MAINZ. Jetzt also doch: Nach Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen will nun auch Rheinland-Pfalz die Anschaffung von mobilen Luftfiltern für Schulen fördern – allerdings ebenfalls nur in sehr beschränktem Umfang. Bildungsministerin und KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) sprach von „Einzelfällen“, in denen Bedarf bestehe, und von einem Fördervolumen von maximal sechs Millionen Euro. Warum nicht alle Klassenräume im Land damit ausgestattet werden? Hubig und der Geschäftsführende Direktor des Landkreistages, Burkhard Müller (SPD), lieferten dafür eine merkwürdige Erklärung.
Für die Unterrichtsräume in Rheinland-Pfalz, in denen nicht gelüftet werden kann, die aber trotzdem gebraucht werden, sollen Schulen mobile Luftfilter anschaffen dürfen. Die kosten Hubig zufolge zwischen 3000 und 5000 Euro pro Stück, und das Land fördert die Anschaffung „in diesen Einzelfällen” mit bis zu sechs Millionen Euro. Wie viele Geräte gebraucht würden, wisse aber noch niemand. Müller und Hubig gehen von „kleinen Mengen“ aus. Werkstätten mit Oberlichtern, die sich nur kippen lassen, nennt die Ministerin als Beispiel.
Sind für den Betrieb von mobilen Luftfiltern Lüftungsingenieure nötig? Experte: “Quatsch”
Es komme zudem entscheidend auf die richtigen Geräte und die Wartung an, sagt Hubig. „Das ist nicht so einfach wie ein Licht oder die Heizung einzuschalten“, meint Müller. Die Geräte könnten nicht vom Hausmeister bedient werden, sondern erforderten Lüftungs-Ingenieure, behauptet er. Stimmt das? News4teachers hat jemanden gefragt, der sich mit den Geräten auskennt, weil er deren Wirkung in Klassenräumen untersucht hat: Prof. Dr. Christian J. Kähler, Leiter des Instituts für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München. Seine Antwort: „Quatsch“.
Kähler und sein Team hatten als erste einen möglichen Einsatz von mobilen Luftfiltern in Schulen untersucht. Ergebnis: Handelsübliche mobile Geräte, die eine Luftwechselzahl von mindestens sechs pro Stunde schaffen, einen Filter der Klasse H14 nutzen und hinreichend leise sind, können in Klassenräumen die Konzentration infektiöser Aerosole wirkungsvoll reduzieren. Die Forscher empfehlen die Anschaffung solcher Geräte für Schulen. Sie veranschlagen dafür 3.000 Euro pro Stück. Nur aufs Lüften von Klassenräumen zu setzen, davon rät Kähler ab. „Die Möglichkeit, die Virenlast im Raum durch das regelmäßige freie Lüften zu reduzieren, wird überschätzt“, so heißt es in der Studie.
Besondere Kenntnisse beim Aufstellen, beim Betrieb oder bei der Wartung der mobilen Luftfilter seien nicht nötig, so Kähler. „Wenn Sie einen Föhn bedienen können, gelingt Ihnen das damit auch“, sagt er: Stecker in die Steckdose, Volumenstrom je nach Raumgröße einstellen, Startknopf drücken – läuft. Eine Wartung sei praktisch nicht nötig. Viren, die möglicherweise aus der Luft gefiltert werden, zerstören sich Kähler zufolge von allein. Nach fünf Jahren, so die Empfehlung, solle mal nach dem Filter geschaut werden. Und wenn das Gerät zwischendurch kaputtgehe, „dann merken Sie das“. Für Kähler sind Behauptungen wie die von Hubig und Müller „Nebelkerzen, um die Leute von der Anschaffung abzuschrecken“. Oder um Begehrlichkeiten klein zu halten.
Erste Gemeinde in Deutschland bestückt ihre Schule mit Luftfiltern – auf eigene Kosten
Das funktioniert aber offenbar nicht so recht. Gestern hatte Nordrhein-Westfalen ein 50-Millionen-Euro-Programm zur Anschaffung von mobilen Luftfiltern für Schulen angekündigt – nach starkem öffentlichem Druck. Wie in Rheinland-Pfalz und Bayern, das ebenfalls 50 Millionen für mobile Luftfilter in Kitas und Schulen ausgeben will, sollen aber auch in NRW nur solche Klassenräume bestückt werden, die sich nicht gut lüften lassen. Hessen hat zehn Millionen Euro bereitgestellt.
Der Druck von Lehrern, Eltern und Schülern aber wächst – auch auf die Schulträger. Eine erste Kommune in Deutschland hat die Anschaffung der Geräte aus eigenen Mitteln jetzt beschlossen: Für 100.000 sollen die 21 Klassenräume und die Gemeinschaftszimmer für die Nachmittagsbetreuung der beiden Grundschulen im bayerischen Städtchen Neubieberg mit je einer Anlage pro Raum ausgestattet werden. Einer entsprechenden Ausschreibung folgte der Gemeinderat nun nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ einstimmig.
Während die Landesregierungen mit Förderprogrammen für Schulen zögern, haben einige Landesbehörden nach Recherchen des ARD-Magazins “Monitor” mobile Luftfilter für sich selbst bereits angeschafft. Das Staatsministerium Baden-Württemberg zum Beispiel nutze sie “vor allem in der hauseigenen Kantine zum Schutz der Beschäftigten oder bei größeren Terminen zum Schutz der Teilnehmenden”, heißt es. Auch die Hessische Staatskanzlei habe sie in der Corona-Pandemie angeschafft – ebenso wie der Landtag NRW, der sich nach einem Testbetrieb auch für die Anschaffung mehrerer Geräte entschieden habe. News4teachers / mit Material der dpa
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich auf twitter dazu geäußert, warum die KMK in der Pressemitteilung über eine Expertenanhörung das Statement von Prof. Kähler unterschlagen hat (News4teachers hatte den Skandal aufgedeckt – hier geht es zu dem Beitrag).
Prien: “Beim Fachgespräch der KMK haben 5 Experten zum Thema Lüften vorgetragen. Herr Prof. Kähler vertrat eine Einzelmeinung, die die anderen nicht geteilt haben.”
Beim Fachgespräch der KMK haben 5 Experten zum Thema Lüften vorgetragen. Herr Prof. Kähler vertrat eine Einzelmeinung, die die anderen nicht geteilt haben. Das Ergebnis des Gesprächs ist die Empfehlung des Umweltbundesamtes: https://t.co/97GHloV6oL https://t.co/r4wZi5wXTx
— Karin Prien (@PrienKarin) October 19, 2020
Ein Leser antwortete ihr: “Als Wissenschaftsministerin sollten Sie doch wissen, dass der Ausdruck ‘Meinung’ an dieser Stelle wenig zielführend ist. Was wäre, erwiese sich die ‘Einzelmeinung’ nach Versuchsreihen als die, aus wissenschaftlicher Sicht, plausibelste? Bliebe es eine ‘Meinung’?” Kähler war der einzige bei der Anhörung anwesende Experte, der den Einsatz von Luftfiltern in Klassenräumen untersucht hat – und empfiehlt.
Warum mittlerweile vier Bundesländer die Anschaffung von mobilen Luftfiltern nun doch fördern, darauf geht Prien nicht ein. Schleswig-Holstein finanziert die Geräte für Schulen bislang nicht. News4teachers
