BERLIN. Monate hatten die Kultusminister Zeit, die Schulen auf die Pandemie vorzubereiten. Trotzdem versinkt das Schuljahr im Chaos. In den Lehrerzimmern macht sich der Frust breit. News4teachers-LeserIn „SB“, selbst Lehrkraft, schreibt sich in einer offenbar schlaflosen Nacht den Ärger von der Seele – und zwar so gut und nachvollziehbar, dass wir den Beitrag, der im Leserforum von News4teachers veröffentlicht wurde, hier noch einmal einem breiteren Publikum vorstellen möchten.
SB am 05.01.2021 um 1:25 Uhr
Was fehlt ist weniger ein Plan, sondern schlichtweg und einfach Mut! Wahlkampf in vielen Bundesländern und bald auf Bundesebene, dazu gleichzeitig Pandemie und Krise passen nicht zusammen. Richtig wäre es doch gewesen, einen Plan nach dem Worst-Case Prinzip zu fassen und darauf aufzubauen. Jetzt arbeitet man aber andersherum im Normalzustand und schaut dann mal, wo wir einschränken können. Andersherum wäre aber einfacher, weil lockern geht immer besser, als die Zügel anzuziehen (kennt man auch aus dem Klassenzimmer).
Was wurde alles versäumt?
=> Nachfragen an den Schulen
Kein Kultusminister, soweit mir das bekannt ist, hat sich in irgendeiner Form darüber informiert, wie wir die letzten zehn Monate gearbeitet haben – sonst wird auch jeder Mist evaluiert, zig Statistiken im Jahr angefordert, aber hierzu kam nix. Was wirklich geleistet wurde, wo Lücken aufkamen, wo Probleme entstanden, wurde nicht wahrgenommen. Auch wurde nirgends mal das Heft in die Hand genommen und in Schulleitersitzungen, Sprengelsitzungen oder sonst wo ein Ist-Zustand zusammengefasst und geschaut, wer kann was, wer hat was zu bieten, was hat sich bewährt, wo klemmt es, wer kann wem helfen. Nein, wir arbeiten weiter jeder in unserem kleinen Inselstaat vor uns her… mit zig unterschiedlichen Modellen und erfinden ständig jeder für sich das Rad neu. Es ist unglaublich, wie man mit den Ressourcen hier umgeht. Und dann kriegt man noch eine auf den Sack, wenn man sich übergreifend über mehrere Schulen zusammenschließt, um Probleme gemeinsam zu lösen, weil Schulämter und Obere Dienstaufsichtsbehörden nicht gut aufeinander zu sprechen sind.
=> Nachfragen bei den Eltern
Oh ja, keiner hat in der ganzen Diskussion mal Eltern gefragt, was bei Ihnen gehen würde und was überhaupt nicht möglich ist. (Gut – viele Kolleginnen und Kollegen fragen sich, sagen nun da alle die Wahrheit? Aber Tendenzen könnte man sehen.) Nie wurde nachgefragt, welche Eltern auf eine Vor-Ort-Beschulung verzichten könnten. Okay in Baden-Württemberg gibt es keine Präsenzpflicht, faktisch sind aber fast alle Kinder da, da zum einen niemand sein Kind als einziges in der Klasse zu Hause lassen möchte – und weil klar ist, Unterricht zu Hause funktioniert nicht wirklich, weil die Kolleginnen und Kollegen sich nicht zweiteilen können.
=> Zusagen und Häppchen
Was gab es da nicht alles an Versprechungen. Dienstlaptops, FFP2-Masken, kostenlose Tests, Sonderbudgets, kostenloses Internet für Schüler …. Was kam wirklich? Wenig. Auf die Dienstlaptops wartet man vergebens (sind ja aber gerade eh nicht wichtig, wir arbeiten ja vor Ort). FFP2-Masken – hm, entpuppten sich in Baden-Württemberg als KN95 Masken, die dazu auch noch sehr fraglich waren und es zu empfehlen ist, diese nicht zu tragen. Kostenlose Tests? Zweimal darf man sich testen lassen. Ist man aber krank oder fühlt sich so und geht mit dem Schein zum Arzt, verweigert er diesen und man bekommt die komplette Privatpatienten-Rechnung. Begründung: Sie waren krank. Aussage Landesamt für Besoldung – Arzt hat Recht. Er muss den Schein nicht akzeptieren, wenn sie eindeutig krank sind. Gehe ich also dann nur so einfach mal aus Spaß zum Arzt. Eigentlich geht man doch, weil man sich und seine Kollegen, seine Familie nicht in Gefahr bringen möchte.
