Der Digitalisierungsurknall – wie die Erfahrungen in der Corona-Pandemie unser Bildungssystem nachhaltig verändern könnten

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Dr. Rainer Hattenhauer ist Lehrer für Physik, Mathematik und Informatik am Gymnasium Pädagogium Bad Sachsa. In diesem Gastbeitrag schildert er die Erfahrungen zum digitalen Unterricht während der Corona bedingten Schulschließungen.

Copyright: Rainer Hattenhauer

Zurück auf Los

Als Anfang März durch die Corona Pandemie der Stecker für den Schulpräsenzbetrieb gezogen wurde, offenbarte sich der marode Zustand der IT-Infrastruktur an den deutschen Schulen wie unter einem Brennglas. Welche Erfahrungen haben wir während des Lockdowns gemacht, die einen Hinweis auf die künftige Marschrichtung geben könnten?

Holpriger Start

In der Untersuchung der Computerzeitschrift c’t  zum digitalen Unterricht in der Lockdown-Phase sagten 30% der Schüler*innen, dass sie von einigen Lehrer*innen zu Beginn der Schulschließung Aufgaben erhielten, danach aber kaum mehr Kontakt zu diesen hatten.

Die an unserer Schule gemachten Erfahrungen brachten folgende Dinge zum Vorschein: Die Verteilung von Aufgaben via E-Mail erwies sich als unpraktikabel. Etliche Kinder in den unteren Klassenstufen übermittelten die Lösungen zu Arbeitsaufträgen per Handyscan als Bild an die Lehrkraft. Sowohl der Korrekturaufwand als auch das Datentransfervolumen stiegen dadurch ins Unermessliche. Wohl dem, der in solche einem Fall ein iPad sein Eigen nennt und direkt im digitalisierten Dokument korrigieren kann – anderenfalls heißt es: Ausdrucken, per Analogstift korrigieren, abfotografieren und zurückschicken – nicht gerade ein Musterbeispiel für gelungene Digitalisierung. Darüber hinaus waren die meisten älteren Lehrkräfte mit dem digitalen Feedback überfordert. Es stellte sich heraus, dass einige Kolleg*innen noch nicht einmal über eigene Mailadressen verfügten.

Grau ist alle Theorie

Welche Erfahrungen konnten wir konkret im digitalen Klassenzimmer sammeln? Fundamentaler Bestandteil einer Infrastruktur für Homeschooling ist in der Tat eine Plattform, auf der Inhalte und Arbeitsaufträge abgelegt und bearbeitet werden können. Die Bearbeitung der Dokumente erfolgt idealerweise mit Standardsoftware, und hier schlägt die große Stunde der Microsoft-Lösung. Diese bietet im Rahmen der A1-Lizensierung für jede Schülerin und jeden Schüler einen kostenlosen cloudbasierten Zugang zu Word, Excel und PowerPoint – dem Officestandard aus dem kommerziellen Umfeld. Einmal mehr zeigte sich, dass fundierte Kenntnisse auf dem Gebiet der Anwendersoftware benötigt werden, um erfolgreich auf den Plattformen (mit)arbeiten zu können. Teilweise offenbarten sich große Lücken und Unsicherheiten – und das nicht nur bei den Schüler*innen, sondern auch beim Lehrkörper. Hier schlägt die Stunde der Zertifizierungen, um sicherzustellen, dass die Zielgruppen den Herausforderungen gewachsen sind. Der ICDL bietet hier ein solides Fundament für die erfolgreiche Teilnahme am digitalen Unterricht. So erfuhren einige Lehrkräfte erstmals im Rahmen einer kurzfristig anberaumten virtuellen Fortbildung von den Segnungen des Korrekturmodus in Word. Schüleraufgaben lassen sich damit im Handumdrehen korrigieren und mit Anmerkungen versehen. Die Rückgabe in der Teams Plattform erfolgt mit einem einzigen Klick.

Die asynchronen Übungen und Arbeitsaufträge auf der Basis der Cloudplattform wurden durch Präsenzvideokonferenzen ergänzt, in denen der Unterrichtsstoff gefestigt wird. Es ist anzumerken, dass eine Stunde Präsenzunterricht auf der virtuellen Plattform zwei Stunden realen Unterricht ersetzen können, sofern sich die Schüler*innen mit der Thematik im Vorfeld über Arbeitsaufträge vertraut gemacht haben. Zur Durchführung von Videokonferenzen kamen sowohl Microsoft Teams als auch Zoom zum Einsatz. In meinem Fall dienten iPads in Verbindung mit der Software GoodNotes beim virtuellen Unterricht als Tafelersatz. In der nach dem Lockdown folgenden ersten Präsenzphase an der Schule, in der das Zweigruppensystem für den Unterricht zum Einsatz kam, stellten wir fest, dass in Folge der notwendigen Doppelung der Unterrichtsinhalte die Lernleistung ( = Lernstoff / Zeit) deutlich geringer als beim Homeschooling ausfiel.

