HANNOVER. Welche Rolle spielen Schulen beim Infektionsgeschehen in der Corona-Krise? Am vergangenen Freitag trafen sich sieben SPD-Bildungsminister, ein sozialdemokratischer Staatsekretär sowie der Thüringer Helmut Holter (Linke) per Videokonferenz mit Ärzte-Lobbyisten, die seit Wochen behaupten, dass von Kindern eine nur geringe Ansteckungsgefahr ausgeht. Hamburgs Schulsenator zeigte sich nach dem Treffen überzeugt, die Grundschulen nach den Sommerferien wieder ohne Abstandsregel öffnen zu können. Sein niedersächsischer Amtskollege zieht nun aber deutlich andere Schlüsse.
Das Land Niedersachsen öffnet seine Schulen nur vorsichtig. Vom Unterricht ohne Abstandsregel (wie seit heute in den Grundschulen von Nordrhein-Westfalen) war in Hannover noch keine Rede. Aus gutem Grund: Seit dem Neubeginn des Schulbetriebs in Niedersachsen am 27. April sind dem Kultusministerium zufolge landesweit 75 Infektionen mit dem Corona-Virus an 46 Schulen bekannt geworden. Bei 69 Schülerinnen und Schülern habe es bestätigte Infektionen gegeben, teilte das Ministerium in Hannover mit. Sechs Personen waren Lehrer oder andere Beschäftigte der Schulen.
38 Schulen mussten vorübergehend wieder geschlossen werden
So mussten in Niedersachsen seit den ersten Schulöffnungen 38 Schulen vorübergehend wieder geschlossen werden. Davon entfielen allein 35 auf den Infektionsherd Göttingen. Dort gab es allerdings nur an drei Schulen Kinder mit Infektionen, der Rest wurde vorsorglich geschlossen. Das Virus hatte sich unter mehreren Familien in einem Hochhaus bei Feiern zum islamischen Zuckerfest verbreitet. «Diese Zahlen spiegeln die aktuell recht stabile Lage im Landesschnitt wider», sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) am gestrigen Sonntag. Es könne aber immer wieder vorkommen, dass regionale Infektionsherde auf die Schulen ausstrahlen.
Bemerkenswert: Tonne gehörte am vergangenen Freitag nach News4teachers-Recherchen zu den Teilnehmern einer dreistündigen Videokonferenz der SPD-Bildungsminister mit Vertretern von Ärzteverbänden, die seit Wochen auf schnelle Schulöffnungen drängen.
Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe, der das Meeting organisiert hatte, zog aus der Konferenz den Schluss: “Die Wissenschaftler haben überzeugend deutlich gemacht, dass insbesondere Kinder von der Pandemie kaum betroffen sind und es an der Zeit ist, die Schulen für Kinder wieder zu öffnen. Nach diesem Gespräch bin ich sehr sicher, dass Hamburg nach den Ferien an allen Grundschulen zum Regelunterricht zurückkehren wird.“ Kritiker der Ärzteverbände wie der Berliner Virologe Prof. Christian Drosten oder – pikant – der SPD-Gesundheitsexperte Prof. Karl Lauterbach, selbst Epidemiologe von Beruf, waren offenbar nicht eingeladen worden (News4teachers berichtet ausführlich über die Konferenz und ihre Hintergründe – hier geht es zum Bericht).
Hubig: “Wichtig für uns, von dieser Abstandsregel wegzukommen”
Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), hatte sich bereits in der vergangenen Woche für ein Ende der Abstandsregel an den Schulen eingesetzt (News4teachers berichtete auch darüber). Durch die geltende 1,50-Meter-Regel sei Unterricht nur mit halben oder noch kleineren Klassen möglich – deshalb würden Räume und Personal knapp, sagte sie. «Und deshalb ist es für uns wichtig, von dieser Abstandsregel wegzukommen, damit wir wieder im normalen Klassenverband unterrichten können.» Hubig nahm ebenfalls an der Videokonferenz am Freitag teil.
Tonne widersprach Rabe und Hubig jetzt indirekt – er betonte, die Rolle von Kindern bei der Verbreitung des Virus Sars-CoV-2 sei noch nicht abschließend geklärt. «Daher stehe ich für einen realistischen Kurs, der für das neue Schuljahr mit unterschiedlichen Szenarien arbeitet», sagte Tonne. «Wir wünschen uns so viel Normalität wie möglich, werden aber weiterhin schrittweise vorgehen, die Lage ständig analysieren und gegebenenfalls Schlussfolgerungen ziehen.» News4teachers / mit Material der dpa
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