Website-Icon News4teachers

Mutation bei Corona-Ausbruch in Freiburger Kita festgestellt – RKI zieht These in Zweifel, dass jüngere Kinder weniger ansteckend sind

Anzeige

STUTTGART. Kinder sind keine «Treiber» der Pandemie? Diese Frage muss nach dem Corona-Ausbruch in einer Freiburger Kita neu gestellt werden. Die dort entdeckte Mutante hat die Pläne der baden-württembergischen Landesregierung, Kitas und Grundschulen am kommenden Montag zu öffnen, auf den Kopf gestellt. Das dürfte bundesweit weitreichende Konsequenzen für den Bildungsbetrieb in den kommenden Monaten haben. Bemerkenswert: Das Robert-Koch-Institut stellt die These, dass Kita-Kinder und Grundschüler weniger infektiös als ältere Schüler seien, mittlerweile öffentlich in Zweifel.

Die Corona-Mutationen rücken die Debatte um Kita- und Schulöffnungen in ein neues Licht. Illustration: Shutterstock

Es ist eine kalte Dusche. Ein Schock für die Politik, Eltern, Kinder, Lehrkräfte und Erzieherinnen. Ursprünglich wollten Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) an diesem Mittwoch um 14.30 Uhr die Entscheidung verkünden, dass Kitas und Grundschulen schrittweise wieder geöffnet werden sollen. Angesichts der sinkenden Infektionszahlen im Land galt die Entscheidung als Formsache. Mit der Lockerung mitten im allgemeinen Lockdown hätte Baden-Württemberg, das in vielen Lebensbereichen einen strengen Kurs vorgibt, einen Sonderweg beschritten.

Dann, um 14.00 Uhr, platzte die Nachricht in die Staatskanzlei, dass in einer Freiburger Kindertagesstätte zwei Kinder mit einer neuen Virusvariante infiziert sind? Hinzu kommt, dass weitere 21 Kinder und Erwachsene sich mit dem Coronavirus angesteckt haben – doch bei ihnen muss noch geklärt werden, ob eine Mutation vorliegt. Noch ist vieles unklar. Was ist in Freiburg tatsächlich vorgefallen? Wie ist das mutierte Virus dorthin gekommen? Es fehlen verlässliche Informationen. Klar ist nur: Die im Südwesten geplante landesweite Öffnung von Kitas und Grundschulen liegt bis auf Weiteres auf Eis.

Anzeige

Was tut die Politik jetzt?

Abwarten – und über ihre Strategie nachdenken. Kretschmann hatte lange den strengen Corona-Manager gegeben. Doch irgendwann gab er dem Druck seiner Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) nach. Sie will einen Sonderstatus für Schulen in der Pandemie und diese so schnell wie möglich wieder öffnen. Sonst würden Kinder und Jugendliche die großen Verlierer der Krise. Ihr Drängen war so massiv, dass nicht wenige auch in ihrer eigenen Partei ihr vorhielten, sie mache Wahlkampf. Denn Eisenmann ist CDU-Spitzenkandidatin für die Wahl am 14. März. Und ihr Gegner ist Kretschmann selbst.

Der schwenkte ein – als immer mehr Umfragen zeigten, dass die Akzeptanz der Menschen für die harten Lockdown-Maßnahmen abnahm. Er verteidigte vehement die anvisierte Öffnung von Kitas und Grundschulen zum 1. Februar. Noch am Dienstagabend wetterte er bei «Markus Lanz»: «Wir sollten nicht ewig so tun, als seien Grundschulen und Kindergärten das Problem dieser Pandemie.» Immer wieder hatte Kretschmann Experten zitiert, die ihm versichert hätten, dass Kinder unter zehn Jahren keine «Treiber» der Pandemie seien. Der Ausbruch in Freiburg stellt diese Frage nun neu.

Können die Kitas und Grundschulen denn trotzdem bald geöffnet werden?

Das sieht nicht so aus. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz sagte auf Anfrage: «Ich rate dazu, von einer Öffnung in der nächsten Woche abzusehen.» Es könnte aber auch sein, dass man sich im Südwesten wie zum Beispiel in Bayern den zunächst bis zum 14. Februar vorgeschriebenen Lockdown hält. Zwar betont Kretschmann immer, die Entscheidungen in der Corona-Krise würden auf Fakten beruhen. Doch bei den Kitas und Schulen hat er sich womöglich zu weit vorgewagt. Die Last-Minute-Absage der Lockerung zum 1. Februar dürfte eine Art heilsamer Schock für ihn sein. Und Eisenmann muss sich fragen lassen, ob sie bei ihrem Einsatz für offene Schulen etwas übersehen hat.

Wie sehen die Lehrer und Erzieher die Lage?

Sie fühlen sich als «Versuchskaninchen», wie die Bildungsgewerkschaft GEW beklagt. Angesichts der Gefahren durch Virusmutationen sei eine Öffnung «fahrlässig und nicht zu verantworten», warnte die GEW-Landeschefin Monika Stein schon, bevor die Nachricht aus Freiburg kam. Nun fordert sie, Kitas und Schulen frühestens wieder nach der Fasnetspause am 22. Februar zu öffnen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) zieht ebenfalls die Notbremse: Erst müsse die Infektionslage kleiner Kinder geklärt sein, außerdem brauchen alle Kitas und Grundschulen flächendeckend FFP2-Masken, sagte der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand.

