaften bringe Rörig mit.

Rörig forderte die Länder auf, zügig ebenfalls Missbrauchsbeauftragte zu installieren. Im Januar 2020 werde sich das Bekanntwerden des Missbrauchsskandals am Canisius-Kolleg in Berlin zum zehnten Mal jähren. Er hoffe, dass sich die Länder bis dahin entschließen, dem Vorbild des Bundes zu folgen. «Viele Zuständigkeiten im Bereich der Prävention, im Bereich der Intervention liegen ja auf der Landesebene. Und da läuft vieles im Moment noch sehr unkoordiniert.»

Bislang gebe es auf Länderebene keinen einzigen Missbrauchsbeauftragten mit einer starken Struktur wie im Bund. Mit zwei, drei Ländern wie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg stehe man im Gespräch. Gerade der jüngste Skandal im westfälischen Lügde zeige, wie unkoordiniert in einer Landesregierung mit so einem Fall umgegangen werde. «Ich rufe wirklich von hier aus noch mal auf, dass die Länder das jetzt ernst nehmen», sagte Rörig.

“Eine Million Kinder betroffen”

Das Thema Kindesmissbrauch sei «sehr, sehr groß», betonte die Familienministerin. Laut polizeilicher Kriminalstatistik seien 2017 rund 13.500 Kinder und Jugendliche Opfer sexualisierter Gewalt und Ausbeutung geworden. «Das Dunkelfeld ist viel, viel größer.» In jeder Schulklasse seien ein bis zwei Kinder betroffen. «Wir gehen davon aus, dass eine Million Kinder in Deutschland betroffen sind und schon mal Berührung, Kontakt hatten mit sexueller Belästigung oder bis hin zu Missbrauch», sagte Giffey.

Sie kündigte an, dass noch in diesem Jahr der Betroffenenrat neu berufen werde. Außerdem werde sie mit Rörig einen «Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen» ins Leben rufen, um ressortübergreifende Strategien zur Verbesserung von Prävention, Schutz und Hilfe zu entwickeln. dpa

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2 KOMMENTARE

  1. Die Initiative von Ministerin Giffey verdient Unterstützung, denn das Thema und die Not der betroffenen Kinder sind dramatisch. Und wenn Kirchenmänner Täter wurden und nicht zur Rechenschaft gezogen werden, ist das ein Skandal.
    Allerdings ist der wohlfeile Wink an die Kirchen ein wenig populistisch. Die Ministerin wird die Zahlen und Analysen des Statistischen Bundesamtes kennen: Der Missbrauch findet in allen Milieus und Gruppen der Gesellschaft statt, die allermeisten Fälle geschehen außerhalb des kirchlichen Raumes, und die Kirchen haben(wenn auch leider erst auf äußeren Druck hin) intensive Maßnahmen und Pflichtfortbildungen für Mitarbeiter und Kleriker in Sachen Prävention beschlossen. Ich bin nicht sicher, ob alle Schulen und Kitas in allen Bundesländern da schon so aktiv sind, von Sportvereinen ganz zu schweigen. Mit einer amtlichen Warnung vor zöpfetragenden Mädchen, die immer den Eltern gehorchen, wird es diesmal nicht getan sein.

  2. Die genannten Zahlen der Frau Giffey sind nicht valide, entsprechen persönlichen Vermutungen und Annahmen.
    Durch die Implementierung von Missbrauchsbeauftragten wird kein einziger Fall von kindlichem Missbrauch mehr aufgedeckt, dafür wird aber zusätzliches Steuergeld verschwendet, dass zum Beispiel im Bereich der Schulen besser investiert wäre.

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