Vier zukunftsträchtige Berufe ohne Studium – und wie man sie seinen Schülern nahebringt

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Wer einen krisensicheren, gutbezahlten Job will, braucht dafür nicht zwingend einen Hochschulabschluss, nicht mal Abitur. Denn der Fachkräftemangel macht sich gerade in vielen normal auszubildenden Berufen bemerkbar.

Nirgendwo ist der Fachkräftemangel größer als in Ausbildungsberufen jenseits der großen Masse – und das obwohl viele davon spätestens nach der Ausbildung sehr gut bezahlt werden. unsplash.com © Johanna Buguet

Viele Lehrer kennen die Tendenz ihrer Schützlinge, beim Thema Beruf gern ins Extrem zu driften: Ein Teil ist der Ansicht, dass ohne Studium heute gar nichts mehr ginge. Der andere Teil, der eine klassische Berufsausbildung absolvieren möchte, fokussiert sich allzu häufig auf die dichtbesetzten Sparten zwischen Bürokaufleuten und Kfz-Mechatronikern.

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Beides ist weit davon entfernt, eine alleingültig richtige Wahl zu sein. Der folgende Artikel stellt deshalb vier Ausbildungsberufe vor, die kein Abitur benötigen, aber schon wegen ihrer Distanz zu den Massenberufen viel Zukunftsträchtigkeit mitbringen.

Wie man es den Schülern vermittelt

Zugegeben, selbst als einfühlsame, engagierte Lehrperson kommt man just bei Teenagern oft nicht gegen eine Mixtur aus einer gewissen „Borniertheit“ und dem an, was die Schüler an anderer Stelle vermittelt bekommen.

Wenn etwa Kayas Familie ihm seit Jahren sagt, dass nur der in Deutschland „was wird“, der studiert, ist es als Lehrer enorm schwer, dagegen zu argumentieren – zumal man ja selbst „ein Studierter“ ist. Und wenn nicht nur Mias Mutter seit Jahrzehnten in dem Beruf arbeitet, sondern auch ihre besten Freundinnen sich bereits auf die kaufmännische Schiene festgelegt haben, ist es ebenfalls knifflig, gegen die Ausbildung zur Bürokauffrau zu überzeugen.

Aber es geht durchaus, wenn man sich an den folgenden Argumentationshilfen orientiert:

  1. Es gibt heutzutage erheblich mehr Studenten als Auszubildende (2,87 Mio. vs. 1,33 Mio.). Studiert zu haben, ist, gerade in den massenhaft belegten Studienfächern (BWL, Maschinenbau, Informatik…), insofern weder ein Garant für hohe Einkünfte und Karriere, noch einer für einen Job per se. Mit ein Grund, warum es Versuche gibt, Ausbildung und Studium enger zu verzahnen.
  2. Von diesen 1,33 Millionen Auszubildenden haben allein knapp 300.000 2018 eine Ausbildung in nur 20 der beliebtesten Berufsfelder Rechnet man alle Lehrjahre zusammen, entfällt ein Großteil aller bestehenden Ausbildungsverträge auf diese wenigen Berufe.
  3. Von den verbliebenen 306 anerkannten Ausbildungsberufen werden viele nicht zuletzt deshalb mit voller Wucht vom Fachkräftemangel getroffen. Wer hier zugreift, hat nicht nur praktisch eine Ausbildungsplatzgarantie, sondern auch eine für den nachfolgenden Job.
  4. Auch in den Ausbildungsberufen, insbesondere im Handwerk, kann man eine enorm steile Karriereleiter erklimmen. Selbst die Bundesregierung sagt, dass Meistertitel und Bachelor gleichwertige Abschlüsse sind.
  5. Just weil der Fachkräftemangel so eklatant ist und Bewerber mehr als händeringend gesucht werden, bietet sich hier ein Potenzial, spätestens nach der Ausbildung zu einem Einkommen zu gelangen, dass zumindest vergleichbar mit dem in typischen „Studierten-Berufen“ ist, teilweise auch darüber hinausgeht. In den hochbeliebten Ausbildungsberufen gilt das hingegen kaum.
  6. Alle Digitalisierung wird nicht verhindern können, dass auch in Zukunft noch Berufe gebraucht werden, die nicht/weniger digitalisiert sind. Und just die beliebtesten Ausbildungsberufe enthalten viele, die akut durch die Digitalisierung gefährdet sind, darunter viele Büro- und Technikaufgaben.

Natürlich, auch diese Argumente können mitunter nicht verfangen. Aber wenn man es mit genügend Elan vorbringt, schafft man es zumindest, den bestehenden „Panzer“ anzukratzen und so vielleicht den Stein ins Rollen zu bringen, an dessen Ende eine völlig andere Jobperspektive steht als diejenige, die zuvor geplant war. Doch welche Jobs sollte man auf diese Weise empfehlen?

  1. Augenoptiker

Seit Jahren steigt die Zahl derjenigen Menschen, die beruflich hauptsächlich am Computer sitzen. Das allein ist zwar kein Grund für schlechte Augen, allerdings deckt die Bildschirmarbeit bestehende Defizite gnadenlos auf.

Das bringt uns auf einen simplen Nenner: Es wird auch künftig viele Menschen geben, die eine Sehhilfe benötigen. Das ist allerdings längst nicht der einzige Grund, warum ein junger Mensch eine Ausbildung zum Optiker absolvieren sollte.

Es ist die Tatsache, dass es nicht nur sprichwörtlich ein vielfältiger Beruf ist. Kaufmännische Belange kommen hier ebenso zum Tragen wie medizinische, designende und beratende. Und nicht zuletzt ist ein Optiker immer auch ein Handwerker. Das sorgt im Beruf für viel Abwechslung und gibt denen, die ihn ausüben, als Bonus auch noch die Gewissheit, damit wirklich zu helfen.

