STUTTGART. „Jede Schülerin und jeder Schüler soll bis zu dem Beginn der Sommerferien tage- oder wochenweise die Schule besuchen können“, heißt es in dem Papier der Kultusministerkonferenz (KMK), das auf dem Bund-Länder-Gipfel in der vergangenen Woche abgesegnet wurde (News4teachers berichtete). Klingt erst einmal gut. Was das aber faktisch bedeutet, hat der Philologenverband Baden-Württemberg jetzt mal anhand eines durchschnittlich großen Gymnasiums dargestellt. Danach hat jede Schülerin und jeder Schüler dort gerade mal alle drei bis vier Wochen eine Woche Unterricht – bestenfalls.
„Die Vereinbarung der Kultusministerkonferenz, nach den Pfingstferien gleichzeitig Präsenzunterricht für möglichst viele Klassenstufen anzubieten, ist in der Corona-Sondersituation für die Schulen nur extrem eingeschränkt umsetzbar“, warnt Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg. Die räumlichen und personellen Ressourcen reichten an den Gymnasien aufgrund der notwendigen Klassenteilungen in zwei beziehungsweise drei Gruppen maximal für zwei bis drei komplette Klassenstufen gleichzeitig. „Dazu Fernunterricht, parallele Notbetreuung und Präsenzbeschulung von Kindern, die über Fernunterricht nicht erreicht werden, und Abiturkorrekturen beziehungsweise mündliche Abiturprüfungen? Das bringt das System an seine Grenzen und darüber hinaus“, fürchtet der Philologenchef.
Keine sinnvolle, dauerhafte Beschulung
„Ein rollierendes System mit abwechselnden Präsenz- und Fernlern-Phasen, in denen maximal (abhängig von Klassen- und Raumgröße) eine Hälfte bzw. ein Drittel der Klasse im Präsenz-, die andere Hälfte bzw. zwei Drittel im Fernunterricht lernt, halte ich unter Einhaltung der Pandemie-Hygienebestimmungen zwar für möglich“, so Scholl. „Aber selbst ein solches System mit geteilten Klassen ist nicht gleichzeitig für alle Klassenstufen durchführbar, sondern schon aufgrund der begrenzenden Räumlichkeiten nur für maximal ein Drittel bis die Hälfte der Klassen gleichzeitig. Wie groß der Bildungserfolg sein wird, wenn Schüler – im optimistischsten Fall – nur jede dritte bis vierte Woche Präsenzunterricht haben, kann sich jeder nach den Fernlern-Erfahrungen der letzten Wochen selbst ausmalen.“
Außerdem dürfe nicht vergessen werden, dass die Schülerinnen und Schüler, die im kommenden Jahr ins Abitur gehen, möglichst durchgehend in allen Fächern unterrichtet werden müssen, weil Unterricht und Leistungsfeststellungen bereits Teil ihrer Abitur-Qualifikation sind. Da viele J1-Kurse wegen des Mindestabstands geteilt werden müssen, schränke das die Möglichkeiten für die anderen Jahrgänge massiv ein. Die Schüler der Klassenstufen 5 bis 10 könnten dann – auch mit halber Klassenstärke – bestenfalls jede dritte Woche Präsenzunterricht haben, „mehr geben die Räumlichkeiten an praktisch keinem Gymnasium her“. Für den einzelnen Schüler würde das also darauf hinauslaufen, dass er im Laufe von drei Wochen eine Woche Präsenz- und zwei Wochen Fernunterricht mit Aufgaben hat.
Schulleitern und Lehrern nichts Unmögliches abverlangen!
„Den Schulleitungen und Lehrkräften darf nichts Unmögliches abverlangt werden: Nur was organisatorisch, räumlich und personell vor Ort auch umsetzbar ist, kann überhaupt erwartet werden“, meint Scholl. Da man davon ausgeht, dass etwa 25 Prozent der Lehrkräfte zu den Risikogruppen gehörten, die nur für Fernunterricht, Korrekturen oder ähnliches eingesetzt werden können, blieben nur drei Viertel des Kollegiums für die Präsenz im Schulgebäude, die mit den vielen zusätzlichen Aufgaben (und paralleler Fernbetreuung der nicht in Präsenz unterrichteten Kinder) weit über das normale Maß hinaus belastet würden. „Aber auch Lehrkräfte haben ein Anrecht auf Arbeits- und Gesundheitsschutz! Ob Teilzeit- oder Vollzeit-Deputat, das große Engagement der Lehrkräfte für ihre Schülerinnen und Schüler ist an allen Schulen, bei denen das Fernlernen funktioniert, unverkennbar. Aber keine Lehrkraft kann dauerhaft doppelten Einsatz leisten“, meint Scholl.
Damit sei klar, dass die Schülerinnen und Schüler in der Zeit nach Pfingsten, wenn in größerem Umfang Präsenzunterricht stattfindet, im Fernunterricht nur noch reduziert betreut werden können. Eine (an manchen Schulen) fast tägliche Unterstützung durch digitale Angebote (Videounterricht, Telefonate, individuelle Antwort-Emails usw.) könne parallel zum Präsenzunterricht nicht mehr im gleichen Umfang wie bisher geleistet werden. Intelligente Modelle (zum Beispiel Partner-Schüler aus den A- und B-Gruppen, die sich gegenseitig helfen) würden notwendig.
Besser mit den Klassenstufen 9 und 10 beginnen
„Der Präsenzunterricht an den Gymnasien sollte — wenn wirklich ein rollierendes System notwendig wird — nach den Pfingstferien schwerpunktmäßig nicht mit den Klassenstufen 5 und 6, sondern mit den Klassenstufen 9 und 10 beginnen, da hier ggf. ein Wechsel auf andere Schularten eine frühere Zeugniserstellung erfordert“, so meint Scholl. Danach könnten Teilgruppen der anderen Jahrgänge im Wechsel hinzukommen. Ein denkbares, bestmögliches Beispiel sehe dann einen Präsenzunterricht alle drei Wochen vor, dürfte aber — platzbedingt — nur an sehr wenigen Schulen auch so umsetzbar sein. Hier bräuchen die Schulen Freiräume, um bestmögliche Lösungen aufgrund ihrer lokalen Bedingungen anbieten zu können.
So oder so: Ein „rollierender“ Schul- und Kindergartenbetrieb erlaubt dem Philologenverband zufolge keine sinnvolle, dauerhafte Beschulung beziehungsweise Betreuung der Kinder – und damit auch keine ausreichende Entlastung der Eltern. Das Ziel werde nicht erreicht. News4teachers
Der Philologenverband Baden-Württemberg hat ein „Optimalmodell“ vorgestellt. Das sieht so aus:
- Woche 1: Klassenstufen 10, 9, 8, 7 – jeweils die erste Hälfte (A) der Klassen,
- Woche 2: Klassenstufen 10, 9, 6, 5 – Hälfte (B) in 10 und 9, Hälfte (A) in 6 und 5,
- Woche 3: Klassenstufen 8, 7, 6, 5 – zweite Hälfte (B) dieser Klassen.
- Von da an wiederholt es sich.
Voraussetzung für dieses Modell ist, dass große Klassen (von zum Teil über 30 Schülern) nicht gedrittelt werden müssen, um ausreichenden Abstand in den Klassenzimmern zu gewährleisten. Ein Dritteln verschiedener Klassen wird laut Verband an vielen Schulen aber nötig werden.
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