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Intensivmediziner widersprechen den Kultusministern: „Schulen und Kitas tragen in großem Maße zur Verbreitung des Virus bei”

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BERLIN. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) warnt vor einer Öffnung von Schulen und Kitas vor Anfang März – und stellt sich damit gegen die Kultusministerkonferenz (KMK), die den Schulbetrieb in Präsenz laut Beschluss vom Montagabend bereits ab kommender Woche wieder hochfahren will. „Wir sehen die Gefahr, dass sich durch die Mutationen unbemerkt eine dritte Welle aufbaut”, sagte DIVI-Präsident Prof. Dr. med. Gernot Marx vor dem Gipfeltreffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten am heutigen Mittwoch. Dort steht der KMK-Beschluss zur Entscheidung an.

Die Intensivstationen sind nach wie vor gut gefüllt mit Corona-Patienten – und die Ärzte dort fürchten, dass offene Kitas und Schulen eine dritte Welle anschieben. Foto: Shutterstock

„Wir müssen den Lockdown in dem jetzt bestehenden Umfang mindestens bis Anfang März fortführen. Auch der Präsenzunterricht an den Schulen sollte bis dahin weiter ausgesetzt und Kitas geschlossen bleiben”, unterstreicht Marx gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Er räumt ein: Das sei für die Kinder und die Eltern eine unglaublich hohe Belastung.

Aber: „Schulen und Kitas tragen in großem Maße zur Verbreitung des Virus bei, was durch die Mutationen noch verschärft wird”, warnt Marx. „Die Kinder tragen das Virus in die Familien. Die Lehrkräfte sind alle nicht geimpft – als Intensivmediziner sage ich deshalb: Das ist nicht zu verantworten“, sagt er gegenüber der „Rheinischen Post“. Die Dynamik habe man in Großbritannien gesehen: Am Jahresende 2020 sei das Land im Lockdown gewesen – bei geöffneten Schulen. „Das führte zu einer stetigen Verschärfung des Infektionsgeschehens”, so Marx.

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„Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von SARS-CoV-2?“

Forscher des Imperial College London hatten die Ausbreitung des Virus in England untersucht und Alarmierendes herausgefunden: Während im Lockdown ohne Schulschließungen zwar die Infektionsraten im Durchschnitt sanken, stiegen sie unter Kindern und Jugendlichen an. Die PCR-Nachweisraten von Kindern und Jugendlichen im gesamten Schulalter lagen dann deutlich über dem Durchschnitt der Bevölkerung. „So waren die altersspezifischen Prävalenzen vor Weihnachten in England (office for national statistics, ONS): Erwachsene gut 1%, Realschulalter ca. 3%, Kita/Grundschule ca. 2%. Dies sind jeweils die wochenbezogenen PCR-Positiven in repräsentativen Haushalten“, berichtet Charité-Chefvirologe Prof. Christian Drosten, auf Twitter. Als dann die Kitas und Schulen über die Feiertage doch geschlossen waren, sank bei Schülern die Prävalenz, bei Erwachsenen stieg sie. „Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von SARS-CoV-2?“, so fragt Drosten rhetorisch.

„Wir müssen weiter die Kontakte reduzieren, daran führt kein Weg vorbei”, betont Intensivmediziner Marx, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Detuschland. „Die Erfahrungen aus Großbritannien, Irland und Portugal zeigen, dass die Infektionszahlen umgehend in ein exponentielles Wachstum übergehen, wenn zu früh geöffnet wird.” Dann seien noch drastischere Maßnahmen nötig, um die Zahlen wieder nach unten zu drücken. „Wir müssen Zeit gewinnen, auch um mehr Menschen impfen und damit schützen zu können”, so der Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen. Die Zahl der intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten sei zuletzt zwar gesunken. Sie liege aber immer noch deutlich höher als im Frühjahr 2020. Marx: „Wir müssen unter zehn Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner in der Woche.“

Der Inzidenzwert für Deutschland liegt aktuell bei 73 – Tendenz fallend. Die Kultusminister der Länder hatten sich bei weiter sinkenden Corona-Zahlen dafür ausgesprochen, dass die Schulen ab der kommenden Woche schrittweise wieder aufmachen, wie News4teachers berichtete. Einen entsprechenden Beschluss fassten sie am Montagabend in einer Schaltkonferenz, der am Dienstag veröffentlicht wurde. «Die negativen Folgen von Schulschließungen für die Bildungsbiografien und die soziale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen müssen begrenzt werden», heißt es in dem Papier. Dies gebe man der Ministerpräsidentenkonferenz mit auf den Weg, erklärte die KMK-Präsidentin, Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). Sachsen hat als erstes Bundesland bereits angekündigt, am Montag die Kitas und Grundschulen zu öffnen.

„Wenn die Zahlen auch nur ein bisschen steigen, dann kann das wesentlich schneller wieder durch die Decke gehen“

Allerdings ist das Meinungsbild unter den Kultusministern nicht so einhellig, wie der Beschluss suggeriert. Ausgerechnet aus Hamburg, wo monatelang eine Politik der weit offenen Kitas und Schulen verfochten wurde, kam Widerspruch. Die Hansestadt könne keine Lockerungen in Aussicht stellen – auch für Kitas und Schulen nicht, hieß es. Bildungssenator Ties Rabe (SPD): «Wenn die Zahlen auch nur ein bisschen steigen, dann kann das wesentlich schneller wieder durch die Decke gehen.» News4teachers / mit Material der dpa

Bund-Länder-Gipfel will Perspektive für den Betrieb von Kitas und Schulen geben – ein Stufenplan für Lockerungsschritte ist zu erwarten

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