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Katholische Religionslehrkräfte outen sich als queer: “Gott würde es nicht wollen, dass ich das verstecke”

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BERLIN. In einer bisher beispiellosen Aktion haben sich 125 Priester und andere Beschäftigte der katholischen Kirche – darunter Lehrkräfte – als queer geoutet und eine Reform des Arbeitsrechts gefordert. Als queer bezeichnen sich Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht mit dem traditionellen Rollenbild von Mann und Frau oder anderen gesellschaftlichen Normen rund um Geschlecht und Sexualität identifizieren.

In der Kirche – hier die ökumenische Kirche Elisabethen in Basel – bewegt sich etwas. Foto: Shutterstock / Altosvic

“Ich lebe zusammen mit meiner Frau in einem kleinen Dorf am Niederrhein”, so berichtet Lisa Reckling, Lehrerin für Katholische Religion. Für ihren Beruf benötige sie die Missio canonica, die Lehrerlaubnis der Katholischen Kirche also. Um diese zu erhalten, habe sie unterschreiben müssen, dass sie nach den Vorgaben der Katholischen Kirche lebe – konkret: “dass ich so mit meiner Partnerschaft lebe, wie es von der Katholischen Kirche gewünscht ist, nämlich entweder als Frau alleine oder verheiratet mit meinem Partner. Damit habe ich natürlich gelogen.” Sie habe ausgeblendet, was sie unterschrieben habe. Im Fokus habe gestanden, das Fach zu unterrichten. Dabei habe sie nichts zu verstecken. “Gott würde das schon gar nicht wollen, dass ich das verstecke.”

Reckling hat sich nun geoutet – im Rahmen von “#OutInChurch Für eine Kirche ohne Angst”. Die Aktion – über die die ARD heute groß berichtet -, fand am Montag viel Zustimmung. “Was für ein Mut!”, twitterte Sven Lehmann (Grüne), der Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Carolin Kebekus zeigte sich ebenfalls begeistert: “Diese tolle Initiative hat mich so ins Herz getroffen”, sagte die Komikerin, die sich in ihren Sendungen oft mit der Kirche beschäftigt.

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“Eine Kirche, in der man sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken muss, kann nicht im Sinne Jesu sein”

“Wie viele Menschen für die Kirche tätig sind und in ständiger Angst leben müssen, von ihr sanktioniert zu werden, lässt einen erneut fassungslos zurück. Sie zeigt aber auch: Es gibt mittlerweile innerkirchliche Institutionen, die absolut bereit sind für eine Modernisierung, Reformen wollen und dies auch öffentlich kundtun.” Auch einzelne Bischöfe stellten sich hinter die Aktion. “Eine Kirche, in der man sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken muss, kann nach meinem Dafürhalten nicht im Sinne Jesu sein”, sagte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße.

Der als Reformer bekannte Bischof von Aachen, Helmut Dieser, forderte als erster katholischer Oberhirte ein Schuldbekenntnis seiner Kirche gegenüber Homosexuellen: Sie seien durch die Kirche “abgewertet und kriminalisiert” worden. “Hier ist auch ein Schuldbekenntnis fällig”, sagte Dieser der “Kölnischen Rundschau”. “Daran arbeiten wir.”

 

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller sagte, das kirchliche Arbeitsrecht könnten die deutschen Bischöfe eigenverantwortlich ändern, ohne dass dafür der Vatikan seine Zustimmung geben müsse. Tatsächlich werde das katholische Arbeitsrecht aktuell überarbeitet. “Mehrheitlich wünschen die Bischöfe und vor allem die übergroße Zahl der Generalvikare, die täglich mit der Untauglichkeit dieses Rechts zu kämpfen haben, dass sämtliche Loyalitätsobliegenheiten, die die persönliche Lebensführung betreffen, ersatzlos gestrichen werden”, sagte Schüller. “Ich begrüße diese Entwicklung.”

Die einseitige Ausrichtung der katholischen Kirche auf heterosexuelle Ehen hatte bisher oft ein jahrzehntelanges Versteckspiel zur Folge. Davon kann zum Beispiel Monika Schmelter (65) aus Lüdinghausen im Münsterland erzählen. Sie hat die Beziehung zu ihrer heutigen Frau 40 Jahre verheimlicht, weil sie selbst bei der Caritas arbeitete und ihre Partnerin Religionslehrerin war. Sie hätten beide lange Anfahrtswege zu ihrer Arbeit in Kauf genommen, um nicht entdeckt zu werden, sagte Schmelter. Auch an ihrem Wohnort seien sie immer nur “dezent” aufgetreten – nie als Liebespaar. “Das war sehr belastend.”

“Die Kirche steht mächtig unter Druck, besonders seit der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens”

Als es irgendwann doch durchgesickert sei und sie sich ihrem Chef anvertraut habe, sei von dem die Ansage gekommen: “Wenn ich das weiter geheim halte, dann kann ich meinen Job behalten. Aber wenn ich das an meinem Dienstort offen gemacht hätte, hätte das zu meiner Kündigung geführt.”

2019 ging Monika Schmelter in Rente, ein Jahr später heirateten sie und ihre Partnerin Marie Kortenbusch. Jetzt wollen sich beide dafür einsetzen, dass anderen ein solcher Leidensweg erspart bleibt. Die Gelegenheit dafür erscheint ihnen günstig: “Die Kirche steht mächtig unter Druck, besonders seit der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens”, sagt Monika Schmelter. “Die können sich eigentlich keinen weiteren Skandal leisten.” News4teachers / mit Material der dpa

Hier – in der ARD-Mediathek – lassen sich der Beitrag sowie 100 Interviews mit Betroffenen anschauen. 

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