Was sind denn Virusmutationen?

Viren wie bei der Influenza oder bei Covid-19 müssen ihr Erbgut in Zellen einschleusen, um sich zu vermehren. Bei der Vermehrung kann es zu Mutationen kommen. Einige dieser zufälligen Veränderungen im Erbgut verschaffen dem Erreger Vorteile – etwa, indem sie ihn leichter übertragbar machen. Fachleute gehen derzeit aber nicht davon aus, dass diese Erreger unempfindlich gegen die bislang zugelassenen Corona-Impfstoffe sind.

Welche Virusvarianten sind bislang am bekanntesten?

Besonders im Fokus von Forschern und der Öffentlichkeit stehen derzeit die Variante B.1.1.7, die zuerst in Großbritannien entdeckt wurde, und B.1.351. Sie wurde erstmals in Südafrika aufgespürt. Die erste Variante gilt als hochansteckend, die zweite ebenfalls als ansteckender als das Ausgangsvirus. Die Bundesregierung warnt, Menschen in Deutschland müssten sich auf eine verstärkte Ausbreitung besonders ansteckender Varianten des Coronavirus einstellen.

In Baden-Württemberg ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums bis zum Montagabend bei mindestens 34 Reiserückkehrern oder deren engen Kontaktpersonen eine Virusmutation nachgewiesen worden. Die jüngsten Infektionen aus Freiburg zählen nicht dazu. Im Vergleich zur Gesamtzahl von derzeit mehr als 286.000 registrierten Corona-Infektionen erscheint diese Zahl überschaubar. Experten warnen aber vor einer dominanten Rolle der Varianten bei Neuansteckungen.

Woran könnte es liegen, dass es erst wenige Fälle in Baden-Württemberg gibt?

Deutschland liegt bei der Zahl der sogenannten Genomsequenzierungen des Virus, also bei den Nachweisen neuer Mutationen, deutlich hinter Ländern wie Großbritannien. Baden-Württemberg will nun über die Bestrebungen des Bundes hinaus stärker nach Mutationen des Coronavirus fahnden. Dafür sollen in Labors im Land möglichst alle positiv getesteten Proben auf die bekannten Virusvarianten untersucht werden. Die Rate der Vollsequenzierung, mit deren Hilfe auch unbekannte Mutationen aufgespürt werden können, werde zudem sukzessive gesteigert, sagt Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne).

Kinder sind doch überhaupt keine Treiber des Virus, oder?

Kultusminister behaupteten monatelang unisono: Kitas und Schulen sind keine Treiber der Pandemie – und begründen damit, dass Kitas und Schulen praktisch ohne Infektionsschutz weit offen blieben. Da muss man allerdings zurückfragen: Was sind denn “Treiber”?

Richtig ist: Kinder und Jugendliche sind nicht überrepräsentiert bei den bekannten Corona-Infektionen. Allerdings werden Kinder und Jugendliche, bei denen Infektionen tatsächlich häufiger symptomlos verlaufen, auch seltener gestestet. Das Robert-Koch-Institut (RKI) fasst den Stand der Forschung zusammen und stellt fest: “Die auf PCR-Testung basierende Prävalenz als Ausdruck aktiver Infektionsgeschehen liegt bei Kindern in den meisten Studien niedriger als bei Erwachsenen. In serologischen Studien zeigt sich kein einheitliches Bild: teils unterscheiden sich die Seroprävalenzen wenig von Erwachsenen, teilweise zeigte sich bei Kindern im Vergleich eine niedrigere Seroprävalenz. Zu beachten ist, dass neben der Empfänglichkeit für eine Infektion auch Anzahl und Art der Kontakte eine Rolle spielen.” Heißt: Selbst wenn Kinder möglicherweise weniger empfänglich für Corona-Infektionen sind, könnten sie das durch häufigere und körperlich engere Sozialkontakte ausgleichen.

Weiter heißt es: “Die Infektiosität im Kindesalter wurde bisher selten untersucht und kann daher nicht abschließend bewertet werden. Insgesamt scheinen Kinder weniger infektiös zu sein als Erwachsene.” Studien zur Viruslast bei Kindern hätten allerdings keinen wesentlichen Unterschied zu Erwachsenen gezeigt. Ein bemerksenwerter Zusatz ist kürzlich in den Steckbrief aufgenommen worden: “Eine Aussage, welche der Altersgruppen innerhalb der Kinder am infektiösesten ist, kann nicht verlässlich gemacht werden.” Das RKI zieht also die These in Zweifel, dass Grundschüler und Kita-Kinder deutlich weniger mit Ansteckungen zu tun haben als ältere Schüler – die These, die Kretschmann und Eisenmann bei ihren geplanten Kita- und Grundschulöffnungen zugrunde gelegt hatten. News4teachers / mit Material der dpa

Kretschmann stellt für Montag Kita- und Schulöffnungen in Aussicht – GEW: Erzieher und Lehrer fühlen sich wie Versuchskaninchen

Anzeige
Die mobile Version verlassen