BERLIN. Die Belastungen sind für Lehrkräfte, die den Distanzunterricht managen und nicht selten auch noch Schüler in Präsenz betreuen müssen, derzeit groß. Die Belastungen sind für Eltern, die Beruf und Betreuung ihrer eigenen kleinen Kinder samt Homeschooling unter einen Hut bringen müssen, derzeit nicht kleiner. Was aber, wenn beide Herausforderungen in der Corona-Krise gleichzeitig kommen – die im Lehrerberuf und die als Elternteil? Zwei Mütter und Lehrerinnen berichten.
Esreichtmalwieder 28. Januar 2021 um 22:46
Ich selbst bin Lehrerin am Gymnasium, habe nur kleine Klassen (5 und 6) in Mathe und Physik und die ganz großen Schüler in Mathe, also 11 und 12. Die 12er sollen demnächst Abitur machen. Alle, die Schüler und deren Eltern, verlassen sich auf mich, wollen, dass ich den Unterricht so gestalte, dass die Schüler motiviert sind und die Aufgaben alleine lösen können. Außerdem fordert meine Schulleitung, Onlineunterricht entsprechend des normalen Stundenplans durchzuführen, vorzugsweise in Form von Videokonferenzen. Leider reicht es da nicht, stumm und ohne Bild teilzunehmen, sondern man ist der Leiter dieser Veranstaltung.
Die Vorbereitung des Onlineunterrichts dauert dreimal so lang wie normaler Unterricht, wenn man es ansprechend und anspruchsvoll gestalten will, das dann noch mit privater, nicht unbedingt gut geeigneter Technik. Ich bin nicht systemrelevant. Meine Kinder waren zu Hause. Alleine das Beschulen meiner Tochter (1. Klasse) unter der Anleitung ihrer Lehrer nimmt mehrere Stunden mit Pausen in Anspruch.
“Nachts hätte ich dann meine Ruhe zum Arbeiten. Ich kann dann aber meist nicht mehr”
Nebenbei möchte mein dreijähriger Sohn mit mir spielen und meine Nähe. Gleichzeitig werde ich mit E-Mails bombardiert von Schülern, Schulleitung, Kitaleitung, Klassenlehrerin meiner Tochter, neuen Verordnungen und und und. Arbeiten geht tagsüber nicht so richtig, vielleicht etwas Verwaltungskram, wenn die Kinder mal alleine spielen. Nachts hätte ich dann meine Ruhe zum Arbeiten. Ich kann dann aber meist nicht mehr. Wenn die Kinder mal einen oder ein paar mehr Tage bei Oma waren, habe ich von früh zeitig bis spät abends durchgearbeitet, nicht mal geschafft zu essen. Mittlerweile kommen die 11er und 12er wieder in die Schule im Wechselmodell. Damit bin ich systemrelevant und die Kids gehen in die Notbetreuung.
Ich habe, wie alle anderen Eltern auch, die Möglichkeit, Kinderkrankentage zu nehmen, um nicht arbeiten zu müssen. Aber wer kümmert sich dann um meine Schüler? Wer schreibt sie an, um zu schauen, wie es ihnen geht, ob sie zurecht kommen, sich motivieren können. Wer bringt ihnen Mathe und Physik bei? Die Kollegen, die selbst genug mit ihren Schülern zu tun haben?
Ich denke, dass es viele Eltern gibt, die eine ähnlich große Verantwortung haben und nicht einfach ihre Arbeit liegen lassen können. Vielleicht besteht auch die Angst, im Wettbewerb nach hinten zu fallen, weil man seine Kinder betreuen muss. Ich glaube aber nicht, dass es richtig ist, Eltern pauschal zu verdammen, die zu Hause gerade überfordert sind und die Betreuung durch Kita und Schule fordern. Ich könnte mir gut vorstellen, den ganzen Tag alleine mit meinen Kids zu verbringen. Aber die Verantwortung meinen Schülern gegenüber und das schlechte Gewissen, dass sich damit einstellen würde, ist zu groß. Man sagt ja immer, dass man es nicht allen Recht machen kann, aber genau das wird von den Eltern jetzt gefordert.
Wer keine Kinder hat, kann hier nicht mitreden, weil demjenigen die Vorstellungskraft fehlt. Und einfach zu sagen: Selbst schuld, ihr wolltet doch Kinder und damit den Eltern zu unterstellen, sie bekämen nur die Kinder um sie direkt abzugeben, finde ich nicht nur frech und befremdlich, sondern schlichtweg weltfremd. Ich wünsche allen Eltern weiterhin viel Kraft! Ihr leistet wirklich sehr viel in dieser Zeit!
Momo 23. Januar 2021 um 15:54
Ich bin zugleich Lehrerin und Mutter und eigentlich Lockdown mit Distanzlernen Befürworterin (zumindest in der aktuellen Situation)! Aaaaaaaber: Ich fühle mich tatsächlich an meiner absoluten Belastungsgrenze. Wurde im ersten Lockdown noch von Entschleunigung gesprochen, kann ich jetzt nur noch eine Beschleunigung des Alltags feststellen.
Den ganzen Tag hetze ich den eigenen Aufgaben und Terminen sowie den Aufgaben und Terminen meiner eigenen Kinder hinterher. Homeoffice als Lehrer kollidiert permanent mit dem Distanzlernen der eigenen Grundschulkinder, die obwohl sie sehr selbstständig sind, die Aufgaben und Videokonferenzen natürlich nicht alleine bewältigen können. Ich bin den ganzen Tag von 9 Uhr bis 21 Uhr mit Schule beschäftigt. Obwohl ich mich selber für sehr taff halte, ich kann nicht mehr.
