BERLIN. Hat die dritte Welle in der Pandemie an Wucht verloren? Forscher beobachten ein Plateau bei den Infektionszahlen. Es könnte ein erster Vorbote für sinkende Zahlen sein – wenn alle weiter mitmachen beim Impfen und den Schutzmaßnahmen. Allerdings: Die Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen steigen weiter. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt deshalb.
Mit Blick auf die jüngsten Infektionszahlen in der Pandemie gibt es bei Kliniken und Wissenschaftlern vorsichtigen Optimismus. Nach einer Verdoppelung der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von Mitte März bis Mitte April stagnieren die Zahlen seit rund zwei Wochen bei etwas über 160. Es gibt Einschätzungen, dass sie nach weiteren zwei Wochen sinken könnten – und die dritte Welle gebrochen wäre. Was spricht für positive Entwicklungen?
«Wir haben im Moment eine Gemengelage aus gegenläufigen Trends», sagte Virologe Klaus Stöhr. Auf der einen Seite gebe es weiter den Infektionsdruck der kühlen Jahreszeit, die Ansteckungszahlen nach oben treibe. Dazu komme eine Pandemiemüdigkeit in der Bevölkerung inklusive mehr Mobilität und Kontakten. Auf der anderen Seite sorgten zum Beispiel durchgemachte Infektionen und die Impfungen für eine Infektionsbremse. Dieser Ausgleich erkläre für ihn die Stagnation im Moment, sagte Stöhr. Er ist optimistisch. Sobald es draußen wärmer werde, gingen die Zahlen in rund zwei weiteren Wochen nach unten, prognostizierte der Experte. Denn draußen sei das Ansteckungsrisiko sehr viel geringer.
Kinder und Eltern werden voll dem Risiko ausgesetzt in den nächsten Wochen. Sie werden gar nicht oder zuletzt geimpft. Nachdem sich Kinder und Eltern so lange so vernünftig verhalten werden wird jetzt überall nach „Lockerung sofort“ gerufen. Kinder und Eltern leiden darunter sehr https://t.co/6MgctJFmXa
— Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) April 28, 2021
Eine Gefahr dieses Positiv-Szenarios: Deutlich mehr Menschen als jetzt werden unvorsichtig und halten sich nicht mehr an Schutzmaßnahmen und Auflagen. Eine weitere: Die Pandemie wird über geöffnete Kitas und Schulen wieder angeheizt.
Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) mit Stand vom Mittwoch binnen eines Tages 22.231 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zudem wurden innerhalb von 24 Stunden 312 neue Todesfälle verzeichnet. Zum Vergleich: Am Mittwoch vor einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 24.884 Neuinfektionen und 331 neue Todesfälle verzeichnet. Die Sieben-Tages-Inzidenz ist trotzdem leicht gestiegen: von 162 (20. April) auf 168 (27. April). „COVID-19-bedingte Ausbrüche betreffen insbesondere private Haushalte, aber auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld“, so heißt es im aktuellen Lagebericht, aber auch: „Beim Großteil der Fälle ist der Infektionsort nicht bekannt.“
Auch unter Kindern und Jugendlichen kann von Entspannung keine Rede sein. Die Inzidenzwerte für Kita-Kinder und Schüler sind weiter deutlich gestiegen – auf neue Rekordwerte. Die Null- bis Vierjährigen liegen nun bei 141, Grundschüler (Fünf- bis Neunjährige) bei 224, Zehn- bis 14-Jährige bei 234 und 15- bis 19-Jährige bei 260. Keine andere Altersgruppe ist aktuell stärker von Corona-Infektionen betroffen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach twittert mit Blick auf diese Zahlen: „Kinder und Eltern werden voll dem Risiko ausgesetzt in den nächsten Wochen. Sie werden gar nicht oder zuletzt geimpft. Nachdem sich Kinder und Eltern so lange so vernünftig verhalten haben, wird jetzt überall nach ‚Lockerung sofort‘ gerufen. Kinder und Eltern leiden darunter sehr.“
«Das heißt, dass die Maßnahmen der Notbremse hoffentlich so langsam zu greifen scheinen»
«Die Hoffnung ist schon, dass wir hier so eine gewisse Plateaubildung sehen können», sagt Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, am Donnerstag in einem Youtube-Video. «Das heißt, dass die Maßnahmen der Notbremse hoffentlich so langsam zu greifen scheinen.» Auf den Intensivstationen sei die Lage mit über 5000 Covid-Patienten bundesweit aber immer noch sehr angespannt. Eine Trendumkehr ist dort immer erst zeitversetzt zu spüren.
Die aktuelle Datenlage gebe Anlass zu vorsichtigem Optimismus, hieß es am Mittwoch auch von der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Das sei aber noch keine Entwarnung mit Blick auf die weitere Entwicklung der Situation in den Krankenhäusern. Die Zahlen der Neuinfektionen und der Covid-19-Patienten bedeuteten ermutigende Entwicklungen, «die zeigen, dass die Bevölkerung schon vor dem Inkrafttreten der bundesweiten Notbremse am vergangenen Freitag ihren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie geleistet hat», sagt Vorstandschef Gerald Gaß. Die Situation gebe Anlass zur Hoffnung, dass es tatsächlich gelinge, die dritte Welle zu brechen.
«Wir setzen weiter auf das Verständnis und das aktive Mitwirken der Bürgerinnen und Bürger, aber auch auf die Auswirkungen der Impfungen und den positiven Einfluss des nahenden Sommers», ergänzt Gaß. Die konsequente Umsetzung von Beschränkungen bei hohen Inzidenzwerten könnte die Trendumkehr einleiten.
Auch Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin analysiert die stagnierenden Infektionszahlen. «Zunächst hatten die Osterferien einen deutlichen Einfluss», sagt er im Gespräch. «Hier sind nicht nur die Ansteckungen in den Schulen ganz weggefallen, sondern es waren auch viele Eltern nicht bei der Arbeit.» Es habe über die Osterfeiertage wahrscheinlich auch deutlich weniger Kontakte gegeben als vorher befürchtet.
Gutes Wetter lasse mehr Freizeitaktivitäten draußen stattfinden. Dazu seien in einzelnen Regionen schon vor der bundesweiten Notbremse Schnelltestangebote gekommen, auch durch Arbeitgeber und in Schulen, sowie eine Reduzierung privater Kontakte in den späten Abendstunden. In Nagels Modell für Berlin können solche Faktoren den R-Wert senken – also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Die Hauptstadt liege um die 1, also an der Grenze, die eine Pandemie beherrschbar macht. «Aber es sind viele Effekte, die für sich genommen eher klein sind, und es ist daher für uns nicht möglich, Ursachen und Wirkungen genau zuzuordnen», schränkt der Wissenschaftler ein.
«Es ist eine schwierige Phase für uns alle. Wir sollten jetzt nicht lockerlassen»
An weniger PCR-Tests kann die Stagnation nach Beobachtung der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM) zumindest nicht liegen. Sie seien in der 16. Kalenderwoche ab dem 19. April im Vergleich zur Vorwoche gestiegen – von rund 1.174.745 auf nun 1.231.477. Die Positivrate habe bei 13,3 Prozent gelegen (Vorwoche: 12,7 Prozent). Der Verband ALM bittet alle Bundesbürger, auf der letzten Teilstrecke des Corona-Marathons durchzuhalten und bei den Schutzmaßnahmen mitzumachen: «Es ist eine schwierige Phase für uns alle. Wir sollten jetzt nicht lockerlassen», appelliert der ALM-Vorsitzende Michael Müller. News4teachers / mit Material der dpa
