BERLIN. Die Schulen sind – anders als von den Kultusministern behauptet – Treiber der Pandemie. „Wir haben eindeutig den Befund, dass die Übertragungen im Moment aus dem Schulbetrieb gespeist werden“, sagt Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité und Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung. Die Omikron-Variante sei vor Weihnachten von Reisenden eingeschleppt worden. Über die Ferien habe sie sich dann zu den Kindern verbreitet „und wir haben es jetzt in den Schulen“. Eine Folge weist der jüngste RKI-Wochenbericht aus: Immer mehr Kinder müssen aufgrund von Corona-Symptomen zum Arzt.
„Die Infektionen, die wir in der Schule feststellen, sind im überwiegenden Teil im privaten Umfeld erfolgt“, so behauptete Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) erst am Montag. „Wir alle wissen um die riesige Herausforderung, Schule in der Pandemie zu organisieren und Präsenzunterricht anzubieten. Wir alle wissen aber auch, wie gut das den Kindern und Jugendlichen tut“, befand Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) Ende der vergangenen Woche. Zuvor hatte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärt: „Unsere Schulen sind durch das regelmäßige Testen, den Schutz der Masken und die konsequente Einhaltung der Hygiene-Vorschriften sehr sichere Orte.“ Alles gelogen?
„Bei den Kindern, gerade im schulpflichtigen Alter, da ist das Virus voll angekommen”
Der Expertenrat der Bundesregierung verfügt offensichtlich über anderslautende Informationen. „Wir haben eindeutig den Befund, dass die Übertragungen im Moment aus dem Schulbetrieb gespeist werden“, sagt der Virologe Drosten in seinem jüngsten NDR-Podcast. „Die Kinder, gerade im schulpflichtigen Alter, da ist das Virus voll angekommen und wir sehen in Deutschland und in anderen Ländern sehr deutlich, dass es jetzt in die zugehörigen Elternjahrgänge geht, Erwachsenenjahrgänge irgendwo zwischen 30 und 50, 55, und es ist bei den noch Älteren noch gar nicht angekommen, das wird noch passieren.“
In England, wo die Statistikbehörde viel präziser Daten zum Pandemie-Verlauf erhebe als entsprechende Stellen in Deutschland (Drosten: „ganz ohne Beeinflussung“) zeige sich ein klares Bild. Dort gebe es nach wie vor bei den Kindern ein Ansteigen der Infektionstätigkeit; in den Altersgruppen der Erwachsenen sinke die mittlerweile hingegen – allerdings auf hohem Niveau. „Dieses hohe Plateau, das in England erreicht wurde, das sind eingestreute Infektionen aus den Kinderjahrgängen, und da muss man eben sagen: Ja, natürlich aus dem Schulbetrieb, wo denn sonst her?“
Das Robert-Koch-Institut beziehe auch Daten, die zwar teilweise durch die Testintensität beeinflusst seien („durch die Testung in den Schulen sieht man hier auch mehr Inzidenz“), deutlich werde aber dennoch: „dass wir bei den Jüngeren einfach im Moment den Fokus der Infektionstätigkeit haben“. So habe es in der dritten Kalenderwoche bei 1,3 bis 2,3 Prozent der Null- bis 15-Jährigen symptomatische Covid-Erkrankungen gegeben – bei den Über-50-Jährigen lag der Anteil der Corona-Erkrankten nur bei der Hälfte, also bei 0,6 bis 1,3 Prozent. „Das sind Daten aus deutschen Surveillance-Systemen und die sind robust gegen diese Testverzerrungen und gegen die Überlastung des Testsystems. Wir haben diese Daten, die sind schwarz auf weiß verfügbar, die werden aber von der Politik und in den Medien weniger kommuniziert“, erklärt Drosten.
„Die Rechnung einer Omikron-Infektion als Impfung durch die Hintertür geht nicht auf“
Tatsächlich weist der jüngste Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts für die ersten drei Wochen des Jahres 2022 einen drastischen Anstieg der Inzidenz von Corona-bedingten Arztkonsultationen bei Kindern und Jugendlichen auf Rekordwerte von rund 200 (Null- bis Vierjährige) und rund 500 (Fünf- bis 14-Jährige) auf.
Als „Planungshorizont“ für eine Entspannung der Pandemie-Lage in Deutschland nennt der Virologe Ostern. „Da werden spätestens die Osterferien den Riegel vorschieben“, sagt er. „Zudem wird es wärmer sein nach Ostern und die Inzidenz wahrscheinlich nicht mehr so stark an Fahrt aufnehmen.“
Eine Durchseuchung, wie sie sich derzeit in den Kitas und Schulen vollzieht, ist für Drosten keine Option: Inzwischen zeigten mehrere Untersuchungen, dass die Wahrscheinlichkeit wiederholter Ansteckungen hoch sei. Der Wissenschaftler verweist wiederum auf England, wo die Bevölkerung viel stärker immunisiert sei als in Deutschland. Dennoch werde die Reinfektionsquote dort auf knapp zehn Prozent geschätzt. Drosten: „Die Rechnung einer Omikron-Infektion als Impfung durch die Hintertür geht nicht auf.“ News4teachers
- Hier geht es zum aktuellen Corona-Podcast des NDR mit Christian Drosten.
- Hier geht es zum jüngsten Corona-Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts.

