BERLIN. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat davor gewarnt, die Maskenpflicht in Schulen als «Allheilmittel» im Kampf gegen die Corona-Pandemie anzusehen. «Man muss prüfen, wie verhältnismäßig etwas in einer bestimmten Lage ist», sagt die FDP-Politikerin in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Das sogenannte «Infektionsschutzgesetz» der Ampel-Koalition verbietet den Ländern, offenbar auf Betreiben der Liberalen, die Maskenpflicht in Schulen einzuführen.
Studien belegten, so Watzinger, dass Kinder, gerade im Grundschulalter, Schwierigkeiten beim Spracherwerb hätten, wenn sie und die Lehrer Maske trügen, was «ohnehin schon anstrengend» sei. Man müsse das eine gegen das andere abwägen. Die Politikerin betonte aber auch, dass es nicht darum gehe, die Maske zu verdammen. Wann Masken verhältnismäßig sind, will sie prüfen lassen, sagte sie im Interview.
Studien dazu liegen längst vor. Dass in Schulen grundsätzlich ein besonders hohes Infektionsrisiko besteht und dass Schutzmaßnahmen das Infektionsrisiko dort auch in der in Omikron-Welle signifikant senken können, macht zum Beispiel eine Studie von Wissenschaftlern des Hermann-Rietschel-Instituts der Technischen Universität Berlin vom Februar deutlich. Selbst wenn die Abstandsregel (die im Unterricht nicht gilt) eingehalten würde, wenn (wie vorgeschrieben) regelmäßig gelüftet wird und wenn (wie seinerzeit noch üblich) Maskenpflicht gilt, dann besteht den Forschern zufolge in einem Setting mit einem Infizierten im Raum in einem Muster-Klassenraum ein R(eproduktions)-Wert von 9,7, heißt: Innerhalb eines sechsstündigen Schultags werden sich im Schnitt 9,7 Kinder anstecken.
“Es halten sich verhältnismäßig viele Menschen über einen langen Zeitraum in einem Klassenzimmer auf”
Warum ist die Infektionsgefahr so hoch? «Es halten sich verhältnismäßig viele Menschen über einen langen Zeitraum in einem Klassenzimmer auf. Außerdem ist das Übertragungsrisiko bei Omikron gegenüber vorhergehenden Varianten deutlich erhöht», so heißt es. Ohne Maskenpflicht würde sich das Infektionsrisiko im Klassenraum verdoppeln. Bedeutet: Eine infizierte Person würde im Schnitt 19,4 Menschen bzw. Schüler innerhalb des sechsstündigen Schultags anstecken.
Andersherum könnten Schutzmaßnahmen das Infektionsrisiko deutlich senken – vor allem: Luftfilter und Wechselunterricht. «Umluftreinigungsgeräte (gemeint sind mobile Luftreiniger, d. Red.) können Luft virenfrei filtern. Sie reinigen die Luft und pumpen sie zurück in den Raum, können jedoch das Lüften nicht vollständig ersetzen. Erst im Zusammenspiel von Masken und Luftreinigern stellt sich das niedrigere Risiko ein“, so heißt es in der Studie. Das aber ist deutlich kleiner: nämlich nur die Hälfte des Ursprungswertes. Konkret: Der situative R-Wert sinkt von 9,7 auf 4,9. «Grundsätzlich kann häufigeres Lüften durch Fensteröffnen die Ansteckungsgefahr noch weiter senken.»
Weitere wirkungsvolle Maßnahmen: Die Halbierung der Aufenthaltszeit – senkt das Infektionsrisiko um 50 Prozent. Halbe Personenzahl – ebenfalls. Alles zusammengenommen – «gute Luftqualität und Begrenzung der Aufenthaltszeit auf 1 Stunde und halbe Personenzahl und FFP2-Maske» – würde das Infektionsrisiko sogar auf ein Fünftel des Ursprungswertes zusammenschmelzen lassen. Fazit der Forscher: «Regelmäßiges Lüften, reduzierte Aufenthaltszeit sowie große Räume mit wenigen Personen und auch das Tragen von FFP2-Masken können das Infektionsrisiko stark begrenzen.» Die Impfung wurde in das Szenario nicht einbezogen.
“Ich glaube, viel von dem Stress der vergangenen Jahre rührt daher, dass Eltern oft nicht wussten: Wie geht es weiter?”
Verständnis zeigte Stark-Watzinger für die Sorge von Lehrkräften, die ihre Schulen nicht ausreichend auf eine Corona-Welle im Herbst vorbereitet sehen. Die Pädagogen beklagten etwa zu Recht, dass das Geld aus dem Digitalpakt nicht schnell genug in den Schulen ankomme. Das müsse sich ändern, auch um Distanzunterricht leichter zu machen und die Kommunikationswege zwischen Eltern und Schulen kurz zu halten. «Ich glaube, viel von dem Stress der vergangenen Jahre rührt daher, dass Eltern oft nicht wussten: Wie geht es weiter? Was passiert morgen und übermorgen? Das muss besser werden.»
Ein Mund-Nasen-Schutz muss derzeit im Alltag vor allem noch in öffentlichen Verkehrsmitteln getragen werden. Beim Einkaufen sowie in Restaurants und Kneipen gilt die Pflicht dagegen nicht mehr. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hält bei der Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes eine Maskenpflicht in Innenräumen ab Herbst für geboten. Die FDP blockiert das – und will erst die Evaluation eines Sachverständigenrats einholen, dessen wissenschaftliche Expertise allerdings umstritten ist.
Der Chef-Virologe der Berliner Charité, Prof. Christian Drosten (der sich aus dem Sachverständigenrat wegen dessen Besetzung zurückgezogen hat, wie er in einem aktuellen «Spiegel”-Interview erklärt), warnt in dem Gespräch davor, die Pandemie jetzt laufen zu lassen. «Wir sehen tatsächlich schon wieder einen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen, die BA.5-Variante ist einfach sehr übertragbar, und die Menschen verlieren gleichzeitig ihren Übertragungsschutz aus der letzten Impfung. Ich hoffe, dass die Schulferien den Anstieg der Erkrankungsfälle etwas dämpfen werden, aber ab September, fürchte ich, werden wir sehr hohe Fallzahlen haben.»
“Wenn die Entscheidungsträger nichts tun, wird es sehr viele krankheitsbedingte Ausfälle am Arbeitsplatz geben”
Weiter sagt er: «Man sieht in anderen Ländern, dass dann auch die Hospitalisierungs- und Todeszahlen wieder ansteigen; das wird auch bei uns leider so sein. Insgesamt werden aber viel weniger Menschen schwer erkranken und sterben als noch 2021. Trotzdem herrscht keine Normalität, wenn so viele Menschen krank sind. Wenn die Entscheidungsträger nichts tun, wird es sehr viele krankheitsbedingte Ausfälle am Arbeitsplatz geben. Das wird ein echtes Problem werden, das neben den Betroffenen auch die ohnehin schon gebeutelte Wirtschaft belasten wird. Von Long Covid, das man sehr ernst nehmen sollte, mal ganz abgesehen.»
Viele krankheitsbedingte Ausfälle am Arbeitsplatz dürften dann auch Lehrkräfte betreffen. Die mögliche Folge: Schulschließungen – die Stark-Watzinger nach eigenen Worten unbedingt vermeiden will. «Eine flächendeckende Schulschließung darf es nicht mehr geben», betont sie. Dieses Signal müsse klar gesendet werden. News4teachers / mit Material der dpa
Hier geht es zur ZDF-Grafik mit den Informationen der Studie des Herrmann-Rietschel-Instituts.
