DÜSSELDORF. Ihre Politik, so versicherte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), am vergangenen Mittwoch in einem Radio-Interview des SWR, diene ja nicht ihren Interessen – sondern dem der Schülerinnen und Schüler. Unisono beteuern das die Kultusminister: Es geht ihnen bei ihrem Gedrängel um möglichst weit offene Kitas und Schulen um die Kinder (und natürlich nicht darum, Interessen einer Wirtschaftslobby zu bedienen, Corona-müde Eltern ruhig zu stellen oder gar das eigene Versagen zu kaschieren, i wo). Leserin „mater ante portas“ aus Schleswig-Holstein ist gerührt von so viel Selbstlosigkeit – wie sie in einem bitter-ironischen Post erkennen lässt. Den stellen wir hiermit noch einmal einer breiteren Öffentlichkeit vor.
mater ante portas 7. April 2021 um 20:02
Das Kindeswohl……ach ja.
Ich finde es so rührend, wie unsere Kumis und Kinderärzte sich um das Wohl meiner Kinder sorgen.
Meine Drei fanden es schon im Dezember so überaus wohltuend, im schönsten Inzidenz-Kugelhagel unseres Hitlisten-Landkreises durch Präsenzunterricht der sozialen Isolation entrissen zu sein und weiterhin in die Schule zu dürfen. Immerhin gab es sonst nirgendwo diese grandiose Frischlufterfahrung bei bis dato in Klassenzimmern ungekannten Minusgraden.
Untermalt das Ganze von den traumhaften Klängen des immerhin angeschafften CO2-Messgerätes, das allerdings in deutlich kürzeren Takten als nur alle 20 Minuten dazu aufforderte, die Fensterscheiben mit filigranen Eisblumen zu schmücken – von innen selbstverständlich.
Wir kleinen Dummis vergaßen und vergessen doch glatt, dass Kinder gar nicht ansteckend sind
Ach, was war es bloß für eine wohltuende Erfahrung, dass man die in den Klassen meiner Kinder aufgetretenen Coronafälle identifizierte und ohne jede angstmachende Information oder gar verstörende Quarantäne den Unterrichtsbetrieb zur Freude Aller aufrechterhielt. Es handelte sich laut Gesundheitsamt ohnehin wieder mal nur um dieses merkwürdige diffuse Infektionsgeschehen, das von außen eingeschleppt wird.
Wir kleinen Dummis vergaßen und vergessen doch glatt, dass Kinder gar nicht ansteckend sind und man sich IN der Schule ja gar nicht infizieren kann, weil unsere treusorgenden Kultusminister die Viren allein Kraft ihrer Gedanken von dort fernhalten. It’s magic.
Dass mein Sohn dann prompt mit hohem Fieber und weiteren Symptomen zum Test musste, ist natürlich allein unser Fehler. Warum hatte er sich schließlich nicht ordentlich in seinen Daunenschlafsack gehüllt während der Unterrichtszeit?
Für den 24-Stunden-Adrenalinkick für die ganze Familie bis zum Bescheid des negativen Testergebnisses bedanke ich mich noch einmal ganz besonders herzlich bei unserer Kultusministerin. Für eine vergleichbare Hormondosis hätten wir in einem Vergnügungspark Unsummen ausgeben müssen und wären verarmt – wir hatten ihn gratis. Danke, Frau Prien (Karin Prien, CDU, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, d. Red.). Sie wissen, was Kindern guttut.
Nur abends, das muss ich doch etwas bemängeln, da hätte ich mir etwas mehr Schützenhilfe aus den Ministerien gewünscht, wenn meine Kinder weinten, weil sie trotz aller hochtechnischen Abwehrbollwerke unserer Kumis Angst davor hatten, sich in der Schule anzustecken. Eine kleine Broschüre in Pixibuchformat, vielleicht mit dem Titel „Wir kümmern uns um das Kindeswohl – oder: im Himmel ist Jahrmarkt“, das wäre schön gewesen. Oder eine Handreichung in Form eines ähnlich feinfühligen Puppenfilms wie dem Hamburger Blockbuster „Torben erklärt den Coronatest“, der beschwichtigend darüber aufklärt, dass eine Ansteckung ja bloß ein paar Tage Zuhausebleiben bedeutet.
Jaja, das Kindeswohl – auch ein Vierteljahr später immer noch ein hohes Gut in Deutschland
So mussten wir die Tränen ohne die ministerielle, wegweisende Facharbeit im Dienste des Kindeswohls und daher völlig unprofessionell ganz alleine trocknen, allein mit den Worten: Ach Kind, die Kultusminister passen schon auf. Und wenn es doch mal schief geht, dann denk doch nicht nur an dich, sondern mal an die vielen Kinderärzte, die wollen schließlich auch was zu tun kriegen.
Jaja, das Kindeswohl – auch ein Vierteljahr später immer noch ein hohes Gut in Deutschland.
Wenn sich nur nicht immer dieser dumme Artikel 2 GG ins Bild drängen würde mit seinem nervigen „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“- Blablabla…..
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Neulich im Ministerium… „Schreiben Sie: Bildung hat Vorrang blablabla.“ Eine Glosse
Die Kultusminister haben eine gemeinsame Linie (nur keine gute). Ein Leserkommentar
