Studie: Arme Kinder werden immer weiter abgehängt – Bildungspaket reicht nicht

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BERLIN. Der Paritätische Gesamtverband hat sich Einkommen und Ausgaben von finanzschwachen Familien angeguckt – und schlägt Alarm. Viele würden immer mehr abgehängt. Die Regierung will die Kritik so nicht gelten lassen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst in Deutschland – was Kinder zu spüren bekommen. Foto: Shutterstock

Vielen Familien reicht das laufende Einkommen nach einer neuen Studie nicht zur Deckung ihres grundsätzlichen Bedarfs. Zugleich habe die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland zugenommen, teilte der Paritätische Gesamtverband am Donnerstag in Berlin unter Berufung auf eine eigene Erhebung mit. Zu leiden hätten nicht zuletzt Kinder.

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Die Unterstützung etwa des Bildungspakets reiche trotz Verbesserungen nicht aus, kritisierte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider. Er forderte unter anderem eine existenzsichernde Kindergrundsicherung, die allen Kindern zusteht und mit steigendem Einkommen abgeschmolzen wird. Ein Sprecher des Familienministeriums wies die Kritik des Verbands als «irreführend» zurück, da sie neue Reformen nicht berücksichtige.

Für die Erhebung hat der Verband eine Auswertung der Einkommens- und Verbrauchsstichproben des Statistischen Bundesamts mit Daten von 2003 bis 2013 herangezogen. Er stellte Ergebnisse am Beispiel von Paaren mit einem Kind dar. Demnach betrug das Einkommen bei den zehn Prozent dieser Familien am unteren Ende der Verdienstskala 2013 im Schnitt 1550 Euro. Bei den zehn Prozent dieser Familien mit den größten Einkommen waren es 8642 Euro. Der Durchschnitt war demnach 3762 Euro.

Damit sei das Einkommen bei den ärmsten Familien innerhalb von zehn Jahren im Schnitt um 3,2 Prozent gesunken. Bei den reichsten habe es seit 2003 um 0,8 Prozent zugelegt. Auch die Durchschnittseinkommen hätten zugenommen, nämlich um 1,6 Prozent.

Den Familien am unteren Ende der Einkommensskala sei es im Schnitt nicht gelungen, ihre Ausgaben für den Grundbedarf aus dem Einkommen zu decken. Im Schnitt hätten diese Ausgaben 2013 um 135 Euro über dem Einkommen gelegen. Viele Familien müssten deshalb Schulden machen.

Die Ausgaben für Kinder gingen laut der Erhebung binnen zehn Jahren bei den ärmeren Familien um 5,5 Prozent bis 2013 zurück. Im Durchschnitt seien sie um 2 und bei den wohlhabendesten Familien mit einem Kind sogar um 11 Prozent angestiegen.

Datengrundlage:

Die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe umfasst umfangreiche Angaben zu Einkommen und Ausgaben der Haushalte – wird aber nur alle fünf Jahre erhoben. Die für die Studie einschlägige Auswertung der jüngsten Erhebung von 2013 liegt laut dem Verband erst seit dem vergangenen Jahr vor. Verbandsgeschäftsführer Schneider zeigte sich jedoch sicher, dass sämtliche Negativtrends bis heute andauerten.

Neuerungen beim Bildungspaket und weitere Reformen:

Seit dem 1. August werden beim Bildungs- und Teilhabepaket höhere Leistungen gewährt. So gibt es unter anderem für Kinder in Hartz-IV-Familien und Geringverdiener-Haushalten statt 100 Euro nun 150 Euro pro Schuljahr – unter anderem für Schulranzen, Hefte oder Lernsoftware. Zuschüsse für Sportverein oder Musikschule steigen, Mittagessen in der Schule und Fahrkarten für Bus oder Bahn werden für Betroffene kostenlos. Sozialminister Hubertus Heil (SPD) betonte im Inforadio vom rbb, die Zuschüsse würden massiv entbürokratisiert. So würden die Leistungen zum Bildungspaket nun automatisch als mitbeantragt gelten, wenn man Arbeitslosengeld II beantrage.

Wer Wohngeld oder Kinderzuschlag bezieht, ist seit 1. August von Kita-Gebühren befreit. Weitere Schritte der Regierung: die zum 1. Juli erfolgte Anhebung des Kindergelds und Neuerungen beim Zuschlag zum Kindergeld. «Mit den Verbesserungen beim Kindergeld, mit dem Starke-Familien- und dem Gute-Kita-Gesetz garantieren wir allen Kindern in Deutschland eine finanzielle Absicherung und ein Recht auf Bildung und Teilhabe», sagte der Sprecher des Familienressorts.