Tests an der Schule? Fehlanzeige – Schnelltests mal angesprochen, aber es gibt keine auf dem Markt. Testungen von Kindern Kat1? Nur auf Elternwunsch und die müssen dann noch selbst einen Termin suchen. Und am besten dann noch: Infektionsfall in einer Grundschulklasse, alle Kinder bei Infektionsfall Kat1 fünf Tage, unterrichtende Lehrkräfte mit Maske volle 14 Tage in Quarantäne … Hat bei uns dann mal zum Ausfall von 60 Kindern für 5 Tage und 17 Lehrkräfte für 14 Tage geführt. So funktioniert das in der Realität. Aussage Kultusministerium auf die Nachfrage, wie man das stemmen soll, „das ist ein Einzelfall“ – hm, davon gab es aber viele.
=> Vor-Ort-Lösungen
Ach Gott, was hatte man alles an Möglichkeiten angedacht, gut überlegt, organisiert – um es dann wieder fallen zu lassen. Unternehmer will Luftfilter spenden? Nein geht nicht, Schulträger ist dagegen. Schule will leere Turnhallenräume nutzen, um Räume zu entzerren, Schulträger: Nein geht nicht, wie soll man das bei sechs Schulen fair verteilen, dann lieber nicht. Ach, da könnte man den ganzen Abend am Stammtisch Kalauer erzählen…
=> Hygienekonzepte
Ach ja, die gibt es ja auch noch. Die wurden einfach aus alten Arbeitsschutzregeln abgeschrieben – wobei Arbeitsschutz gilt ja in Schulen nur für Lehrkräfte, jedoch nicht für Schülerinnen und Schüler, wie wir vor Jahren schon gelernt haben, denn für Lehrer ist das Land, für Schüler der Träger verantwortlich. Lüften alle 20 Minunten – gilt schon seit Jahren, hängt bei uns schon seit langer Zeit an allen Klassenzimmertüren. Abstände nur zwischen Lehrkräften, jeder Schüler darf an dich ran. Maskenpflicht nur ab Klasse 5 – okay, an der Bushaltestelle und im Schulbus muss die jeder tragen, da schadet es dem Grundschüler plötzlich nicht mehr. Ach ja – und ganz wichtig: Einbahnstraßenverkehr im Treppenhaus. Blöd nur, dass aufgrund der Kohorten und separierter Pausenbereiche eigentlich keine Schüler im Haus unterwegs sind.
=> Kolleginnen und Kollegen
Ein weites Feld. In dieser Zeit lernt man seine Kollegen mal so richtig kennen. Die, die mitanpacken, die, die abwarten, die, die zögern, die, die Angst haben, die, die Regeln nicht immer befolgen und noch viele mehr. Ein Kollegium ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, hier trifft man alles, was man auch so in der Presse verfolgen kann. Den Lauterbach-Follower, den Sicherheitsfanatiker, den Kritiker, den Hinterfrager, den Ist-nicht-so-schlimm, den Ich-kann-nicht-mehr, den Ich-mag-nicht-mehr und den, der sagt: Ist-so-da-müssen-wir-jetzt-durch.
Das Schlimme daran ist: Das Verhalten und die Planungen unserer Vorgesetzten in Schulverwaltung und Ministerien haben dazu beigetragen, dass viele Kolleginnen und Kollegen nicht mehr wollen, nicht mehr können. Vertrauen wurde kaputtgemacht. Viele Entscheidungen werden in den Kollegien nicht mehr nachvollzogen. Schule funktioniert so, wie sie immer funktioniert hat – und zwar dadurch, dass sich vor Ort die Leute den Arsch aufreißen und nicht deshalb, weil irgendwo weiter oben ein vernünftiger Plan entstanden ist. (Und wenn man ehrlich ist, die letzten Jahre kam nichts Sinnvolles mehr von oben, nur noch SchiSchi und öffentlichkeitswirksames Pseudozeug).
Fazit: Was habe ich in den letzten Monaten gelernt?
