Stiftung zahlt fast 570 000 Euro für Opfer der Odenwaldschule

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HEPPENHEIM. Sexuelle Gewalt an Kindern, ein System der Angst und der Vertuschung: Eine jetzt erschienene Studie zeigt das Ausmaß des Missbrauchs an der Odenwaldschule. Der Autor geht von mehr als zwei Dutzend Tätern und Mitwissern aus.

Hunderte Kinder und Jugendliche werden Opfer sexueller Gewalt. Mehrere Täter decken sich über Jahre gegenseitig in einem System der Vertuschung. Der Tatort: eine Schule. Die Geschichte der Grausamkeiten an der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim ist auch nach Jahren noch unfassbar. Und sie ist bei Weitem kein Einzelfall, wie Missbrauchsskandale zum Beispiel in kirchlichen Einrichtungen zeigen. Die ehemalige Eliteschule ist längst geschlossen, aber noch müssen die Traumatisierten unterstützt werden. Studien gehen von 500 bis 900 Opfern aus. Die Stiftung «Brücken bauen» hat nach eigenen Angaben bislang 568636 Euro für die Gewaltopfer bereitgestellt, mit Hilfe des Landes Hessen.

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Das Gelände der ehemaligen Odenwaldschule soll zu einem Wohn- und Ferienpark ausgebaut werden. Foto: Armin Kübelbeck / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

100000 Euro hat das Land 2018 und 2019 der Stiftung bereitgestellt, nachdem diese nach dem Aus der Odenwaldschule im September 2015 finanziell in Schieflage geriet. «Das war ein einmalig vereinbarter Betrag auf freiwilliger Basis», sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. Eine weitere Vereinbarung gebe es zunächst nicht. Die Aufarbeitung werde aber wohl noch länger dauern. «Wenn es im Spätherbst noch weiteren Bedarf geben sollte, werden wir die Gespräche mit unseren Geldgebern wieder aufnehmen», teilte Ulrich Kühnhold von der Stiftung mit. Für dieses Jahr stünden noch ausreichend Finanzmittel zur Verfügung, um alle Anträge erfüllen zu können.

In seiner neuen Studie «Tatort Odenwaldschule» beschreibt der Wissenschaftler Jens Brachmann noch einmal die ganze Dimension des Verbrechens. Neben dem früheren Schulleiter Gerold Becker, der als Intensivtäter bis Mitte der 80er Jahre sich mutmaßlich an mehr als 100 Kindern und Jugendlichen vergangen hat, habe es mindestens vier weitere Haupttäter gegeben. «Darüber hinaus waren die Grenzen zwischen passiver Tatunterstützung und aktiver Täterschaft bei weiteren circa zwei Dutzend pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Schule fließend.» Darunter seien auch Frauen gewesen. Das Missbrauchssystem an der Schule habe nach und nach alle Hierarchieebenen durchdrungen.

Bekannt gewordene Übergriffe seien verschwiegen und nicht zum Anlass genommen worden, um zutage getretene Defizite zu beheben. Lehrer und auch der frühere Schulleiter seien Pädophile und unzureichend qualifiziert gewesen. Ergebnisse von Brachmanns jetzt veröffentlichter und einer weiteren Studie waren im Februar schon vorgestellt worden. Sie waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Zusammenschluss der Betroffenen, Glasbrechen e.V., in Auftrag gegeben worden.

2010 kam der über Jahre vertuschte sexuelle Missbrauch an dem Eliteinternat, an dem Prominente wie der Politiker Daniel Cohn-Bendit (Grüne) oder der Schriftsteller Klaus Mann zur Schule gingen, ans Licht. Nach und nach wurden immer mehr Details bekannt. Die Odenwaldschule musste schließlich Insolvenz anmelden und der Schulbetrieb wurde nach über 100 Jahren im September 2015 eingestellt.

Das Gelände gehört heute der Mannheimer Unternehmerfamilie Schaller. «Ziel war es, den vorhandenen Gebäudebestand bis Ende kommenden Jahres zu renovieren», sagt Dieter Schaller. Hinter diesem Zeitplan liege man augenblicklich ein halbes Jahr zurück. Plan ist ein Wohn- und Ferienpark auf dem Areal der früheren Odenwaldschule. «Was uns zurückwirft, sind umständliche und langwierige Genehmigungsverfahren vom Bauamt und der Denkmalschutzbehörde», sagt der Unternehmer. Fünf Gebäude für Mieter und 14 Ferienwohnungen seien allerdings schon fertig. (Oliver Pietschmann, dpa)

Studie: Zahl der Täter und Opfer an Odenwaldschule drastisch höher als gedacht

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