Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek
DÜSSELDORF. Muhammad as-Sahhaf, ehemaliger Informationsminister des Irak, wurde im Krieg 2003 zur komischen Figur. Seine Presseerklärung, die vordringenden US-Soldaten würden angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit irakischer Truppen vor den Toren Bagdads massenhaft Selbstmord begehen, sorgte weltweit für Erheiterung. Bei seiner letzten Pressekonferenz vor laufenden Kameras kündigte er dann den endgültigen Sieg des Regimes von Saddam Hussein an. „We are winning this war, and we will win the war. This is for sure.“ Im Bildhintergrund waren bereits einrückende amerikanische Panzer zu sehen. Seitdem hatte as-Sahhaf seinen Spitznamen weg: Comical Ali.
Ähnlich absurd geben sich in den vergangenen Tagen einige Kultusminister. „Die aktuellen Zahlen zum Schulbetrieb in dieser Woche zeigen, dass das Schulsystem in Nordrhein-Westfalen auch im Dezember so stabil ist wie in den Wochen zuvor“, verkündete NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) noch am Freitag. Nur Minuten später kündigte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) an, die Schulbesuchspflicht in der kommenden Woche auszusetzen.
Niemand solle glauben, dass eine Schließung von Schulen «die entscheidende Stellschraube» für die Eindämmung der Corona-Pandemie wäre, meinte der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) ebenfalls noch am Freitag. Die bisherigen Erkenntnisse zeigten, «dass Schulen natürlich keine virusfreien Blasen sind, aber dass sie auch keine Brandbeschleuniger sind, keine Treiber der Pandemie». Und KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD), die offenbar schon etwas besser über die bevorstehenden Entscheidungen informiert war, forderte sogleich: Wenn es schon zu Schließungen kommen müsse, sei es wichtig, die Schulen «schnell wieder in den Regelbetrieb zu bekommen».
Die Kultusminister verwarfen sämtliche Warnungen der Fachwissenschaften für den Schulbetrieb
Hier hört der Spaß auf. Schon seit Mai beten die Kultusminister herunter, Kinder und Jugendliche seien praktisch nicht ansteckend, die Kitas und Schulen seien sicher, sie seien keine „Treiber der Pandemie“ (was immer das auch bedeuten sollte – konkretisiert wurde der Begriff nie). Beratungsresistent verwarfen die Kultusminister sämtliche Warnungen der Fachwissenschaften – von der Leopoldina, von der Gesellschaft für Virologie, sogar vom Robert-Koch-Institut, der obersten Bundesbehörde für den Seuchenschutz in Deutschland. Der Empfehlung zu folgen, einen Schwellenwert einzuführen, ab dem dann die AHA-Regeln in den Klassenräumen gelten und dafür Wechselunterricht eingeführt wird, hätte für Klarheit und geregelte Abläufe bei allen Beteiligten gesorgt. Die Kultusminister haben stattdessen ein gigantisches Chaos angerichtet. Die zweite Welle konnte ungebremst durch die Klassenräume rollen.
Gehandelt wurde, wenn überhaupt, nur auf öffentlichen Druck hin. Dass Lüften in der kalten Jahreszeit zum Problem werden könnte, damit beschäftigten sich die Kultusminister erstmals mit einer Expertenanhörung am 23. September, also zum Herbstanfang – viel zu spät, um technische Lösungen anzugehen. Die KMK erhebt erst seit vier Wochen Daten zum Infektionsgeschehen in Schulen – viel zu spät, viel zu unsystematisch, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die uns jetzt weiterbringen könnten. Das war aber auch nie beabsichtigt, denn das Ergebnis stand für die Kultusminister ja schon seit Frühsommer fest und wird von ihnen bis heute vor laufenden Kameras heruntergebetet, Hunderten von Ausbrüchen an Kitas und Schulen, die das Robert-Koch-Institut mittlerweile zählt, zum Trotz. Comical Ali lässt grüßen.
Dieses Schuljahr, das ist absehbar, wird nicht regulär zu Ende gehen
Das ist leider nicht nur tragikomisch. Das ist ein Problem. Denn einen echten Plan B gibt es nicht. Die Kultusminister haben sich darauf verlassen, nach den paar Wochen Trubel im Frühjahr wieder mehr oder weniger gemütlich ihren Dienst verrichten zu können. Sie haben gezockt – und Lehrer, Schüler und Eltern haben verloren. Dieses Schuljahr, das ist absehbar, wird nicht regulär zu Ende gehen. Wenn die Kultusminister nicht endlich anerkennen, dass ein Schulbetrieb in einer Pandemie nur mit funktionierendem Infektionsschutz aufrecht erhalten werden darf, und die entsprechenden Konsequenzen daraus ziehen, dann starten die Schulen nämlich nach den Weihnachtsferien wieder in den ungeschützten Regelbetrieb. Und die nächste Corona-Welle ist schon absehbar. News4teachers
Der Journalist und Sozialwissenschaftler Andrej Priboschek beschäftigt sich seit 25 Jahren professionell mit dem Thema Bildung. Er ist Gründer und Leiter der Agentur für Bildungsjournalismus – eine auf den Bildungsbereich spezialisierte Kommunikationsagentur, die für renommierte Verlage sowie in eigener Verantwortung Medien im Bereich Bildung produziert und für ausgewählte Kunden Content Marketing, PR und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Andrej Priboschek leitete sieben Jahre lang die Öffentlichkeitsarbeit des Schulministeriums von Nordrhein-Westfalen.
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