Weitere Reaktionen auf die Studie:

Grüne und Linke sprachen sich hingegen wie Schneider für die baldige Einführung einer Kindergrundsicherung aus. Grünen-Chefin Annalena Baerbock sagte: «Die Studie zeigt sehr deutlich, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufgeht.» Das viele Geld aus der Familienförderung kommt bei denjenigen, die es am dringendsten brauchen, kaum an.» Linksfraktionschef Dietmar Bartsch sagte: «Jeden Tag erleben Millionen Kinder die Abwertung und Demütigung, die mit Armut einhergehen.» Auch die Vize-Chefin der SPD-Fraktion, Katja Mast, befürwortete langfristig eine Kindergrundsicherung. Von Basil Wegener, dpa

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1 KOMMENTAR

  1. Diese ganze Diskussion geht doch am eigentlichen Kern des Problems vorbei: Wenn Arbeit in diesem Land wieder anständig bezahlt würde, und damit meine ich so bezahlt, dass eine junge Familie von der Arbeit eines in Vollzeit arbeitenden Elternteils oder zwei in Halbzeit arbeitenden Elternteilen Wohnung und Lebenshaltungskosten bestreiten kann, ohne dass sie dabei unter den HartzIV-Satz rutscht, dann würden diese Eltern
    a) wieder die nötige Zeit und Energie finden, um sich selbst angemessen und vor allen Dingen mit Freude (anstatt mit dem Gefühl der permanenten Überlastung!) um ihre Kinder zu kümmern (denn nichts raubt mehr Energiereserven als der beständige Drahtseilakt zwischen Job und Kindererziehung)
    b) wieder ein angemessenes Selbstwertgefühl entwickeln (denn nichts nagt mehr am Selbstwertgefühl, als mit ansehen zu müssen, dass die eigene Arbeit weniger einbringt als der HartzIV-Satz)
    c) wieder weniger Geldbedarf für die Anschaffung der üblichen Statussymbole haben (denn wo Eltern ihre Zeit, Kraft, Ruhe und vor allen Dingen Liebe in die Erziehung ihrer Kinder stecken dürfen, werden Statussymbole, wie das neueste Smartphone und die angesagtesten Markenklamotten, für diese Kinder immer unwichtiger)
    d) wieder Lust und Motivation bekommen, überhaupt einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen (denn selbst viele Fachkräfte und Akademiker können heute oftmals getrost davon ausgehen, dass sie ab dem dritten, spätestens aber nach dem vierten Kind, mit HartzIV besser dastehen als mit ihrer eigenen Hände (oder Köpfe) Arbeit, was besonders in großen Städten der Fall ist, wo Wohnraum immer unbezahlbarer wird.
    In diesem Land bezahlen wir – und zwar seit fast vierzig Jahren – Arbeitslosigkeit anstatt Arbeit, wobei Arbeit immer schlechter und Arbeitslosigkeit immer besser bezahlt wird. Immer mehr Eltern haben heutzutage nur noch die die Wahl zwischen dem Teufel (beide Elternteile arbeiten sich dumm und dusselig und haben abends einfach keine Zeit und Kraft mehr für die Erziehung ihrer Kinder) oder dem Beelzebub (beide Eltern verzichten darauf zu arbeiten, weil sie nach einem Blick auf den HartzIV-Rechner im Internet festgestellt haben, dass sich Arbeit für sie sowieso nicht lohnt. Egal, wie sie sich entscheiden, sie opfern dabei die wichtigsten Grundlagen, die Kinder von ihren Eltern brauchen: Kraft und Zeit, Selbstwert und innere Ruhe, Geduld und Achtsamkeit.
    Ergo: Gebt den Eltern – und zwar allen Eltern – anständig bezahlte Arbeit (auch, wenn sie alleinerziehend sind, Migrationshintergrund haben, mit Behinderungen und anderen Einschränkungen leben müssen usw usf) und erhöht das Kindergeld für alle Kinder auf den Satz, den der Staat für jedes HartzIV-Kind ausgibt, also auf ca. 450 oder 500 Euro (denn bei HartzIV muss man immer das ganze Paket sehen, also den Bedarfssatz plus Mietanteil plus Heizkosten plus Krankenversicherung plus sonstige Vergünstigungen), dann wird das ganze Problem der sogenannten benachteiligten Kinder sich von selbst lösen.

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