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Im “Laschet-Land” (Spiegel) NRW explodieren die Inzidenzwerte – Lauterbach: Schulen werden das Geschehen anheizen

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DÜSSELDORF. Es ist nicht mal eine Woche her, seit NRW-Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) per Schulmail verkünden ließ: „Der Schulbetrieb in Präsenz ist nicht mehr an bestimmte Inzidenzwerte gebunden.“ Die Schulen sollen also offenbleiben. Um jeden Preis? Möglicherweise fliegt Laschet die Ankündigung mit Rasanz um die Ohren: Die Corona-Inzidenz in Nordrhein-Westfalen ist mit 103,3 wieder dreistellig und damit so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Die Zahlen wachsen exponentiell. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt bereits: „NRW verliert die Kontrolle.“ Die Schulen dürften das Geschehen weiter anheizen, sagt er voraus.

Schulschließungen hat er praktisch ausgeschlossen – und nun? NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Foto: Land NRW / Ralph Sondermann

Die Sieben-Tage-Fallzahlen zeichnen ein deutliches Bild: Die meisten der registrierten Neuinfektionen (2.647) entfallen laut „Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen“ zum Meldedatum 22. August auf die Altersgruppe der Zehn- bis 14-Jährigen – gefolgt von den 15- bis 19-Jährigen (2.283). Dritter Platz: die Fünf- bis Neunjährigen (1.815). Binnen einer Woche (gegenüber dem 15. August, also vor Schuljahresbeginn) haben sich damit die Zahlen für die Grundschüler und für die Sekundarstufe-I-Schüler fast verdreifacht, für die Sekundarstufe-II-Schüler verdoppelt. Keine andere Altersgruppe weist eine solche Dynamik aus. Die Inzidenz für die Null- bis 19-Jährigen liegt aktuell bei 221, mehr als doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erklärt in einem Interview mit dem Sender n-tv: „Ich glaube, dass die Kinder und Schulen bis jetzt keine so großen Rollen spielen, die Schule ist ja erst seit einer Woche auf.” Der Unterrichtsbeginn könne sich deshalb noch nicht auf die Zahlen ausgewirkt haben. Allerdings sagt er mit Blick auf den Präsenzunterricht voraus: „Die Kinder werden in den nächsten Wochen eine Rolle spielen.”

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Das tun sie tatsächlich jetzt schon. Beispiel Wuppertal: Am Mittwoch hat das Schuljahr begonnen. Die Stadt verzeichnet seit Freitag einen weiteren deutlichen Anstieg der Corona-Fälle, wie die „Westdeutsche Zeitung“ berichtet. Mit einem Inzidenzwert am Sonntagmorgen von 162 liegt Wuppertal in der Spitzengruppe in NRW, aber auch bundesweit. „Das ist leider der höchste Wert seit Mai“, räumt Gesundheitsdezernent Stefan Kühn dem Bericht zufolge ein. Und: Die Hälfte der neu positiv Getesteten seien Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren. Und: 80 Prozent weisen die Delta-Variante auf.

Ähnlich ist die Lage in Köln, der größten Stadt des Landes. An den 297 Schulen und 685 Kitas im Stadtgebiet gab es bereits am Freitag 479 Infektionsfälle – betroffen waren laut Verwaltung 58 Mitarbeitende in Schulen, 349 Schülerinnen und Schüler, 20 Kita-Mitarbeitende und 52 Kita-Kinder. Die 7-Tage-Inzidenz bei Kindern unter fünf Jahren stieg auf 87, bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren auf 165 und bei der Altersgruppe der Elf- bis 18-Jährigen sogar auf 261.

