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Kultusministerium knipst 2.000 Schul-Homepages vom Netz ab – und zeigt damit (einmal mehr), wie unzuverlässig Landeslösungen sind

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STUTTGART. Während der Pandemie setzen die Schulen vor allem auf digitale Lösungen. In Baden-Württemberg befinden sich viele der Webseiten und Lernplattformen für den Unterricht im Hochschulnetz des Landes. Nun gibt die Regierung bekannt, dass sich die Schulen daraus zurückziehen müssen. Das ist für die Betroffenen ein harter Schlag. Mehr noch: Der Fall gibt der Debatte um Microsoft und Co. in Schulen neue Nahrung – aber andersherum, als es eine Initiative von Verbänden im Ländle gerne sähe.

Rund 2.000 Schulen in Baden-Württemberg werden vom Internet abgeklemmt. Foto: Shutterstock

Mitten in der Pandemie mit überwiegendem Wechsel- und Fernunterricht hat die Landesregierung den Schulen bekanntgegeben, dass sie das Hochschulnetz des Landes (Belwü) verlassen müssen. Die Webauftritte von mehr als 2000 Schulen werden eingestellt, wie es in einem Brief von Belwü an die Schulträger im Südwesten heißt. Diese müssten sich für ihre Webauftritte nach und nach neue Anbieter suchen. Für Mailkonten und digitale Lernplattformen falle die Anbietersuche weg, diese sollen auf eine zentrale Plattform verlagert werden.

Zur Begründung heißt es in dem Schreiben, es gebe «veränderte rechtliche Rahmenbedingungen». Zudem werde eine «langfristige Perspektive für einen gesicherten Betrieb» benötigt. Diese könne das Kultus- und Wissenschaftsministerium «aus verschiedenen Gründen nicht verlässlich dauerhaft erbringen».

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«Wichtig für die Schulen ist: Moodle und E-Mail-Services stehen weiterhin ohne Einschränkungen zur Verfügung»

Das Kultusministerium sprach am frühen Abend von «zwingenden Veränderungen», die schon länger bekannt seien. Belwü habe die Ansprechpartner an den Schulen in der vergangenen Woche informiert. «Wichtig für die Schulen ist: Moodle und E-Mail-Services stehen weiterhin ohne Einschränkungen zur Verfügung, und es ist ausreichend Zeit für den Übergang», sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Die Landesregierung versicherte, dass alle für den Fernunterricht und die Kommunikation der Schulen unerlässlichen Dienste wie E-Mail und Moodle in der Landeslösung bis spätestens 2024 sowohl weiterbetrieben als auch weiterentwickelt würden. «Danach soll Moodle im Rahmen der Digitalen Bildungsplattform fortgeführt werden», sagte der Sprecher des Ministeriums.

Auch das für die Hochschulen verantwortliche Wissenschaftsministerium sagte eine langfristige Lösung für die Schulen zu. «Bis diese steht, ist die Versorgung der Schulen mit IT-Leistungen über das Hochschulnetz sicher», sagte Ressortchefin Theresia Bauer (Grüne). Sie stellte aber auch klar: «Das Hochschulnetz Belwü hat in der Corona-Pandemie den Schulen unmittelbar und gerne geholfen. Dies kann wegen der begrenzten Kapazitäten allerdings nur eine Nothilfe und Brücke sein und ist nicht als Dauerlösung möglich.»

Das Landeshochschulnetz nimmt demnach ab sofort keine neuen Schulen mehr auf und möchte mit Beginn im Oktober die bestehenden Auftritte der Schulen im Hochschulnetz einstellen, wie es heißt. Empfehlungen für alternative Dienstleister könne man aus Wettbewerbsgründen keine geben, so Belwü. Der Umbau soll stufenweise erfolgen und bis ins Jahr 2023 dauern.