Notbetreuung für meine eigenen Kinder kommt für mich nicht in Frage, auch meine Kinder haben ein Recht auf Infektionsschutz. Außerdem werden sie dort nur betreut, die vielen Aufgaben müssten wir also dann nachmittags/abends trotzdem noch zusammen machen. Also lasse ich sie Zuhause und versuche jeden Tag 150% Arbeitseinsatz zu geben auf allen Ebenen, um allen Aufgaben (schulischer und privater Natur) gerecht zu werden. Woran liegt dieser Stress, hat es sich im ersten Lockdown doch anders angefühlt? Es war einfacher. Aber warum?
Es liegt in meinen Augen zum Einen daran, dass Distanzlernen nun oft viel zu ehrgeizig angegangen wird. Meine Kinder werden mit Aufgaben bombardiert, Freunde und Kollegen berichten von ihren Kindern das gleiche, ein flächendeckendes/bundeslandübergreifendes Problem. Für arbeitende Eltern (egal welche Berufsgruppe) gar nicht zu leisten. Wenn leistungsstarke Kinder das Tagespensum an Arbeit nicht schaffen, ist das Ziel eindeutig zu ehrgeizig. Lernen macht gar keinen Spaß mehr, es ist nur noch Stapel abarbeiten. Einen Text zweimal lesen unmöglich, man schafft sonst die restlichen Aufgaben nicht.
“Die Kinder sind zunehmend unzufrieden, ihre sozialen Kontakte nicht wie gewohnt pflegen zu können”
Ein weiteres Problem: Man will außerdem auf Biegen und Brechen digital sein, da wird in der Sek 1/Sek 2 teilweise nach Stundentafel unterrichtet und selbst die Grundschüler müssen nun wöchentlich eine Vielzahl an Videokonferenzen absolvieren. Dabei sei erwähnt: Videokonferenzen ab dem 4./5. Schuljahr mag für Kinder noch ganz witzig sein, für meinen Erstklässler ist es aber purer Psychoterror. Ein sechsjähriges Kind, welches in diesem Alter eigentlich erst einmal mit EINER Person telefonieren lernen sollte, soll nun mit ZEHN weiteren Kindern Videokonferenz machen, daneben sitzen die Mamas, also mindestens insgesamt ZWANZIG Zuhörer. Leistungsdruck pur!!! Mein Kind umklammert meine Hand: „Hoffentlich komme ich nicht dran Mama.“ Natürlich muss mein Kind nichts sagen, wenn es nicht möchte, aber peinlich berührt und bloß gestellt fühlt es sich trotzdem, wenn es die „Aussage“ in der Videokonferenz verweigert.
Was den Druck nun noch zusätzlich verschärft ist, dass die Kinder tatsächlich zunehmend unzufrieden sind, ihre sozialen Kontakte nicht wie gewohnt pflegen zu können. Da Freizeitgestaltung nun sehr eingeschränkt funktioniert, sind die Eltern nun tatsächlich noch mehr in der Rolle, die Familie bei Laune halten zu müssen. Kinder haben außerdem Ängste durch die Extremsituation Lockdown und durch die Angst vor Corona, diese Ängste müssen nun aufgefangen und verarbeitet werden, in der Regel geschieht dieses Auffangen durch die Mütter.
“Ich muss als Lehrerin und Mutter dann doch einmal für die Eltern sprechen”
Ich beschäftige mich gerne mit meinen Kindern und genieße die gemeinsame Zeit, aber diese Situation, in der wir uns gerade befinden, ist belastend für Familien. Das hat rein gar nichts damit zu tun, dass Eltern sich nicht beschäftigen wollen. Familien sind belastet, weil die Situation eine Extremsituation ist und weil die Anforderungen an Familien zu hoch sind.
Ich muss als Lehrerin und Mutter dann doch einmal für die Eltern sprechen. Eltern leisten gerade enorm viel, werden aber gerne, wenn sie „jammern“ in die Schublade „unwillig“ oder „unfähig“ einsortiert. Mit der Haltung „Eltern sollen sich halt auch mal kümmern“ macht man es sich zu einfach. Die Situation erfordert mehr als kümmern, die Situation erfordert einen 24h Job, 7 Tage die Woche.
Eine Lösung für dieses Dilemma sehe ich leider auch gerade nicht. Wir befinden uns in diesem Lockdown, der in meinen Augen notwendig ist. Aber vielleicht muss ein Umdenken stattfinden, Ziele und Ansprüche dürfen nicht zu ehrgeizig definiert werden. Vielleicht sollte doch überlegt werden, ob man dieses Schuljahr werten kann, um den Schülern, Lehrern und Familien den Leistungsdruck zu nehmen. Aber dies ist ein anderes Thema…
Wichtig ist mir an dieser Stelle einmal festzuhalten: Für Eltern ist die Situation nicht einfach. Und das hat rein gar nichts mit Jammern zu tun. News4teachers
Die beiden Kommentare wurden als Leserposts auf News4teachers veröffentlich, wir möchten sie gerne einem breiteren Publikum vorstellen. Deshalb haben wir sie jetzt noch mal als Gastbeiträge gebracht.
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Klartext eines Lehrers: „Ich habe Kollegen mit Tränen in den Augen gesehen“
