BERLIN. Die Chefs der Staatskanzleien haben sich in der Vorbereitung der Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am kommenden Dienstag gestern zwar im Grundsatz darauf geeinigt, den Lockdown über den 10. Januar hinaus zu verlängern. Dissens gibt es allerdings in der Frage, ob der auch weiterhin die Kitas und Schulen betreffen soll. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS). Widerstand gegen weitere Schließungen kommt – ausgerechnet – aus Hamburg, wo eine Affäre um eine vertuschte Studie zu einem Corona-Ausbruch in einer Schule für Wirbel sorgt.
Wie die F.A.S. von Teilnehmern erfuhr, wollen stark von Corona-Infektionen betroffene Länder Kitas und Schulen weiter geschlossen halten. „Es darf keine überstürzte Öffnung von Schulen und Kitas geben. Es wäre angesichts der hohen Infektionszahlen verantwortungslos, Lehrer und Schüler einfach wieder komplett in die Schulen zu schicken. Es hat sich gezeigt, dass auch in der Schule Ansteckung und Verbreitung stattfinden. Gerade nach den Ferien ist die Gefahr am höchsten“, erklärte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der „Bild am Sonntag“.
Kretschmann stellt sich gegen Eisenmann: Kitas und Schulen weiter geschlossen halten!
Neben Bayern werden auch Sachsen, Thüringen und Baden-Württemberg als Befürworter weiterer Schulschließungen genannt. Damit stellt sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) offensichtlich gegen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), die eine weitgehende Öffnung von Kitas und Schulen unabhängig vom Infektionsgeschehen befürwortet (News4teachers berichtet ausführlich über Eisenmanns Vorstoß – hier nachzulesen).
Auf der anderen Seite überlegen weniger stark betroffene Bundesländer, Kitas und Schulen bis zur siebten Klasse wieder vollständig zu öffnen – und lediglich in einigen höheren Klassen in den Wechsel- oder Diszanzunterricht überzugehen. Der Bund unterstützte die vorsichtige Seite, heißt es. Am Samstag sei es für möglich gehalten worden, dass es in dieser Frage bei den unterschiedlichen Meinungen bleiben könnte – und die einzelnen Länder ab dem 11. Januar unterschiedlich vorgehen.
Tschentscher fordert “eine wissenschaftliche Grundlage” für Schließungen von Kitas und Schulen – die liegt ihm vor
Pikant: Zu den Bundesländern, die die Schulen wieder weitgehend öffnen wollen, gehört dem Bericht zufolge neben Hessen und Bremen ausdrücklich auch Hamburg. Er erwarte, „dass der Bund darlegt, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage beziehungsweise Datengrundlage er eine weitere pauschale Schließung von Kitas und Schulen fordert“, so wird Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) zitiert.
In Hamburg steht Bildungssenator Ties Rabe (SPD) in Verdacht, eine Studie, die als erste in Deutschland einen Ausbruch an einer Hamburger Schule zweifelsfrei dokumentiert, vertuscht zu haben. Mehr noch: Rabe präsentierte im Vorfeld des Bund-Länder-Gipfels am 25. November (bei dem beschlossen wurde, den Wunsch der Bundeskanzlerin nach einer Einschränkung des Kita- und Schulbetriebs abzulehnen) eigene, von seiner Schulbehörde angeblich ermittelte Daten, die belegen sollen, dass der Schulbetrieb sicher sei. Bis heute gibt es keine unabhängige wissenschaftliche Begutachtung dieser Daten. Rabe gilt als Architekt des Gipfelbeschlusses, die Kitas und Schulen im Regelbetrieb laufen zu lassen.
Rabe räumte ein, frühzeitig über die Ergebnisse der Studie zu einem Ausbruch in einer Hamburger Schule informiert gewesen zu sein
Damit gerät zunehmend auch Tschentscher selbst in den Dunstkreis der Affäre. Die Studie war von der Hamburger Gesundheitsbehörde in Auftrag gegeben worden. Rabe räumte in einem Fernseh-Interview ein, frühzeitig von der Untersuchung gewusst zu haben. Deren Ergebnisse wurden erst am 22. Dezember öffentlich – weil die Gesundheitsbehörde von einer Bürgeranfrage, die sich auf das Informationsfreiheitsgesetz, dazu gezwungen wurde. Vollständig veröffentlicht ist die Studie des Heinrich-Pette-Instituts und des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) bis heute nicht. Dabei weist sie als erste Studie in Deutschland überhaupt ein sogenanntes Superspreader-Event in einer Schule nach. Bereits seit Ende Oktober soll sie abgeschlossen sein.
Die Frage lautet nun: Seit wann weiß denn Tschentscher von der Untersuchung, die genau das liefert, was er jetzt vom Bund fordert? Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Vorfeld des Gipfels am 25. November Wechselunterricht nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts gefordert, was von den Bundesländern aber zurückgewiesen wurde. Das RKI empfiehlt, ab einem Inzidenzwert von 50 Wechselunterricht mit kleineren Lerngruppen in allen Jahrgängen vorzusehen, um die Abstandsregel in den Klassenräumen einführen zu können. Kein Bundesland liegt derzeit unterhalb dieses Grenzwertes.
Tschentscher, selbst Mediziner von Beruf, irritierte noch unlängst mit der Aussage: „Es gibt überhaupt keinen Streit mehr über die Frage, dass gerade die jüngeren, jüngsten Kinder eben nicht infektionsgefährdet sind und nicht zum Infektionsgeschehen beitragen.“ News4teachers