“Ohne einen ausgearbeiteten Plan ist ein Abriss bestehender Strukturen, die unter Volllast laufen, schlicht unverantwortlich“

Der Philologenverband Baden-Württemberg übt scharfe Kritik. Mitten im Corona-Lockdown und im digitalen Fernunterricht erfahren tausende Schulen, die den Internetanschluss, ihre Homepage, die Lehrer-Emailkonten und Moodle-Lernplattformen bei BelWü betreiben, dass diese jetzt sukzessive beendet werden sollten, teilte der Landesvorsitzende Ralf Scholl mit. Es sei völlig unverständlich, dass zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Jahren eine bestehende Struktur abgerissen werde, ohne dass rechtzeitig ein funktionierender Ersatz bereitstehe. „Ohne einen ausgearbeiteten Plan mit klaren Schritten, wie der Übergang für die Betroffenen möglichst reibungsfrei ablaufen soll, ist ein Abriss bestehender Strukturen, die unter Volllast laufen, schlicht unverantwortlich“, meinte Scholl. Der Verband forderte die Landesregierung auf, den Vertrag mit Belwü zu verlängern und in der Zwischenzeit eine landeseigene Lösung zu schaffen.

Auch die GEW in Baden-Württemberg hält das Vorgehen für falsch. Der Zeitpunkt sei ungünstig und sorge bei den Schulen für Unsicherheit, sagte der GEW-Landesvize David Warneck. Das Land müsse nun schnell klären, ob das Landeshochschulnetz ausgebaut werden könne, um so auch die Schulen abzudecken oder stattdessen auf eine eigene Lösung für die Schulen setzen.

Der Zeitpunkt ist auch noch aus einem anderen Grund pikant: Beide Lehrerverbände, die GEW und der Philologenverband, beteiligen sich an einer Initiative in Baden-Württemberg, die Microsoft und Co. aus Schulen verbannen will – erst in der vorvergangenen Woche war eine entsprechende Erklärung herausgegeben worden. Der zufolge sollen das Kultusministerium und die Schulen verpflichtet werden, stattdessen auf „bewährte datenschutzkonforme Lösungen“ wie die vom Land bereitgestellte Lernplattform Moodle sowie das Videokonferenzsystem BigBlueButton, die Bürosoftware LibreOffice und das Mailprogramm Thunderbird zurückzugreifen.

Ein Argument: Nach Überzeugung der Unterzeichner darf sich ein Bundesland nicht von einem Unternehmen wie Microsoft abhängig machen, das jederzeit vom Anbieter oder auf Anweisung der Regierung des Landes des Firmensitzes (also der USA) in der Nutzung eingeschränkt oder abgeschaltet werden könne. Ein konkretes Beispiel dafür gibt es nicht, obwohl praktisch jedes Unternehmen in Deutschland seit Jahrzehnten mit Software von US-Konzernen arbeitet. Dagegen illustriert der aktuelle Fall einmal mehr, wie wenig sich Schulen auf selbstgestrickte Landeslösungen verlassen können. Die Debatte, über die News4teachers in der vergangenen Woche berichtete, schlug hohe Wellen.

Der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei sprach nun von einem «digitalen Offenbarungseid». Die Schulleitungen seien am Limit. Ihnen jetzt auch noch so etwas wie die Suche nach einem eigenen Anbieter für die Schul-Homepage aufzudrücken, zeuge von einem unglaublichen Mangel an Sensibilität für die Situation an den Schulen, so der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Es sei unklar, auf wessen Server die Lernplattform Moodle nun ziehen solle und was es das Land kosten werde.

Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag, Timm Kern, teilte zu der Entscheidung mit, sie komme überraschend und zur Unzeit. Die Beweggründe blieben unklar und die Ministerien die Hinweise für den nunmehr notwendigen Anbieterwechsel der Schulen schuldig, so Kern.

Der Start von “ella” musste  wegen gravierender technischer Probleme immer wieder verschoben werden – und wurde dann komplett gestoppt

Das Land Baden-Württemberg schlittert beim Thema Digitale Bildung von einer Pleite in die nächste. Seit 2015 hatte das Kultusministerium eine Lernplattform mit dem Namen “ella” entwickeln lassen. Der Start musste dann wegen gravierender technischer Probleme immer wieder verschoben werden. 2018 wurde das Projekt, in das bereits 6,5 Millionen Euro geflossen waren, dann komplett eingestellt. In eine neue Lernplattform soll praxiserprobte Microsoft-Software integriert werden, wogegen sich aber eben Widerstand regt. Die Perspektive, wann eine komplette Lösung für die Schulen in Baden-Württemberg existiert, wird vom Kultusminsterium aktuell mit Frühjahr 2023 angegeben. News4teachers / mit Material der dpa

Hinter den Zusammenbrüchen der Schulplattformen steckt ein Systemfehler: Ministerien als IT-Entwickler? Das kann nur scheitern

 

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