BERLIN. Nach Wochen des Anschwellens scheint die Omikron-Welle nicht mehr weiter an Fahrt aufzunehmen. Zumindest legen das die offiziellen Meldedaten nahe. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) kann mit Blick auf die in der Hansestadt leicht gesunkenen Inzidenzen unter Schülerinnen und Schülern ein „Zeichen der Hoffnung“ erkennen – und stellt schon mal Lockerungen im Schulbetrieb in Aussicht. Wahrscheinlicher als eine tatsächliche Beruhigung der Lage allerdings ist, dass immer mehr Infektionen im Verborgenen stattfinden, weil das Test- und Meldesystem überlastet ist. Seit Jahresbeginn sind rund 100.000 Kinder und Jugendliche symptomatisch an Corona erkrankt.
Die offiziellen Corona-Fallzahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) nähern sich in der Omikron-Welle einem Plateau – allerdings ist die Aussagekraft der Daten derzeit eingeschränkt. Zum ersten Mal seit Ende Dezember meldeten die Gesundheitsämter binnen eines Tages weniger Neuinfektionen ans RKI als am selben Wochentag der Vorwoche. So gab das RKI die Zahl der neuen Corona-Fälle am Freitag mit 240.172 an, am Freitag zuvor waren es 248.838. Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz stieg nur noch leicht auf 1472,2 (Vortag: 1465,4; Vorwoche: 1349,5; Vormonat: 387,9).
Bei Kindern und Jugendlichen sieht das Bild ähnlich aus, wie sich dem aktuellen RKI-Wochenbericht entnehmen lässt. Bei den Fünf- bis Neunjährigen stieg danach die Inzidenz gegenüber der Vorwoche leicht von 3.419 auf 3.598, bei den Zehn- bis 14-Jährigen von 3.394 auf 3.736, nachdem sich die Werte zuvor im Wochentakt verdoppelt hatten.
„Wenn die Inzidenzzahlen weiter zurückgehen, können erste Sicherheitsmaßnahmen an den Schulen auf den Prüfstand“
Mit Blick auf Hamburg, wo bei den Grundschülern eine Sieben-Tage-Inzidenz von 4.665 und bei den Sekundarstufen-Schülern eine von 3.642 offiziell gezählt wurden (was ein Rückgang um jeweils rund 15 Prozent bedeuten würde), meinte Schulsenator Ties Rabe (SPD): „Es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass die Anzahl der infizierten Schülerinnen und Schüler im Vergleich zur Vorwoche erstmals abgenommen hat und damit auch die Inzidenzen den schulischen Altersgruppen wieder sinken.“ Der Höhepunkt der Infektionswelle scheine im schulischen Bereich überwunden. „Wenn die Inzidenzzahlen weiter zurückgehen, können erste Sicherheitsmaßnahmen an den Schulen auf den Prüfstand“, sagte der Senator – und fügte an: „Aber soweit ist es zurzeit noch nicht.“
Es ist schwer zu beurteilen, ob die offiziellen Zahlen das reale Infektionsgeschehen widerspiegeln und der rasante Anstieg bei den Ansteckungen in Deutschland tatsächlich abgebremst ist. Es könnte auch sein, dass die aktuellen Zahlen die Folge eines überlasteten Melde- und Testsystems sind. PCR-Tests, die die Grundlage der Statistik bilden, werden seit mehreren Wochen vorrangig im Gesundheitswesen einsetzt – und nicht mehr für Schülerinnen und Schüler.