Ich habe erkannt, wo Schwächen im Bildungssystem, im Bereich Föderalismus, im Bereich Entwicklung der Gesellschaft und im Bereich Zukunftsfähigkeit Deutschlands liegen.
Einiges war mir schon bewusst, manches hat mich entsetzt – wenn ich bedenke, dass ich in einem G8-Land lebe.
Ich habe viele Menschen kennengelernt, die mit großen Respekt an diese Aufgabe herangehen, die nicht Probleme suchen, sondern Lösungen. Die nicht auf die Uhr oder den Lohnzettel schauen, sondern sich hinstellen und versuchen, das Beste aus der Situation herauszuholen. Menschen, die versucht haben, anderen so viel Schutz wie möglich zu bieten, die sich Konzepte überlegt haben, teilweise diese wöchentlich über den Haufen geschmissen haben, Menschen die weit über ihre eigentlichen Aufgaben tätig waren.
Ich habe aber auch unglaublich viel Frust gesehen. Ich habe Kolleginnen und Kollegen mit Tränen in den Augen im Lehrerzimmer gesehen, weil sie überfordert waren. Mit Tränen, weil sie wegen 45 Minuten Vertretungsunterricht zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Wochen in eine 14tägige Quarantäne müssen. Bei denen von genauso frustrierten Eltern die ganze Wut abgeladen wurde. Kolleginnen und Kollegen, die nicht mehr nachvollziehen konnten, welche Entscheidungen getroffen wurden.
Ich habe Eltern kennengelernt, die unglaubliches Verständnis für diese Situation hatten, die bereit waren zu helfen, die Ideen aus ihren Berufen in die Schule gebracht haben. Die versucht haben, so viel Normalität wie möglich bei bestmöglichem Schutz zu gewährleisten. Und vieles mehr.
Das ganze Jahr sind meine Befürchtungen alle Realität geworden. Und eigentlich hatte ich gehofft, hey jetzt im November haben die Politiker die Führungskräfte in den Ministerien es kapiert, es piepst nicht der Rauchmelder, nein die Hütte brennt. Und wieder bin ich in der Realität aufgewacht. Die gleiche Scheindiskussion wie vor zehn Monaten beginnt von vorne. Schule – koste es, was es wolle. Pläne? Keine.
Ich bin für Präsenzunterricht – aber für einen Unterricht, der nicht in einer anderen Welt stattfindet. Für einen Unterricht, in dem die Regeln gelten, die überall gelten. In denen Schülerinnen und Schüler auch in der Schule diese Regeln anwenden, damit sie sie verinnerlichen. Damit auch eine Verhaltensänderung bei manchen außerhalb der Schule stattfindet. Ich bin für Mut, jetzt mal klar Bilanz zu ziehen und Entscheidungen zu treffen und zu sagen, wir werden dieses Schuljahr nicht normal zu Ende führen, wir werden kürzen, reduzieren, anpassen. Ich bin dafür denjenigen Betreuung anzubieten, die sie wirklich benötigen. Ich bin für Mut, auch mal auszusprechen, dass nicht jedes Kind eine Betreuung braucht.
Tun werden wir wenig können. Wir werden weiterhin vor Ort unser Bestes geben und mit viel Respekt vor der Gefahr zur Arbeit gehen, und viele von uns werden sich deshalb auch weiterhin privat persönlich einschränken, weil sie um ihr Ansteckungsrisiko wissen. Und das ist, was mich traurig macht. Dass man eigentlich wie schon seit vielen Jahren als Lehrer immer 150 Prozent gibt – und jetzt an seine Grenzen stoßt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Dienst können wir uns wenig wehren und wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch im Dienst eigentlich nur für die uns anvertrauten Kinder da sein und ihnen auf dem Weg zum Erwachsenwerden helfen. Aber trotzdem: Außerhalb darf man ruhig mal seine Stimme erheben. Schreibt euren Abgeordneten, beschwert euch bei euren Gewerkschaften und redet miteinander. Seid mutig außerhalb der sozialen Medien, dort werdet ihr nämlich am wenigsten wahrgenommen. Und bleibt stark und gesund….
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Klartext einer Lehrerin: Das Schulsystem kollabiert jeden Moment! Wir sind ausgebrannt!
