BERLIN. Im Zusammenhang mit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke rückt die Internet-Hetze durch Rechtsradikale zunehmend in den Fokus. Auch immer mehr Schulen sind davon betroffen: Bürgerschaftliches Engagement von Lehrern und Schülern, ob nun für eine offene und demokratische Gesellschaft oder für mehr Klimaschutz, wird mit hundertfachen Beschimpfungen und Drohungen bedacht. Nicht selten geht es dabei auch um Mord oder Vergewaltigung.
Geplant war eine kleine Aktion, um Grundschüler für den Klimaschutz zu sensibilisieren. Heraus kam eine Kampagne von Rechtsaußen. Die Schulleiterin beschrieb den Ton der vielen Mails, die sie erreichten, als „asozial“. Regelrechte Hass-Mails seien dabei gewesen, bis hin zur Gewaltandrohung, so berichtet die „Rheinische Post“. Wörtlich habe es geheißen „Man sollte Sie umbringen, bevor Sie so einen Scheiß mit den Kindern machen“. Eine andere Person schickte eine anonyme Postkarte an die Schule: Von „links-grüner Gehirnwäsche schon an Grundschulen“ war dort die Rede.
Der Anlass: Die Düsseldorfer Grundschule hatte sich am städtischen Programm „Mit Energie gewinnen“ beteiligt. Dabei sollte die Hälfte des Geldes, das sie durch Umweltschutz- und Energiesparmaßnahmen einspart, an die Schule zurückfließen. Ein paar freie Mittel für einen guten Zweck? Grund genug für die Schule, sich mit einem „Warmer-Pulli-Tag“ zu beteiligen, an dem – nach Ankündigung – die Heizungen im Schulgebäude heruntergedreht werden sollten.
Adresse der Schule und Foto der Schulleiterin veröffentlicht
Die rechtsextreme Plattform „PI-news“ schürte die Empörung ihrer Klientel. Sie schrieb: „Nach der unter großem Medienhype für die Klimalüge instrumentalisierten jungen Autistin Greta Thunberg aus Schweden, sollen nun auch deutsche Grundschulkinder gefälligst durch persönliches und körperliches Engagement die linksgrüne Klimahysterie unterstützen.“ Unter dem Beitrag wurde die Adresse der Schule – samt Namen, E-Mail-Adresse und Foto der Schulleiterin veröffentlicht. Zynischer Zusatz: „Wir bitten Sie bei Schreiben an die Kontaktadresse, trotz aller Kontroversen in der Sache, um eine höfliche und sachlich faire Ausdrucksweise.“
Was die Leser unter „höflicher und sachlich fairer Ausdrucksweise verstehen“, wird in den Kommentaren unter dem Text deutlich. Dort heißt es (Fehler in den Originalen):
- „Allerdings anstatt,die Heizung runter zu drehen,könnte man die lieben Kleinen doch ganz Systemkonform,eine Moschee besichtigen lassen,da ist es sicher lecker warm, hockens doch eh alle auf dem Boden und jallern,und wer noch ein wenig in der Physik zu Hause ist, weiss,daß es auf dem Boden immer am Kältesten ist..“
- „Solange keine wertvollen Fachkräftekinder in der Klasse sitzen geht das völlig i.O. – böse Kartoffeln können ruhig frieren. Außerdem lässt sich´s mit kalter Birne schlechter lernen – wichtig für unseren Verblödungsstaat!“
- „Eine geistig behinderte Thunfisch-Greta wird von der Lobby benutzt, um mehr fürs Klima abzuzocken. Um was anderes geh es nicht.“
- „Ich sag das ja immer wieder, in Deutschland hilft nur noch eine mindestens 15 Jahre lange schwere Rezession mit Massenarbeitslosigkeit, Hunger und Elend, um den Leuten mal wieder den Kopf gerade zu rücken.“
- „Jede Frau hat ihren Reiz, auch wenn es nur ein Juckreiz ist.“ (Bezogen auf das Foto der Schulleiterin)
- „Moslems, Kommunisten, GRÜNE – lasst eure dreckigen Finger von unseren Kindern!“
Die Masche hat Methode. Das Sammeln und Veröffentlichen persönlicher Informationen, auch Doxing genannt, ist ein beliebtes Mittel der Einschüchterung durch Rechtsextreme – mit zunehmend realen Folgen.