„Es ist ein zentrales schulpolitisches Anliegen der Landesregierung, auch in der Pandemie den Schulbetrieb in Präsenz sicherzustellen“

Der Anstieg seit Wiederbeginn des Schulunterrichts „kam mit Ansage“, meint Wuppertals Gesundheitsdezernent Kühn. Am Mittwoch, dem ersten Schultag, gab es bereits in 13 Wuppertaler Schulen mindestens einen Corona-Fall. Am Donnerstag, als auch die Erstklässler starteten, waren es schon 28, am Freitag 23 und am Samstag kamen noch einmal zehn Schulen nachträglich hinzu. 64 verschiedene und damit gut die Hälfte der rund 120 Schulen in Wuppertal ist bislang betroffen. „Das hat aber nichts mit Verantwortungslosigkeit der Eltern zu tun, die ihre Kinder ,krank’ schicken“, betont der Dezernent. Vielmehr weisen die positiv Getesteten keine Symptome auf. „Nach den Ferien kommt die Wahrheit des Sommers zum Vorschein.“

Gleichzeitig nimmt auch die Zahl der Covid-Patientinnen und Patienten in den Wuppertaler Krankenhäusern wieder zu. Am Sonntag waren es 25, davon zehn auf den Intensivstationen. Das sei zwar noch kein Vergleich mit der Hochphase der Pandemie, so Kühn, als es um die 140 waren. Aber: „Es gibt wieder mehr schwere Verläufe“, so Kühn. Betroffen seien praktisch ausnahmslos Ungeimpfte. Die vierte Welle sei „eine Pandemie der Ungeimpften“, sagt der Gesundheitsdezernent.

Ungeimpft sind auch die allermeisten Schülerinnen und Schüler. Nur jeder fünfte Schüler im Alter zwischen 12 und 17 ist in Nordrhein-Westfalen vollständig gegen Corona geimpft – von den jüngeren keine (für sie ist kein Impfstoff zugelassen). Trotzdem hat die schwarz-gelbe Landesregierung von Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) in der vergangenen Woche – kurz vor Schuljahresbeginn – per Schulmail erklärt, unabhängig von Inzidenzwerten die Schulen offenzuhalten.

„Für das vor uns liegende Schuljahr ist es ein zentrales schulpolitisches Anliegen der Landesregierung, auch in der Pandemie den Schulbetrieb in Präsenz sicherzustellen“, so heißt es in einem von Staatssekretär Mathias Richter (FDP) unterzeichneten Schreiben. „Mit einer Neufassung der Coronabetreuungsverordnung wurde nunmehr geregelt, dass der Präsenzunterricht inzidenzunabhängig gewährleistet wird. Damit ist der Schulbetrieb in Präsenz nicht mehr an bestimmte Inzidenzwerte gebunden. Dies ist vor allem durch die vielfältigen, bewährten Schutzmaßnahmen wie Testungen, Maskenpflicht, Lüften und aufgrund der erweiterten Impfangebote verantwortungsvoll möglich. Gerade deshalb ist es von besonderer Bedeutung, diese Schutzmaßnahmen und alle sonstigen Hygienemaßnahmen weiterhin strikt einzuhalten.“

„Es braucht Kriterien, ab wann Schutzmaßnahmen für die Schulen wegfallen oder verschärft werden müssen“

Die Kritik daran wächst. Oliver Ziehm, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien NRW, erklärt in der „Rheinischen Post“: „Es braucht Kriterien, ab wann Schutzmaßnahmen für die Schulen wegfallen oder verschärft werden müssen.“ Harald Willert, Vorsitzender der Schulleitungsvereinigung NRW, sagt gegenüber dem Blatt: „Im neuen Schuljahr ist die Bildung so wenig gesichert wie im vorigen Jahr.“ Die GEW-Landesvorsitzende Ayla Çelik hatte schon vorher erklärt: „Das Schulministerium hat nicht die medizinische Expertise, um die RKI-Empfehlungen zu ignorieren und die Inzidenzwerte zu missachten.“

Hintergrund: Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt (mit Blick auf die Delta-Variante und die unklare Datenlage hinsichtlich schwererer Krankheitsverläufe bei Kindern) nach wie vor für den Schulbetrieb, ab einem Inzidenzwert von 50 die Abstandsregel – und damit Wechselunterricht in kleineren Lerngruppen – vorzusehen. Sämtliche Kommunen in Nordrhein-Westfalen liegen seit heute oberhalb dieser Marke. Der „Spiegel“ spöttelt bereits über mögliche Auswirkungen auf den Wahlkampf: „Hohe Werte im Laschet-Land – nur leider die falschen“. News4teachers

Vierte Welle: Inzidenzen unter Schülern steigen rasant – Scholz: „Die Schulen müssen offen bleiben“

 

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