BERLIN. Der Nationale Wissenschaftsrat Leopoldina hat den Planungen der Kultusminister widersprochen, an den weiterführenden Schulen Unterricht nach dem „Kohortenprinzip“ stattfinden zu lassen. Statt die Schüler in voller Jahrgangsstärke zusammenzubringen, müssten kleine feste Lerngruppen gebildet werden, um dem Infektionsrisiko Rechnung zu tragen. Das Problem: Damit wäre der angestrebte Normalbetrieb zumindest in den weiterführenden Schulen praktisch kaum mehr möglich.
„Die neueste Entwicklung der Fallzahlen macht mir und allen im Robert-Koch-Institut große Sorgen“, hatte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, vergangene Woche vor Journalisten erklärt. „Wir sind mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie“, warnte er. Der Anstieg sei nicht auf einen Hotspot zurückzuführen, er betreffe viele Bundesländer, sei „diffus“. Wieler rief daher erneut dazu auf, die AHA-Regeln zu befolgen. AHA steht für: Abstand, Hygiene, Atemschutz. Das bedeutet mindestens 1,5 Meter Abstand zu anderen Menschen zu halten, die Hygieneregeln wie regelmäßiges Händewaschen zu beachten und eine Mund-Nasen-Bedeckung dort zu tragen, wo die Abstandsregel nicht sicher eingehalten werden kann.
“Kohorten” sollen möglichst klein sein – “wenn möglich”
Die Bundesländer haben vereinbart, dass auf die Abstandsregel im Unterricht verzichtet werden soll, „wenn es das Infektionsgeschehen zulässt.“ Alle Bundesländer planen derzeit ohne Abstandsregel in den Klassenräumen. Das erste Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern, ist entsprechend am Montag in das Schuljahr 2021/2021 gestartet.
Mit Blick darauf betonte Wieler, es sei wichtig, dass man Klassenverbünde zusammenhalte und die Klassen nicht mische. Es müssten sogenannte „epidemiologische Einheiten“ gebildet werden. Auch in der Freizeit sei es sinnvoll, wenn sich Schüler dann nur mit den Schülern treffen, mit denen sie schon in der Schule waren.
Praxisnah ist das allerdings nicht. In Schleswig-Holstein beispielsweise ist Unterricht in festen Klassenverbünden nur in der Grundschule vorgesehen – in den weiterführenden Schulen werden die sogenannten „Kohorten“ größer ausfallen. In Niedersachsen darf eine Kohorte einen Schuljahrgang umfassen. Im Berliner Hygieneplan heißt es: „Der Unterricht und die ergänzende Förderung und Betreuung sind in festen Gruppen bzw. Lerngruppen durchzuführen, um Kontakte soweit wie möglich zu reduzieren.“ Die Einschränkung: „soweit organisatorisch möglich…“.
In Nordrhein-Westfalen heißt es: „Der Unterricht soll jahrgangsbezogen in Klassen, in Kursen oder festen Lerngruppen stattfinden. Eine jahrgangsübergreifende Gruppenbildung ist grundsätzlich nicht möglich.“ Ausnahmen, in denen die Schüler dann doch wieder in völlig neuer Besetzung zusammengebracht werden, gibt es aber trotzdem: nämlich „bereits jahrgangsgemischt zusammengesetzte reguläre Klassen bzw. Lerngruppen, Gruppen für Ganztags- und Betreuungsangebote sowie Schulsportgemeinschaften“.
Ein Lehrer kommentiert das im Leserforum von News4teachers: „Dieses sogenannte ‚Kohortenprinzip‘ ist nicht einleuchtend (um es vorsichtig zu formulieren). Nahezu jedes Kind einer Kohorte hat engen Kontakt zu mindestens einem aus einer anderen (Geschwister, Freunde, Vereine). Als wolle man mit einem Sieb einen Raum luftdicht abschließen!“
Leopoldina spricht sich für strikte Trennung der Schüler aus
Die Nationalakademie sieht das offenbar genauso – und spricht sich in einem neuen, heute veröffentlichten Gutachten indirekt gegen das „Kohortenprinzip“ aus. So erklärt die Leopoldina, „um die Schließung ganzer Bildungseinrichtungen so weit wie möglich zu verhindern, ist es sinnvoll, überall, wo dies umsetzbar ist, kleine feste Kontaktgruppen (epidemiologische Gruppenverbände, z. B. Schulklasse oder Stammgruppe in der Kita) einzurichten, die zueinander möglichst wenige Berührungspunkte haben”. Hierdurch ließen sich Coronavirus-Ausbrüche schneller nachvollziehen und unterbrechen.
