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Corona: Wie viele sterbende Kinder nimmt Deutschland denn noch tatenlos hin? Drei weitere Todesfälle – schon wieder

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BERLIN. Dem Robert-Koch-Institut sind in der vergangenen Woche offensichtlich drei neue Corona-Todesfälle unter Kindern und Jugendlichen gemeldet worden. Schon wieder. Dies geht aus einem Vergleich der Covid-19-Wochenberichte vom 24. Februar und vom 17. Februar hervor. Damit hat das RKI nach eigenen Angaben während der gesamten Pandemie 53 Corona-bedingte Todesfälle in der Altersgruppe von null bis 19 Jahren registriert und validiert. Bereits in der Vorwoche waren drei Kinder und Jugendliche als verstorben gemeldet worden. In einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ fordert die Virologin Prof. Isabella Eckerle, die über Corona bei Kindern forscht, eine Langzeitstrategie – sie warnt davor, das Coronavirus zu unterschätzen.

Drei weitere Corona-Todesfälle unter Kindern und Jugendlichen sind dem RKI in dieser Woche gemeldet worden. Foto: Shutterstock

Zum Jahreswechsel hatte das RKI in den mehr als anderthalb Jahren Pandemie 38 Todesfälle unter Kindern und Jugendlichen registriert. Seitdem macht sich das von der Omikron-Variante getriebene  Infektionsgeschehen augenscheinlich auch bei den Sterbezahlen bei Unter-20-Jährigen bemerkbar: In den acht Wochen seitdem sind dem Robert-Koch-Institut damit neue 15 Todesfälle in der Altersgruppe gemeldet worden, davon allein sechs in den vergangenen beiden Wochen. Der Anstieg verläuft parallel zum Verlauf der RKI-Daten über Kita- und Schulausbrüche. Allein in den vergangenen vier Wochen registrierte die Bundesbehörde 1.430 Schulausbrüche, Nachmeldungen sind dabei noch möglich – so viele wie nie in einem vergleichbaren Zeitraum. Auch die Zahl der in den vergangenen vier Wochen bislang gemeldeten Kita-Ausbrüche (958) ist beispiellos.

Trotzdem haben in der vergangenen Woche Bundesländer wie Sachsen, Hessen und Schleswig-Holstein ein ersatzloses Ende der ohnehin wenig wirkungsvollen Corona-Schutzmaßnahmen in Schulen verkündet. „Die Sars-Cov-2 Infektionszahlen bei Kindern haben in den vergangenen Wochen Rekordwerte der gesamten bisherigen Pandemie erreicht. Der Betrieb von Schulen und Kindergärten wurde vielerorts durch ausgedünnte Klassen und Gruppen, Vertretungsunterricht, hohen Krankenstand bei Lehrer:innen und Betreuer:innen und hohes Infektionsgeschehen aus den Einrichtungen hinein in die Familien geprägt“, so stellt nun Eckerle, Chefin des Zentrums für Neuartige Viruserkrankungen der Universitätskliniken Genf und der Universität Genf, fest.

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„In der aktuellen Situation infiziert sich gerade ein großer Teil der Kinder, was mit nicht unerheblichen Risiken einhergeht”

Sie kritisiert:In einer Kakophonie vieler Akteure werden zurzeit Infektionsschutz, Präsenzunterricht, psychosoziale Risiken, physische Gesundheitsrisiken und Schulschließungen gegeneinander in den Kampf geschickt.“ Sie meint: „Das Recht auf Bildung sowie psychische und physische Gesundheit sind jedoch keine konträr ausgerichteten oder sich einander ausschließenden Ziele, sondern sich gegenseitig bedingende Grundvoraussetzungen für die gesunde Entwicklung von Kindern.“

Von einem Ende der Pandemie könne nämlich keine Rede sein – auch in Schulen und Kitas nicht. „Man rechnet mit zwei bis zehn Jahren, bis sich ein stabiles Muster einstellen könnte. Auch in der Zukunft werden also Unwägbarkeiten und die Unvorhersehbarkeit von Sars-Cov-2 die Altersgruppe der Kinder, und damit Schulen und Betreuungseinrichtungen, nicht aussparen“, so schreibt die Wissenschaftlerin. „In der aktuellen Situation infiziert sich gerade ein großer Teil der Kinder, was mit nicht unerheblichen Risiken einhergeht, aber wahrscheinlich trotzdem nur einen unzureichenden Immunschutz für den kommenden Herbst darstellt. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern eine nur schwache Impfempfehlung für Kinder unter zwölf Jahren.“

