BERLIN. Keine Entschuldigung fürs Relativieren von Corona-Todesopfern unter Schülerinnen und Schülern, kein Mitleid mit Pandemie-geplagten Eltern, Schülern und Lehrkräften, kein Wort zur jüngsten Stellungnahme des Corona-Expertenrats, der von den Kultusministern mehr Engagement zum Schutz von Kindern und Jugendlichen fordert – dafür ein Verweis auf Kinderärzteverbände, die seit Beginn der Pandemie auf weit offene Kitas und Schulen drängen und nun sämtliche Schutzmaßnahmen in Bildungseinrichtungen abschaffen wollen: KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) polarisiert weiter – aktuell in einem Interview mit dem „Spiegel“. Eine Analyse.
Es sind mal wieder die gewohnten Töne, die von den Spitzen der Kinderärzteverbände kommen. Zur Einordnung: Bereits im Oktober 2021 forderte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) die Aufhebung der Maskenpflicht im Unterricht, vier Wochen zuvor hatten BVKJ-Präsident Thomas Fischbach, niedergelassener Kinderarzt im rheinischen Solingen, sowie die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene ein Ende der Tests in den Schulen gefordert. Seitdem wurden – trotz Masken- und Testpflicht – Millionen von Schülern in Deutschland infiziert, mussten sich mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland aufgrund von symptomatischen Corona-Infektionen in ärztliche Behandlung begeben. Hunderte von Kindern leiden infektionsbedingt unter Long Covid und PIMS. Zwei Dutzend weitere Kinder und Jugendliche sind Corona-bedingt verstorben.
„Die hohen Infektionszahlen in dieser Altersgruppe sind aus unserer Sicht kein Anlass zur Sorge”
Doch statt kleinere Brötchen zu backen – legen die Verbände aktuell nach. Und fordern nun „einen Strategiewechsel“ für Kitas und Schulen. Heißt: Statt wenig Coronaschutz in den Bildungseinrichtungen – gar kein Coronaschutz in den Bildungseinrichtungen mehr. Konkret fordern sie, die Quarantäne und die Tests dort ersatzlos zu streichen. „Kinder und Jugendliche sind durch eine Infektion kaum gefährdet, wohl aber durch unnötige Unterbrechung ihres Schulalltags mit Sport und Freizeitaktivitäten“, behaupten die Kinderärzte. „Die hohen Infektionszahlen in dieser Altersgruppe sind aus unserer Sicht kein Anlass zur Sorge, da das Auftreten von schweren Erkrankungsfällen in dieser Altersgruppe weiterhin gering ist.“
Das sieht der Corona-Expertenrat der Bundesregierung ganz anders. „Auch Kinder und Jugendliche, insbesondere mit Vorerkrankungen und Risikofaktoren, können schwer erkranken“, so heißt es in einer aktuellen Stellungnahme, in der davor gewarnt wird, die Infektionsrisiken für junge Menschen zu unterschätzen – und in der die Landesregierungen gemahnt werden, den Corona-Schutz in Kitas und Schulen zu verbessern. O-Ton: „Eine sorgfältige und der jeweiligen Situation angepasste Verbindung von Infektionsschutz und sozialer Teilhabe ist zusammen mit psychosozial stabilisierenden Maßnahmen dringend erforderlich.“
Beide Papiere sind – Zufall? – in der vergangenen Woche erschienen. Dummerweise hat KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, offenbar nur eins gelesen. In einem aktuellen Interview mit dem „Spiegel“ bezieht sie sich ausdrücklich auf die Stellungnahme der Kinderärzte-Verbände, deren Expertise sich im Verlauf der Pandemie immer wieder als hanebüchen erwiesen hat. Den Expertenrat der Bundesregierung, dem immerhin Wissenschaftler und Mediziner wie Prof. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, Prof. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, und die Virologen Prof. Melanie Brinkmann, Prof. Christian Drosten und Prof. Hendrik Streek angehören, ignoriert Prien hingegen.
Das liest sich im Interview dann so: „Ich möchte auf die Stellungnahme der großen pädiatrischen Fachgesellschaften verweisen. Demnach geht es zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr um eine vollkommen illusorische Verhinderung einer jeden Coronainfektion, sondern um den gezielten Schutz vor einer schweren Erkrankung.“ Beim Schutz vor einer schweren Erkrankung sind die Kultusminister aus Priens Sicht natürlich außen vor: „Wer Angst vor einer Coronainfektion hat – und dafür habe ich großes Verständnis, ich bin selbst Asthmatikerin – hat die Möglichkeit, sich durch Impfungen zu schützen.“
Auch sonst zeigt die KMK-Präsidentin wenig Problembewusstsein. Ausbrüche gebe es an „einigen“ Schulen (das RKI hat allein von Mitte Januar bis Mitte Februar mehr als 2.000 gezählt), „viele andere sind kaum oder gar nicht betroffen“. Dass sie Eltern verstorbener Kinder (davon gibt es mittlerweile insgesamt 50) mit ihrer gerne von Querdenkern gepflegten Unterscheidung – „von“ und „mit“ Corona – verletzt hat? Ein Wahrnehmungsproblem der Betroffenen: „Mein Versuch, die Debatte zu versachlichen, hat in der Tat nicht funktioniert.“
„Der Vorwurf, wir würden Kinder und Jugendliche unkontrolliert durchseuchen, ist absurd”
Ob sie Fehler einräumt? „In der Rückschau ist es ein Fehler gewesen, dass wir Kinder und Jugendliche hier zu lange in die Pflicht genommen haben, um Infektionen bei Erwachsenen zu verhindern.“ Im Klartext: Es ging nie um den Schutz der Kinder und Jugendlichen. Erst wurden ihre Kitas und Schulen geschlossen – jetzt werden sie zum Dank durchseucht.
Stimmt aber gar nicht, behauptet Prien: „Der Vorwurf, wir würden Kinder und Jugendliche unkontrolliert durchseuchen, ist absurd angesichts der umfangreichen Hygienemaßnahmen, auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.“ Die bundesweite Kinder-Inzidenz von 3.500 hat dann das Robert-Koch-Institut wohl geträumt. News4teachers
- Hier geht es zur Stellungnahme der Kinderärzte-Verbände.
- Hier geht es zur Stellungnahme des Corona-Expertenrats der Bundesregierung.
- Hier geht es zum Interview mit Prien im “Spiegel”.
