Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek
DÜSSELDORF. Es geht schon wieder los. Im vergangenen Jahr missachteten Kultusminister jede wissenschaftlich begründete Warnung vor offenen Kitas und Schulen – mit teils haarsträubenden Behauptungen und unter Berufung auf windige Quellen. Daran hat sich nichts geändert, wie zwei aktuelle Beispiele zeigen.
„An alle Eltern und Erziehungsberechtigen, Schülerinnen und Schüler im Saarland“ hat die Bildungsministerin des Saarlands, Christine Streichert-Clivot (SPD), in der vergangenen Woche einen Brief geschrieben. Sie meint darin: „Verantwortungsvolle und sichere Öffnungen von Schulen und Kitas sind auch in der Pandemie möglich.“ Das ist – nach Monaten der Schließungen von Bildungseinrichtungen – eine durchaus fragwürdige Position.
Streichert-Clivot beruft sich dabei auf vermeintlich fachlichen Rat: „Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht, genauso wie die Expert*innen des Robert-Koch-Instituts (RKI), Kinder und Jugendliche nicht als Treiber der Pandemie. Auch maßgebliche medizinische Fachgesellschaften betonen, dass mit den im Saarland bestehenden Hygiene- und Infektionsschutzregelungen Kitas und Schulen selbst bei hohen Infektionszahlen geöffnet sein und sicher betrieben werden können.“
Wissenschaftler beschreiben einen engen Zusammenhang zwischen dem Betrieb von Bildungseinrichtungen und dem Infektionsgeschehen
Die genannten Referenzen lohnen durchaus einen Blick. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) ist ein Lobby-Verband, der auch die wirtschaftlichen Interessen seiner Mitglieder vertritt. Und die – so ergab unlängst eine Umfrage des BVKJ – sehen mit Mehrheit ihre wirtschaftliche Existenz durch die Corona-Krise massiv beeinträchtigt, sogar bedroht. Seit der Coronakrise, so heißt es seitens des Verbandes, gingen die Fallzahlen in den Praxen deutlich zurück, weil es aufgrund der Schutzmaßnahmen – also insbesondere der Einschränkungen im Kita- und Schulbetrieb – weniger akute Infektionskrankheiten gebe. Hier scheint also eine mögliche Befangenheit vorzuliegen.
Der BVKJ prescht auch immer wieder mit eigenwilligen Positionen in der Pandemie vor – zuletzt mit der Forderung, wegen möglicher Fehldiagnosen auf die Schnelltests (denen sich nach Streichert-Clivots Plänen auch im Saarland alle Schüler und Lehrer regelmäßig unterziehen sollen) zu verzichten. Diese Position findet sich in Streichert-Clivots Elternbrief natürlich nicht.
Dafür beruft sich die Bildungsministerin aufs Robert-Koch-Institut, dessen seit Herbst vorliegende Empfehlungen für den Schulbetrieb sie, wie ihre 15 Amtskolleginnen und -Kollegen auch, konsequent ignoriert hat. Jetzt muss das RKI dann doch mal herhalten. Tatsächlich stellt die Bundesbehörde in einem aktuellen Bericht fest, dass Schülerinnen und Schüler «eher nicht als ‚Motor‘ eine größere Rolle spielen» (der wissenschaftlich umstrittene Begriff „Treiber“ wird vermieden) – allerdings hat Streichert-Clivot „vergessen“, den zweiten Teil des Befunds wiederzugeben: nämlich dass es auch bei ihnen zu Übertragungen komme und Ausbrüche in Kitas und Schulen verhindert werden müssten.
Zudem weisen die Autoren des Berichts darauf hin, dass die Rolle von Kindern und Jugendlichen im – offiziellen – Infektionsgeschehen durchaus unterschätzt werden könnte, weil sie bei Ansteckungen allermeistens keine Symptome zeigen und deshalb weniger getestet werden. Auch das ist Streichert-Clivot natürlich keine Erwähnung wert. Überhaupt: Alle maßgeblichen Wissenschaftler, von der Gesellschaft für Virologie bis hin zur Leopoldina, von der Braunschweiger Virologin Prof. Melanie Brinkmann bis hin zum Berliner Charité-Forscher Prof. Christian Drosten, beschreiben einen engen Zusammenhang zwischen dem Betrieb von Bildungseinrichtungen und dem Infektionsgeschehen. Das zu ignorieren, grenzt schon an Realitätsverweigerung.
Ein Parteigenosse von Streichert-Clivot ging ebenfalls in diesen Tagen mit einer eigenwilligen Sicht auf das Pandemiegeschehen in seinem Verantwortungsbereich an die Öffentlichkeit: Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne.
Tonne betonte vor dem Landtag in Hannover, dass die Schulen im Zuge des Lockdowns nicht geschlossen worden seien, weil dort massenhafte Infektionen befürchtet wurden. I wo. Vielmehr sei es darum gegangen, die Mobilität und die Infektionsgefahr insgesamt zu reduzieren. Wie ist das zu verstehen? Der Kultusminister erklärte: Zwar seien auch in Schulen Corona-Infektionen hereingetragen worden, bis heute habe es aber in den Klassen selbst keine großen Ausbrüche gegeben. (Noch vor zwei Wochen hatte er selbst einräumen müssen, dass es – trotz der Einschränkungen im Schulbetrieb – an mehr als jeder fünften niedersächsischen Schule Corona-Infektionen gibt. Hupps, vergessen.)
Warum sind Lehrer denn beim Impfen vorgezogen worden, wenn es überhaupt keine Ansteckungen in Schulen gibt?
Nochmal langsam: Die Schulen sind zwar weitgehend sicher und haben mit der Ausbreitung des Coronavirus wenig zu tun, geschlossen wurden sie im Lockdown aber trotzdem, um die „Mobilität und die Infektionsgefahr insgesamt“ zu reduzieren. Also nicht die der Schüler und Lehrer!? Wessen denn dann? Wer geht denn noch in die Schule? Und in die Klassen wird das Virus zwar manchmal hineingetragen – aber es verteilt sich dort praktisch nicht und wird auch kaum hinausgetragen!? Schulen sind demnach also eine Art Corona-Absorber? Warum sind denn (Grundschul-)Lehrkräfte in der Impfreihenfolge auf die Schnelle vorgezogen worden, wenn es eigentlich überhaupt keine Ansteckungen in Schulen gibt? Und wieso sollen alle Schüler jetzt wöchentlich vor dem Schulbesuch schnellgetestet werden, wenn doch ohnehin nichts in den Schulen passiert?
Die Virologin Brinkmann stellte gestern auch mit Blick auf die Schulpolitik fest: „Was uns gerade präsentiert wird, ist eine intellektuelle Beleidigung an alle und keine Perspektive.“ Die Kultusminister liefern immer wieder beeindruckende Beispiele dafür.