Eckerle: „Die Konsequenz der hohen Infektionszahlen sind die steigende Anzahl an Infektionskomplikationen, darunter ein Anstieg an hospitalisierten, an Covid-19 erkrankten Kindern sowie Folgekomplikationen wie Pims. Gleichzeitig sind Einbußen am Bildungsauftrag in der aktuellen Situation offensichtlich. Zehntausende Schüler:innen, die in Isolation oder Quarantäne sind, haben keine alternative Möglichkeit, am Unterricht teilzunehmen, da auch im dritten Jahr der Pandemie noch keine ausreichenden digitalen Unterrichtsstrukturen aufgebaut wurden. Ebensowenig haben sie bis heute in dieser Situation Zugang zu psychischen Unterstützungsangeboten.“

„Machen wir uns nichts vor: Sars-Cov-2 ist immer noch ein erst relativ kurz bekanntes Virus und noch weit davon entfernt, sich bei den harmlosen Erkältungsviren einzuordnen. Das Krankheitsbild Long-Covid ist noch nicht ausreichend erforscht, kann aber gerade deswegen nicht einfach ignoriert werden. Noch unbekannte Langzeitfolgen sind noch nicht auszuschließen“, so betont sie.

Ihre Forderungen: Erstens, die Maskenpflicht im Unterricht sowie das Testen in Schulen beizubehalten. „Aktuell wird argumentiert, dass die Maßnahmen wie Masken und regelmäßiges Testen für Kinder eine nicht zumutbare Belastung darstellen und Ängste fördern, mehr als die Bedrohung durch das Virus selbst. Das Tragen von Masken und das regelmäßige Testen sind zwar lästig, sind aber nun mal adäquate Maßnahmen, die der globalen Zirkulation eines neuen Krankheitserregers geschuldet sind. Auch Kinder haben ein Recht, davor geschützt zu werden. Der Nutzen von Masken mit Blick auf Weitergabe und Ansteckung ist eindeutig, und Modellierungen zufolge bei Omikron noch höher als bei Delta. Es gibt bis heute keine wissenschaftlich belastbaren Daten, die zeigen würden, dass die Masken und Testungen eine psychische Belastung für Kindern darstellen.“

„Die Verantwortung Kindern und Familien gegenüber erfordert es, besser vorbereitet in den nächsten Winter zu gehen”

Zweitens, kleinere Klassen („wären eine enorme Investition in Bildung und Förderung von lernschwächeren Kindern“), vermehrte Unterrichtseinheiten im Freien („in skandinavischen Ländern schon lange üblich“) sowie Luftfilter und CO2-Messgeräte in jedem Raum, in dem Kinder betreut werden. Drittens müssten die Kinder und Jugendlichen auch psychisch unterstützt werden. Eckerle: „Wo sind nun die Investitionen in Schulpsychologen, in integrierte Anlaufstellen, Präventions- und Unterstützungsangebote sowohl für gesunde als auch für psychisch belastete Kinder und Jugendliche, nachdem die essentielle Rolle von Schulen und Kindergärten so überdeutlich bewiesen wurde?“

Die Wissenschaftlerin betont in Richtung der Kultusminister, dass jetzt gehandelt werden müsse. „Die Verantwortung und Wertschätzung Kindern und Familien gegenüber erfordert es nun, besser vorbereitet in den nächsten Winter zu gehen. Es wäre unverzeihlich, wenn sich die aktuelle Situation wiederholen würde.“

Keine andere Altersgruppe, auch das weist der aktuelle Wochenbericht aus, muss derzeit aufgrund von Symptomen nach einer Corona-Infektion so häufig medizinisch behandelt werden wie die Kinder. „So wurde für die Kalenderwoche 07/2022 berechnet, dass etwa 2,0 bis 3,4 % der Kinder und Jugendlichen bis 14 Jahre an COVID-19 mit akuten Atemwegssymptomen erkrankten“, so heißt es im RKI-Wochenbericht – so viele wie nie. News4teachers

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