Die Zahl der registrierten Ausbrüche in Bildungseinrichtungen ist nach wie vor extrem hoch. „Die Zahl der übermittelten Ausbrüche in Kitas nahm seit dem Jahreswechsel wieder sehr rasch zu. Seit der Meldewoche 02/2022 überstieg die Zahl der Ausbrüche bei Weitem das Höchstniveau der dritten und vierten Welle (Faktor = 1,7). Für die letzten vier Wochen (Meldewochen 02 – 05/2022) wurden bisher insgesamt 1.355 Ausbrüche übermittelt. Der weitere Trend bei Kita-Ausbrüchen kann wegen Nachmeldungen noch nicht gut bewertet werden.“ Für die Schulen gilt: „Die Zahl an übermittelten Schulausbrüchen war ebenfalls seit Beginn des Jahres 2022 wieder sehr rasch ansteigend und erreichte in Meldewoche 03/2022 mit bisher 869 übermittelten Ausbrüchen etwa das Höchstniveau der vierten Welle (Herbst 2021). Bisher wurden 2.124 Schulausbrüche für die letzten vier Wochen (Meldewochen 02 – 05/2022) übermittelt. Auch hier muss insbesondere für die letzten zwei Wochen noch mit Nachmeldungen gerechnet werden.“
Heikel auch: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen sypmtomatischen Corona-Infektionen zum Arzt müssen, steigt weiter stark an. Bei den Null- bis Vierjährigen verfünffachte sich die sogenannte Konsultationsinzidenz (also Corona-bedingte Arztbesuche auf 100.000 Menschen) seit Jahresbeginn von etwa 100 auf 500, bei den Fünf- bis 14-Jährigen von 200 auf 1.000. In den ersten fünf Wochen des Jahres wurden unter Fünf- bis Elfjährigen 62.058 symptomatische Covid-19-Fälle registriert; 236 davon mussten ins Krankenhaus. Unter den Zwölf- bis 17-Jährigen wurden 40.885 symptomatische Fälle gezählt, 171 davon mussten ins Krankenhaus. Zwei Kinder mussten in diesem Zeitraum auf die Intensivstation, eins verstarb. Insgesamt 47 an Corona gestorbene Kinder und Jugendliche hat das Robert-Koch-Institut bislang gezählt.
„Der Verlauf dieser Omikron-Welle scheitelt jetzt und wir rechnen damit, dass dann die nächsten Tage das Maximum erreicht ist“
Der Corona-Modellierer Dirk Brockmann rechnet trotz dieser Zahlen damit, dass der Höhepunkt der Omikron-Welle demnächst erreicht wird. „Der Verlauf dieser Omikron-Welle scheitelt jetzt und wir rechnen damit, dass dann die nächsten Tage das Maximum erreicht ist“, sagte der Physiker der Berliner Humboldt-Universität am Freitag im Deutschlandfunk. Nach seinen Prognosen sei Mitte Februar das Maximum erreicht.
Ein Unsicherheitsfaktor ist Experten zufolge die Omikron-Subvariante BA.2. Sie ist nach ersten Erkenntnissen übertragbarer als die bislang dominierende Form BA.1. BA.2 breitet sich nach Einschätzung des RKI in Deutschland weiter aus – jedoch bislang auf niedrigem Niveau. Für die Woche bis zum 30. Januar weist das RKI in seinem Wochenbericht vom Donnerstagabend einen Anteil von 8,1 Prozent aus – im Vergleich zu rund fünf Prozent eine Woche zuvor. „Hinsichtlich der klinischen Charakteristik gibt es derzeit keine Hinweise darauf, dass sich Infektionen mit BA.2 von Infektionen mit BA.1 unterscheiden“, heißt es in dem Bericht.
Mitten in der Debatte um mögliche Corona-Lockerungen wiesen Experten zuletzt immer wieder auf den neuen Subtyp BA.2 hin, der sich unter anderem in Ländern wie Dänemark bereits stark ausgebreitet hat. Dies ist demnach auch in Deutschland möglich und könnte nach Einschätzung vieler dafür sorgen, dass die Omikron-Welle länger dauert.
Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 226 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 170 Todesfälle. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 12.009.712 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.
Lehrerverband: “Die Omikronwelle hat den Schulbetrieb nach wie vor fest im Griff”
In den Schulen gibt es nach Ansicht des Deutschen Lehrerverbands noch keine Entspannung der Corona-Lage. «Die Omikronwelle hat den Schulbetrieb nach wie vor fest im Griff, auch wenn es gelungen ist, in der Fläche den Präsenzbetrieb weitgehend aufrecht zu erhalten», sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger.
Die enorm hohen Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen hätten die Testkonzepte an den Rand des Scheiterns gebracht. «Wir warnen davor, bei ersten Anzeichen eines Rückgangs der Neuinfektionen sofort Gesundheitsschutzmaßnahmen wie regelmäßige Testungen und die Maskenpflicht zurückzunehmen und abzubauen.» Die Infektionszahlen dürften nicht durch zu frühe Lockerungen nochmals hochgetrieben und dadurch der flächendeckende Präsenzunterricht erneut gefährdet werden. News4teachers / mit Material der dpa
Hier geht es zum aktuellen Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts.
