BERLIN. Den Landesregierungen fällt auf, dass der Herbst kommt – und mit ihm niedrige Außentemperaturen. Wie verträgt sich das mit dem geforderten Dauerlüften der Klassenräume? Das Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz hat angekündigt, den Corona-Hygieneplan deshalb überarbeiten zu wollen. Und wie? Der verantwortliche Staatssekretär hat keine Ahnung. Er will dafür nun Schüler-, Elternvertreter, Schulträger und Virologen an einen Tisch bringen.
„Wir haben für den Regelbetrieb der Schulen im Rahmen des Pandemiegeschehens ein umfassendes Hygienekonzept mit zahlreichen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen erstellt“, sagt Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Das regelmäßige Lüften aller Räume ist eine der zentralen Infektionsschutzmaßnahmen.“ Bedeutet also: Weil Maßnahmen wie Abstand und Alltagsmaske, die das Robert-Koch-Institut empfiehlt, im Unterricht nicht gelten, sind es vor allem geöffnete Klassenraum-Fenster, die Schüler und Lehrer vor einer Ausbreitung des Coronavirus schützen sollen.
Das ist allerdings nicht so einfach, wie es zunächst klingt. „Die Schulministerin und die Bauministerin sind mit großem Engagement dabei, zu identifizieren: Wo ist das Problem der Lüftungen in den Schulen?“, kündigte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am gestrigen Freitag an. Alle 5.500 Schulgebäude im Land würden gecheckt. Allerdings versteht Laschet unter Lüftungsproblemen offenbar nur bauliche Situationen, in denen sich Klassenraum-Fenster nicht öffnen lassen.
Noch immer gibt es Klassenräume, die sich nicht lüften lassen
Die gibt es ein halbes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie nach wie vor, nicht nur in Nordrhein-Westfalen. So waren beispielsweise in Bremen Ende August, also nach Ende der Sommerferien, immer noch 33 Sanierungsfälle an Schulfenstern offen, wie die „taz“ aktuell berichtet. Allen Ernstes hieß es seitens der Immobilienverwaltung: „In allen Räumen ist allerdings ein Lüften über geöffnete Türen möglich.“ Der NRW-Ministerpräsident geht davon aus, dass in seinem Bundesland nur ein Prozent der Schulen – also gut 50 – von „baulichen Problemen“ betroffen seien. Großzügig versprach der Regierungschef für diese Schulen „passgenaue Fördermöglichkeiten“ und technische Lösungen.
Damit ist ein weiteres heraufziehendes Problem beim Lüften allerdings noch nicht gelöst: der Herbst. „Es ist auf eine intensive Lüftung der Räume zu achten. Mindestens alle 20 Minuten ist eine Stoßlüftung bzw. Querlüftung durch vollständig geöffnete Fenster über mehrere Minuten vorzunehmen, auch während des Unterrichts. Eine Kipplüftung ist weitgehend wirkungslos, da durch sie kaum Luft ausgetauscht wird“, so heißt es beispielsweise im „Hygiene-Plan Corona“ für die Schulen in Rheinland-Pfalz. Was dabei keine Erwähnung findet: Mit frischer Luft strömt auch Kälte in die Klassenräume.
Wenn es zu kalt wird, ist konzentriertes Lernen im Klassenraum nicht mehr möglich
„Spätestens nach Ende der Herbstferien wird wohl aufgrund der Temperaturdifferenz zwischen drinnen und draußen das starke Lüften nicht mehr praktikabel sein: Zum einen sind dann die Raumtemperaturen nicht mehr für ein konzentriertes Arbeiten geeignet, zum anderen ist durch die ständig eindringende Kälte auch mit einer Zunahme von normalen Infektionskrankheiten wie Erkältungen zu rechnen. Hinzu kommt eine außerordentlich große Energieverschwendung durch die häufige Kaltluftzufuhr, die nicht in die Zeit passt“, sagt Karen Claassen, Vorsitzende des Verbands Reale Bildung im Saarland.
Dem Bildungsministerium in Rheinland-Pfalz ist mittlerweile auch aufgefallen, dass es mit dem Lüften im Winterhalbjahr ein Problem geben könnte. Es kündigte nun an, den Corona-Hygieneplan für Schulen zu überarbeiten. Staatssekretär Hans Beckmann (SPD) sagte dem SWR, man wolle Lösungen entwickeln, wie man die Klassenzimmer auch im Winter ausreichend lüften könne. Er wolle dafür Schüler-, Elternvertreter, Schulträger und Virologen an einen Tisch bringen. Lösungen könne man nur gemeinsam finden – wie die genau aussehen könnten, konnte Staatssekretär Beckmann aber nicht sagen. Allerdings werde man sich um Fördermittel beim Bund bemühen, beispielsweise für Luftfilteranlagen.
Über deren Anschaffung wird derzeit hitzig diskutiert. Lehrerverbände in mehreren Bundesländern haben mittlerweile die Forderung erhoben, Schulen flächendeckend mit solchen Luftfiltern auszustatten.
Wissenschaftler empfehlen Raumluftreiniger für Schulen
Ein Team vom Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik an der Universität der Bundeswehr München hatte einen Raumluftreiniger untersucht, mit dessen Filterkombination selbst sehr kleine Aerosol-Partikel zu 99,995 Prozent aus der Raumluft abgeschieden werden. In einem 80 Quadratmeter großen Raum könne die Aerosolkonzentration in sechs Minuten halbiert werden. Weil die Aerosole rausgefiltert werden, würden die Geräte auch nicht zur Virenschleuder, hielten die Forscher fest. Sie empfehlen Raumluftreiniger ausdrücklich für Schulen. (News4teachers berichtete über die Studie – hier geht es zu dem Beitrag).
NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat bereits abgewunken. Sie halte Luftfilter in Klassenräumen gegen das Coronavirus zwar für eine gute Lösung – aber: für zu teuer. Die Geräte würden bei rund 3000 Euro Kosten pro Klasse, also umgerechnet gut 100 Euro pro Schüler, „Unsummen verschlingen“, meinte sie (News4teachers berichtete). Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann (CDU) verwies an die Kommunen: Schulträger müssten selbst entscheiden, ob Lüftungsanlagen eingesetzt würden. News4teachers
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