Wie der Blog „Belltower“ der Amadeu Antonio Stiftung berichtet, erschien auf „PI-News“ auch ein Artikel zum mittlerweile ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke, in dem er als „Volksverräter“ bezeichnet wurde. In den unmoderierten Kommentarspalten wurde dem Bericht zufolge Lübckes Privatadresse veröffentlicht, teilweise „sogar mit indirekten Aufforderungen“. Wegen Volksverhetzung, Verbreitung von falschen Informationen oder wegen der massiven Verstöße gegen das Urheberrecht (wie etwa der Veröffentlichung des Fotos der Düsseldorfer Schulleiterin) könne man PI-News jedoch nicht belangen. „Denn, wer derzeit für den Blog verantwortlich ist, ist nicht bekannt. Es gibt kein Impressum, die meisten Autor*innen verwenden Pseudonyme. Der Server steht in den USA. Auch über die Finanzierung des Blogs ist wenig bekannt“, heißt es.
Hetzkampagnen gegen Schulen häufen sich
So häufen sich in jüngster Zeit die Berichte über Hetzkampagnen von Rechtsradikalen gegen Schulen.
- Hunderte von Hass-Botschaften, darunter anonyme Anrufe, erreichten eine Grundschule im baden-württembergischen Wannweil, wie das Newsportal watson.de berichtet. Inhalt waren neben heftigen Beleidigungen auch Anschuldigungen und Drohungen – etwa diese: „Ich komme am Montag in deinem Unterricht vorbei, dann wirst du schon sehen“. Die Schreiben zielten auf die Leitung der Grundschule sowie eine evangelische Religionslehrerin. Der Anlass: Drei Jahre zuvor hatte die Lehrerin in einer Klassenarbeit eine Erörterungs-Frage gestellt. “In deiner Straße soll eine Mosche gebaut werden. Was ist deine Meinung? Begründe”. Zwei Punkte gab es für eine Antwort. Außerdem sollten die Schüler in dem Test unter anderem die Begriffe Koran und Allah erklären sowie die fünf Säulen des Islams auflisten. „PI-News“ war irgendwie auf die jahrealte Klassenarbeit aufmerksam geworden – und mobilisierte nun den rechten Mob, indem auf die Mailadressen von Schule und Lehrerin verlinkt wurde.
- Nach der Behauptung der AfD, an einer Hamburger Stadtteilschule werde für linksextremistische Positionen geworben, gab es unlängst eine Bombendrohung gegen das Kollegium. Das Gebäude musste daraufhin evakuiert werden. Nach Angaben der Schule hatte die Drohung „ganz klar“ einen rechtsextremen Hintergrund, so berichtet der NDR. Von dem Absender der Mail seien laut Polizei in jüngster Zeit bereits mehrere Bombendrohungen in Deutschland ausgegangen. Die Hamburger Polizei habe die Sache darum an das Berliner Landeskriminalamt abgegeben.
- Nachdem sich Schüler eines Lüneburger Gymnasiums mit einer Fotoaktion an einem Aktionstag gegen Rechtsextremismus beteiligt hatten – und dabei Hass und Hetze im Internet thematisierten –, wurde die Schule von einem rechtsextremen Shitstorm überrollt, wie „LZ online“ berichtet.
Der Netzaktivist Hannes Ley, der für sein Engagement für eine bessere Diskussionskultur in den sozialen Medien mit dem Online Grimme Award ausgezeichnet wurde und immer wieder vor Schülern auftritt, hat das Geschehen rund um das Lüneburger Gymnasium verfolgt. Verantwortlich für die Hetzkampagne seien im Wesentlichen drei Gruppierungen gewesen: Rechtsaußen der AfD, Identitäre Bewegung und „Reconquista Germanica“, Ley zufolge eine „militärisch straffe Organisation“.
Die Aktion sei geplant gewesen – und organisiert, sagt Ley: „Sie sprechen sich in geschlossenen Gruppen ab und gehen gegen Bürgermeister, Politiker und inzwischen auch gegen Schulen vor.“ News4teachers
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