Wörtlich heißt es weiter in dem Papier, an dem unter anderem der Charité-Virologe Christian Drosten und RKI-Präsident Wieler mitgearbeitet haben: “Zur Einrichtung der empfohlenen kleinen festen Gruppen (epidemiologische Gruppenverbände) sind strukturelle und organisatorische Anpassungen in den Bildungseinrichtungen notwendig. Dabei sollte ein Wechsel von Räumen vermieden werden, möglichst wenig Wechsel von Fachkräften stattfinden und auch während der Zeiten im Außengelände die Kontakte zwischen Gruppen reduziert werden. Die Erschließung und Anmietung zusätzlicher Lernorte kann zu einer räumlichen Entzerrung beitragen. Weitere Freiräume für Kitas und ggf. Grundschulen könnten gewonnen werden, indem beispielsweise Bildungs- und Lernaktivitäten im Freien systematisch in den Alltag integriert werden. Neben der räumlichen ist auch eine zeitliche Entzerrung möglich, indem die Nachmittage und ggf. auch die Samstage für Lernangebote genutzt werden.”
Auf die Möglichkeit von Ausbrüchen in Bildungseinrichtungen müsse sich Deutschland vorbereiten. “Gerade mit Blick auf die wieder zunehmende nationale wie internationale Mobilität, die Verlagerung von Aktivitäten in Innenräume im Herbst und Winter sowie den Beginn der Grippe- und Erkältungssaison erscheint dies umso dringender.” Die Leopoldina empfiehlt deshalb in weiterführenden Schulen eine Maskenpflicht im Unterricht (News4teachers widmet diesem Aspekt einen eigenen ausführlichen Beitrag – hier geht es hin).
Das Problem ist allerdings, dass ein Normalbetrieb in der weiterführenden Schule mit seinen oft stündlich wechselnden Fachlehrern, gewählten Fremdsprachen und Neigungskursen kaum entsprechend zu organisieren ist, ein Normalbetrieb in der Oberstufe mit seinen Kursen in ständig wechselnder Besetzung schon gar nicht. Feste Lerngruppen in Klassengröße mit fest zugewiesenem Lehrpersonal würden in den Sekundarstufen I und II eine radikal andere Unterrichtsorganisation erzwingen.
Ist Projektunterricht ein “Corona-adäquater” Weg?
Wie die aussehen könnte? SPD-Chefin Saskia Esken hatte womöglich schon vorab Einsicht in die Stellungnahme der Leopoldina. „Wir sollten nicht der Illusion erliegen, dass die Schulen zu einem ‚Regelbetrieb‘ zurückkehren können, wie er vor Corona üblich war“, erklärte sie jedenfalls Ende der Woche in einem Interview mit «Zeit Online». Ihr Vorschlag: Unterricht in kleinen, festen Projektgruppen. „Zwei Wochen Projektunterricht mit den Lehrkräften für Geschichte und Politik, dann kommen für zwei Wochen die Naturwissenschaften zu einem Projekt zusammen.“ Ein solcher Unterricht, den auch schon die GEW in Berlin vorgeschlagen hatte, wäre ihrer Ansicht nach ein „Corona-adäquater Weg“. News4teachers
Hier lässt sich die vollständige Stellungnahme der Leopoldina herunterladen.
Im Juni hat die Berliner GEW ein Konzept vorgestellt, das neue Lehr- und Lernformen vorsieht, die der besonderen Situation in der Corona-Krise Rechnung tragen. Darin heißt es:
„Das Lernen in Form von epochalen Lernbüros und Projekten ermöglicht es, dass zwei bis drei Lehrkräfte mit unterschiedlichen Qualifikationen (in Haupt- und Nebenfächern) über mehrere Wochen hinweg nur einer Lerngruppe fest zugeordnet werden. Die Anzahl der Sozialkontakte von Lehrkräften und Schüler*innen und damit ihr Infektionsrisiko würde so um ein Vielfaches sinken. Themen könnten zudem aus verschiedenen fachlichen Perspektiven und mit größerer Komplexität bearbeitet werden. Der fächerübergreifende und projektorientierte Ansatz wäre auch bei erneuter Notwendigkeit für die Begleitung des Fernlernens von Vorteil. Die Lehrkräfte müssten lediglich für eine Lerngruppe ansprechbar sein. Für Schüler*innen und Eltern gäbe es eine überschaubare Kommunikation.“
News4teachers berichtete ausführlich über das Konzept – hier geht es zu dem Beitrag.
Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.