Augenoptiker brauchen sich um ihre Zukunft keine Gedanken zu machen. Die Notwendigkeit für Sehhilfen hat nicht das geringste Ablaufdatum. unsplash.com © David Travis
  1. Binnenschiffer

Es gibt wohl derzeit keine Branche, die in jüngster Zeit so enorm gewachsen ist, wie Logistik. Doch während das klassische Straßen-Transportgewerbe vor allem aus Perspektivgründen immer unattraktiver für den Nachwuchs wird und die Politik so viel Verkehr wie möglich von den Straßen wegbekommen will, werden andere Sparten immer größer und zukunftsträchtiger.

So die Binnenschifffahrt. Jahr für Jahr steigt die Tonnage und Touristenzahl, die auf Rhein, Elbe und Co. bewegt werden muss. Doch der Nachwuchs kommt nur kleckerweise. Dabei ist auch das ein hochspannender Job. Technik hat ebenso großen Stellenwert wie Nautik, einen Gutteil Gesetzeskunde. Auch die Planung von Logistik gehört dazu – danach gibt es zudem verschiedene Wege, sich zu spezialisieren, etwa um später als Kapitän ein eigenes Schiff zu steuern.

Allerdings: Schon während der Ausbildung und erst recht danach leben Binnenschiffer wochenlang auf ihrem schwimmenden Untersatz. Übrigens: Wem diese Tatsache nicht so zusagt, der kann in den verwandten Beruf des Schiffsmechanikers hineinschnuppern.

Flussschifffahrt hat auch heute noch viel Romantik. Und sie ist weniger von der Digitalisierung bedroht als die Seeschifffahrt, weil Binnengewässer ungleich schwieriger zu navigieren sind. pixabay.com © Didgeman

3. Instrumentenbauer

Sicherlich dürften die meisten Lehrer, die das hier lesen, Schüler unterrichten, die ein Instrument spielen. Sie sollte man gerne mal fragen, wo eigentlich Geige und E-Gitarre herkommen. Natürlich, zu einem gewissen Grad werden auch Musikinstrumente heute massenhaft in Asien produziert.

Doch vor allem in den höheren Preisklassen und bei weniger Massenmarkt-tauglichen Instrumenten sowie ferner der Wartung läuft es auch im Jahre 2019 nicht wirklich anders, als es beispielsweise im Jahr 1719 lief. Es geschieht nämlich nach wie vor sehr vieles in kleinen Privatbetrieben. Und auch diese haben trotz Verlagerung der Industrieproduktion nach Asien gut zu tun, aber suchen händeringend Azubis.

Das bringt uns zu den Instrumentenbauern. Nur ein Gattungsbegriff, weil die Ausbildungen insgesamt sieben Berufe vom Geigen- bis zum Orgelbauer abdecken. Und jeder davon ist hohe Handwerkskunst, die ebenso ein feines Gehör wie Liebe zur Musik und ein höchstes Fingerspitzengefühl voraussetzt – wer sich eine E-Gitarre für 8000 Euro maßschneidern lässt, ist nicht gewillt, auch nur kleinste Kompromisse einzugehen.

Fast alle Instrumente können heute massengefertigt werden. Doch bei Profis ist die Nachfrage nach manufakturgefertigten Stücken nach wie vor hoch. unsplash.com © Larisa Birta
  1. Physiklaboranten

Machen Ingenieure und Naturwissenschaftler von den Hochschulen eigentlich alles selbst? Nein, sie benötigen ein Heer von Helfern – allerdings dürfen diese nicht minder fit in ihrem Beruf sein.

Das bringt uns zu den Physiklaboranten. Einem im Vergleich zu den im Grundaufbau ähnlich gelagerten Chemielaboranten viel seltener gewählter Ausbildungsberuf.

Doch was genau machen Physiklaboranten? Ganz grob gesagt, sie fungieren als unverzichtbare „rechte Hand“ von Wissenschaftlern und Ingenieuren. Sowohl in Privatunternehmen wie Hochschulen und Ministerien. Sie helfen beim Vermessen, warten Apparaturen, protokollieren, werten Daten aus. Dazu erlernen sie elektrische und mechanische (handwerkliche) Grundlagen ebenso wie Messtechnik, Laser, Atomphysik, Materialkunde

Tatsächlich ein enorm umfangreicher Beruf, der sich zudem je nach Arbeitsort massiv unterscheidet – ein Physiklaborant-Azubi in einem Halbleiter-Labor eines Unternehmens arbeitet in ganz anderen Schwerpunkten als einer, der beispielsweise in einem Kernforschungszentrum beschäftigt ist.

Aus diesem Grund ist für alle naturwissenschaftlich interessierten Schüler etwas dabei – allerdings müssen Anwärter genau deshalb auch in Mathe und Physik echte Asse sein. Einige Unternehmen verlangen zwar Abitur, generelle Pflicht ist das jedoch nicht. Auch Realschüler können mit sehr guten Noten dort antreten und bestehen.

„Den“ Physiklaboranten gibt es nicht. Dazu ist das Berufsbild viel zu divers. Doch genau das ist auch der Grund, warum sich die Ausbildung lohnt. unsplash.com © Lucas Vasques

Abschließend

Das hier waren nur vier Berufe von einer ganzen Reihe weiterer, die händeringend nach Azubis suchen. Man muss seine Schüler nicht in diese Richtung drängen. Allerdings sollte man ihnen zumindest zu verstehen geben, dass man, wenn man erfolgreich und glücklich im Berufsleben sein möchte, nicht unbedingt der Herde nachlaufen muss – egal ob die ins Studium drängt oder die beliebtesten Ausbildungsberufe.

 

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