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“Etikettierungsschwemme” bei der Inklusion: Warum es in Deutschland immer mehr Schüler mit der Diagnose „Förderbedarf“ gibt

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HANNOVER. Nach den offiziellen Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) schreitet die Inklusion zügig voran – jedenfalls steigt die sogenannte „Inklusionsquote“, die Zahl von Förderschülern an Regelschulen, stetig. Tatsächlich aber ist der vermeintliche Erfolg wohl eine Mogelpackung. Denn die Zahl der Förderschüler an Förderschulen sinkt nicht im gleichen Maß. Der Inklusionsforscher Hans Wocken spricht von einer „Etikettierungsschwemme“. Die GEW sieht dadurch die ohnehin viel zu schlecht finanzierte Inklusion bedroht.

Immer mehr Kinder in Deutschland bekommen den Status “Förderbedarf”. Foto: Shutterstock

Die GEW Niedersachsen macht bei der Inklusion eine fatale Entwicklung aus. So sagt der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Holger Westphal: „Obwohl der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf an den Regelschulen zugenommen hat, ist ihr Anteil an den Förderschulen nicht im selben Maße gesunken. Da stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass es plötzlich insgesamt viel mehr Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf gibt?“ Tatsächlich betrifft die „Etikettierungsschwemme“, wie der emeritierte Professor für Lernbehinderten- und Inklusionspädagogik Hans Wocken das Phänomen nennt, etliche Bundesländer. Und das hat ihm zufolge Methode.

Wo kommen all’ die neuen Förderschüler denn her? Aus den Regelschulen

Wocken schreibt auf „bildungsklick“: „Statt sich um einen spürbaren, nachhaltigen Abbau der Separation in Förderschulen zu bemühen, ist die sogenannte Inklusionsreform auf einem anderen Felde außerordentlich aktiv und – leider – sehr erfolgreich. Bekanntlich gibt es zwischen den Bundesländern einen ehrgeizigen Wettlauf um die höchsten ‚Inklusionsquoten‘. ‚Inklusionsquote‘ meint den Anteil jener Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die in allgemeinen Schulen unterrichtet werden, also inkludiert sind. Auf der Rankingliste imponieren mit den höchsten Inklusionsquoten wiederum die Länder Berlin, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein mit Inklusionsquoten von 60 bis 85 Prozent. Die jüngste Erfolgsmeldung kommt aus Niedersachsen, das eine stolze Inklusionsquote von 64,3 Prozent angibt; nahezu zwei Drittel aller Schüler ‘mit sonderpädagogischem Förderbedarf’ sind in allgemeinen Schulen, vorwiegend in Oberschulen und Gesamtschulen, inkludiert. Sind nun diese magisch beschworenen Inklusionsquoten ein glaubwürdiges Indiz für eine wünschenswerte und konzeptgemäße Inklusionsreform? Weit, sehr weit gefehlt!“

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Das scheinbar objektive Kriterium „Inklusionsquote“ werde systematisch missbraucht, um eine erfolgreiche Inklusionspolitik vorzugaukeln. Wocken spricht von einem „Täuschungsmanöver“. Denn, so fragt der Experte: „Woher kommen dann all die vielen, vielen Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die nun zu den aufgeblasenen Inklusionsquoten führen? Ganz einfach: Die ‚neuen‘ Förderschüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind nicht ehemalige Sonderschüler, sondern sie kommen fast ausschließlich aus den Regelschulen selbst.“ Diese Problem- und Risikoschüler würden „per großherziger sonderpädagogischer Diagnostik“ als Schülerinnen und Schüler „mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ identifiziert und etikettiert. Weil die neuen, etikettierten Förderschüler aber in den Regelschulen verblieben,  würden sie als „inkludiert“ gelten – und  die Inklusionsquoten in schwindelerregende Höhen treiben. „Das Geheimnis der Inklusionsquote ist in Wahrheit eine unkontrollierte und ausufernde Etikettierungsschwemme“, schreibt Wocken.