Prüfungen? Aber sicher!

Die allgemeine Richtlinie zum Homeschooling lautete bislang: Es sind keine bewerteten Lernzielkontrollen, geschweige denn Klausuren oder Klassenarbeiten auf digitalem Weg durchzuführen. Andererseits benötigen die Schüler*innen Feedback zu ihrem Lernfortschritt. Mit Hilfe von Microsoft Forms lassen sich im Handumdrehen Lernzielkontrollen zusammensetzen, die sich quasi von selbst korrigieren. Auch die Moodle Plattform verfügt über entsprechende Tools zur schnellen Erstellung von Wissensüberprüfungen. Wie man „scharfe“ (d.h. bewertbare) Prüfungen auch online durchführen kann, zeigt einmal mehr die DLGI, die mittlerweile die Prüfungen zum ICDL auch von zuhause aus anbietet. Zum Beaufsichtigen der Online-Prüfung kommen Tools wie Zoom, Teamviewer oder AnyDesk zum Einsatz, die sicherstellen, dass kein Prüfling unerlaubte Hilfsmittel während der Prüfung verwendet.

Der Zukunft zugewandt

Wie soll es weitergehen mit der Digitalisierung an deutschen Schulen? Fakt ist, dass sich an der diesbezüglichen strukturellen Schwäche auch nach den Sommerferien kaum etwas geändert hat. Die meisten Schulen waren schlicht überfordert, parallel zu notwendigen Hygienekonzepten auch noch ein Augenmerk auf den Ausbau der Digitalisierung zu richten. Folgende Maßnahmen könnten Bewegung im Hinblick auf das Ziel bringen, Deutschland zu den Klassenbesten im Digitalbereich aufschließen zu lassen:

  • Ein iPad oder Laptop für jede Schüler*in als Lernmittel ab Klasse 5 bis zum Abitur.
  • Die Einrichtung einer bundesweiten, stabilen(!) Onlineplattform, die allen Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt wird.
  • Alternativ: die Genehmigung des Einsatzes von businesskonformen Lösungen wie Microsoft Teams oder Zoom Videokonferenzen im schulischen Umfeld. In diesem Zusammenhang empfiehlt sich die Kooperation mit den Softwareherstellern, um die Programme und Tools an die geforderten Rahmenbedingungen (Stichwort: DSGVO) anzupassen.
  • Eine Verpflichtung zur Durchführung des ICDL als Basis der informatischen Grundbildung für Schüler und Lehrer. Dort wird in einem Modul auch der Umgang mit Collaboration-Tools geschult – die Voraussetzung für die erfolgreiche Nutzung von Cloudumgebungen.
  • Die Verankerung des Fachs Informatik in der Stundentafel ab Klasse 7 in allen Bundesländern, basierend auf einem dynamischen Lehrplan, der auch aktuelle technische Entwicklungen berücksichtigt. Funfact: In Niedersachsen hat es bis zum Jahr 2017 gedauert, dass das Wort „Internet“ im Kerncurriculum des Fachs Informatik der Sekundarstufe II auftauchte.
  • Die Bereitstellung von kostenlosen, mobilen LTE-WLAN-Hotspots für sozial benachteiligte Schüler*innen. Die Telekom arbeitet diesbezüglich an der Verteilung entsprechender SIM-Karten für eine deutschlandweite Bildungsflatrate.

Es ist gut möglich, dass sich die Corona Pandemie im Rückblick als Meteoriteneinschlag erweist, der die Saurier des Analogunterrichts aussterben ließ, im Gegenzug aber eine neue blühende digitale Infrastruktur an den Schulen erschaffen hat.

Neben dem „Lehrer-sein“ ist Rainer Hattenhauer engagierter und bekannter Autor von Büchern und andere Publikationen in den-Bereichen IT und Pädagogik. Er ist Verfasser diverser populärer Ratgeber wie „Android-Smartphone“ und „Computerlexikon für Einsteiger“). Sein aktuelles Lehrbuch „Informatik: Praxislehrbuch für Schule, Ausbildung und Studium“, ist kürzlich (ISBN 978-3868949124, 736 S.) erschienen und behandelt alle Aspekte der modernen Informationstechnologie.

 

 

 

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