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Verbände schlagen Alarm: “Der Lehrkräftemangel ist das größte Problem des Bildungssystems in Deutschland”

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BERLIN. Der alljährlich erscheinende OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“ ist ein dickes Datenbündel. Entsprechend vielfältig sind die Schlussfolgerungen, die sich aus dem in dieser Woche wieder erschienenen Papier ziehen lassen. In einem Punkt sind die Lehrerverbände einig: Deutschland gibt zu wenig Geld für die Bildung aus. Darunter leiden vor allem förderbedürftige Schülerinnen und Schüler. Als weiteres Thema beschäftigt die Verbände der Lehrermangel. Wir haben die Reaktionen gesammelt.

Der Altersdurchschnitt in den deutschen Kollegien ist vergleichsweise hoch – in absehbarer Zeit werden deshalb viele Junglehrer benötigt. Foto: Shutterstock

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) macht sich dafür stark, mehr Geld für Bildung auszugeben. Der Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) müsse deutlich wachsen. „Mit den bisher eingesetzten Mittel schaffen wir es in Deutschland bis heute nicht, für Chancengleichheit zu sorgen“, sagte Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied Schule, zu der aktuellen Studie „Bildung auf einen Blick 2021“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dies werde insbesondere am Beispiel der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund deutlich. Ihre Lesekompetenz sei fast 20 Prozent geringer als bei Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Damit liege Deutschland unter dem OECD-Schnitt. „Zugewanderte Schülerinnen und Schüler brauchen mehr Förderung und Unterstützung, um ihre sprachlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Dafür müssen die Länder entsprechende Programm auflegen“, betonte Bensinger-Stolze.

„Trotz nomineller Zuwächse bei den Bildungsausgaben investiert Deutschland immer noch zu wenig Geld in Bildung. Der Anteil der öffentlichen Bildungsausgaben von 4,3 Prozent des BIP liegt weiterhin deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 4,9 Prozent“, stellt Bensinger-Stolze fest.

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“Wir sind eine hoch entwickelte Industrienation – und wollen es auch bleiben”

In die gleiche Kerbe schlägt der VBE. „Die OECD-Studie zeigt erneut auf, dass insbesondere die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozioökonomischen Status und dem Migrationshintergrund in Deutschland noch immer stark ist. Da hilft es auch wenig, sich damit herauszureden, dass wir im OECD-Schnitt liegen. Wir sind eine hoch entwickelte Industrienation und wollen es auch bleiben. Dafür sind wir, auch aufgrund des demographischen Wandels, auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Wir können es uns schlicht nicht leisten, diejenigen, die aus ökonomisch schlechter gestellten Elternhäusern kommen, nicht mitzunehmen. Die Lehrkräfte können die mittlerweile enorme Bandbreite an individuellen Bedarfen aber nur auffangen, wenn sie in ihrer Arbeit von multiprofessionellen Teams unterstützt werden. Dazu gehören Sozialarbeiterinnen und Logopäden genauso wie Psychologinnen, Schulgesundheitsfachkräfte und Sonderpädagogen. Die Kultusministerien sind gefordert, die Schulen fit zu machen für das Lernen von morgen“, fordert Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

Der OECD-Bericht zeigt ihm zufolge auch, dass der Lehrkräftemangel in Deutschland weiter ein Problem bleibt. Im OECD-Durchschnitt sind rund 35 Prozent der Lehrkräfte älter als 50 Jahre und werden in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsleben ausscheiden. In Deutschland gibt es an den Grundschulen (36 % Deutschland, 33 % OECD-Schnitt) und den Schulen der Sekundarstufe 1 (43 % Deutschland, 36 % OECD-Schnitt) sogar signifikant höhere Werte als im OECD-Durchschnitt.

“Die Herausforderungen, die Schule bewältigen soll, werden wir mit der knappen Ausstattung nicht bewältigen können”

Der VBE-Bundesvorsitzende mahnt: „Schon jetzt kann der Bedarf kaum gedeckt werden. Die Zahlen beweisen, dass wir in den nächsten zehn Jahren mit vielen Abgängen rechnen müssen. Deshalb gilt es, jetzt zu reagieren. Der Lehrkräftemangel ist das größte Problem des Bildungssystems in Deutschland. All die Herausforderungen, die Schule bewältigen soll, werden wir mit der knappen Ausstattung an Personal und Ressourcen nicht bewältigen können. Das Schaffen von Studienplätzen bei gleichzeitiger Verbesserung der Studienbedingungen sind dabei nur zwei Möglichkeiten, wie der Personalbestand erhöht werden kann.“

Das sieht auch die GEW so. „Wir müssen den dramatischen Lehrkräftemangel an Grundschulen, der uns insbesondere während der Pandemie auf die Füße fällt, konsequenter als bisher bekämpfen“, sagt Bensinger-Stolze mit Blick auf die Altersstruktur der Lehrkräfte im Primarbereich. Dafür sei es dringend notwendig, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und alle voll ausgebildeten Lehrkräfte in allen Bundesländern nach A13 (Beamte) und E13 (Angestellte) zu bezahlen. Nur so werde der Lehrkräfteberuf für junge Menschen bei der Berufswahl wieder attraktiver.

Der Philologenverband lobt unterdessen die eigene Klientel – die Gymnasiallehrerinnen und -lehrer. Trotz schwieriger Umstände während der Corona-Pandemie hätten insbesondere Deutschlands Gymnasiallehrkräfte an den Gymnasialen Oberstufen dafür gesorgt, dass die Schulen im Sekundarbereich II deutlich weniger Tage geschlossen bleiben mussten als in anderen Ländern. Auch das geht aus „Bildung auf einen Blick 2021“ hervor.

Während im OECD-Durchschnitt die Schulen im Sekundarbereich II zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 20. Mai 2021 101 Tage geschlossen blieben, war dies in Deutschland nur 83 Tage der Fall. „Das haben wir vor allem unseren engagierten Gymnasiallehrkräften zu verdanken, die unter schwierigsten Bedingungen alle Facetten des Unterrichts – Präsenz-, Wechsel- und Distanzlernen – ermöglicht haben“, betont die Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing. „Obwohl die Lehrkräfte an weiterführenden Schulen erst in Impfgruppe 3 statt in Impfgruppe 2 priorisiert wurden, haben sie vor allem für die Abiturjahrgänge fast ohne Unterbrechung Präsenzunterricht ermöglicht.“

Gleichwohl mahnt der Philologenverband die Kultusminister, die Aufholmaßnahmen nach Corona ernsthaft zu verfolgen und nach den durchgeführten Lernstandserhebungen zügig weitere Maßnahmen zu unterstützen. Bestandteile eines solchen Maßnahmenpaketes sollten sein:  an die Lehrpläne angebundene Förder- und Unterrichtsangebote in kleineren Klassen, freie Lernzeiten in der Woche mit verlängerten schulischen Öffnungszeiten, Unterstützungsangebote durch Lehramtsstudierende oder zusätzliche Lernzeit in Schuljahren in einem Gymnasium mit zwei Geschwindigkeiten. News4teachers

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