Warum machen die Schulen bei diesem Spiel mit?

Der renommierte Bildungsökonom Prof. em. Klaus Klemm stößt in dasselbe Horn. „Die von der KMK veröffentlichten Daten zur sonderpädagogischen Förderung in Förderschulen und in allgemeinen Schulen sind schon derzeit nur noch begrenzt aussagekräftig“, so stellt er in einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung fest. In den allgemeinen Schulen werde bei einer wachsenden Zahl von Kindern und Jugendlichen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert, bei Schülern nämlich, die auch schon früher in allgemeinen Schulen unterrichtet wurden, ohne dass bei ihnen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde. „Dies hat dazu geführt, dass in den allgemeinen Schulen die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit diesem Förderbedarf stärker gestiegen ist als es der Rückgang in den Förderschulen erwarten lassen würde. Dies wiederum trägt zu dem beobachteten starken Anstieg des Inklusionsanteils von 18,4 Prozent im Schuljahr 2008/09 auf 39,3 Prozent in 2016/17 bei. Dieser Anstieg führt zu einer Überschätzung des Ausmaßes des Fortschritts bei dem Weg zu einer inklusiven Schule.“

Gab es 2008 bundesweit 482.000 Schülerinnen und  Schüler mit diagnostiziertem Förderbedarf, so waren es acht Jahre später 524.000.

Warum machen die Schulen bei diesem Spiel mit? Wocken erklärt: „Der wichtigste Grund für leichtfertige und freizügige Etikettierungen dürfte das Bemühen um zusätzliche personelle Ressourcen sein, insbesondere um zusätzliche Sonderpädagogen-Stunden. Für diagnostisch nachgewiesene Förderbedarfe können bekanntermaßen zusätzliche Fördererressourcen reklamiert und akquiriert werden. Weil Förderdiagnosen mit Förderressourcen belohnt werden, kommt gemäß dem Verstärkungsgesetz eine unheilvolle Spirale in Gang: Für Diagnosen gibt es Ressourcen, mehr Ressourcen animieren zu noch mehr Diagnosen, und so fort. So wird durch die Etikettierungsschwemme eine wundersame Vermehrung von Inklusionskindern an Regelschulen in die Welt gesetzt.“

Das sieht durchaus auch die GEW Niedersachsen so. „Schulen erhalten nur dann die notwendigen Ressourcen, wenn sie einzelnen Schülern das Etikett `Förderbedarf´ auf die Stirn kleben“, erklärt Vize-Chef Westphal. Das führe aber zu verzerrenden Effekten bei der Verteilung der – ohnehin zu knappen – Mittel. Der Gewerkschafter meint: „Diese Form der Stigmatisierung ist der falsche Weg. Die Ressourcen müssen dem gesamten System Schule zur Verfügung gestellt werden, ohne einzelne zu etikettieren.“ Sonst könne die Inklusion nicht gelingen.

Kita-Träger warnt: Zahl der Kinder mit Förderbedarf steigt weiter

Tatsächlich führt die Vermehrung der formal als förderbedürftig geltenden Schüler vor Ort zu massiven Problemen. Beispiel Witten in Nordrhein-Westfalen: Dort steigt die Zahl der Förderschüler an Regelschulen – gleichzeitig quellen die verbliebenen örtlichen Förderschulen über. Und die Situation werde sich absehbar noch verschärfen, so warnte der Kita-Träger Lebenshilfe unlängst in einer Sitzung des Schulausschusses der Stadt, wie die “WAZ” berichtete. In seinen Einrichtungen, darunter vier integrativen Kitas, habe er beobachtet, dass die Zahl der Kinder mit vorschulischem Förderbedarf um den Faktor 2,5 gestiegen sei, sich also mehr als verdoppelt habe, so berichtete der örtliche Geschäftsführer: „Da kommt noch einiges nach.“ Agentur für Bildungsjournalismus

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