Bündnis „Bildungswende jetzt!“ kündigt für 23. September bundesweit Demonstrationen an

6

BERLIN. „Unsere Gesellschaft erlebt aktuell eine der schwersten Bildungskrisen seit Gründung der Bundesrepublik“, so heißt es. Und: „Ein enormer und sich vergrößernder Mangel an Lehrer*innen und Erzieher*innen trifft auf ein veraltetes, unterfinanziertes und segregiertes Bildungssystem, das sozial ungerecht ist und notwendige Aufgaben wie Digitalisierung und Inklusion viel zu lange verschlafen hat.“ Die Initiatoren von „Bildungswende jetzt!“ – einem Zusammenschluss von mehr als 90 Gewerkschaften, Bildungsverbände, Eltern- und Schülervertretungen – haben den 23. September nun zu einem bundesweiten Aktionstag ausgerufen. In allen Bundesländern soll für mehr Investitionen in die Bildung demonstriert werden. Adressat: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).

Ist gefordert: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Foto: Shutterstock / photocosmos 1

„Viele Kitas und Schulen beklagen, dass sie aufgrund der nicht kindgerechten Personalausstattung und der Überlastung ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen können“, so heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme, die unter anderem von der GEW, vom Bundeselternrat, vom Kinderhilfswerk, vom Montessori Bundesverband und vom Deutschen Gewerkschaftsbund unterzeichnet wurde. Knapp 50.000 junge Menschen verließen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss.

„Die Bildungskrise raubt Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen, verbaut ihnen Lebenswege und erschwert gesellschaftliche Teilhabe“

Tendenz: weiter abwärts. „Schlechte Lernbedingungen erzeugen schlechte Leistungen. Schüler*innen lesen, schreiben und rechnen immer schlechter, wie der jüngste IQB-Bildungstrend zeigt. Dabei hängt der Bildungserfolg in unserer Gesellschaft immer noch maßgeblich von der sozialen Herkunft ab. Bildungschancen sind extrem ungleich verteilt und der wachsende Mangel an Lehrkräften und Erzieher*innen verschärft diese bereits bestehende Ungleichheit weiter. Die Bildungskrise raubt Kindern und Jugendlichen Zukunftschancen, verbaut ihnen Lebenswege und erschwert gesellschaftliche Teilhabe. Sie belastet ganze Familien sowie die Gesundheit von Erzieher*innen und Lehrer*innen. Die gesellschaftlichen Folgen der sich ausbreitenden Bildungskrise sind enorm. Eine hohe Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft verfestigt die Spaltung unserer Gesellschaft und beschädigt das Vertrauen in die Demokratie. Der Fachkräftemangel verschärft sich und Armut wird reproduziert.“

Neben den sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten stelle sich auch die Frage nach den ökologischen Herausforderungen. „Schließlich erleben wir neben der Bildungskrise eine Klimakrise, die unsere gesamte Gesellschaft vor existentielle Herausforderungen stellt. Das Bildungssystem muss Zukunftskompetenzen fördern und den großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angepasst werden, allen voran der Klima- und Biodiversitätskrise, aber auch dem veränderten Umgang mit Wissen und Medien. Doch wie soll ein veraltetes und überlastetes Bildungssystem junge Menschen sinnvoll auf die Zukunft vorbereiten und einen substanziellen und notwendigen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten, wenn dafür im Alltag in Kita und Schule kaum Zeit bleibt?“

Das, was aus der Politik dazu komme, sei völlig unzureichend. „Der sogenannte ‚Bildungsgipfel‘ vom März 2023 hat wenig zur Lösung der Bildungskrise beigetragen, sondern vor allem die zerrüttete Bund-Länder-Kooperation im Bildungsbereich und das mangelhafte Verständnis von Partizipation auf Seiten der politischen Verantwortlichen offenbart. Bei diesem Gipfel, der gerade einmal drei Stunden dauerte, kam so gut wie niemand zu Wort, der oder die aktuell täglich in einer Schule oder Kita lernt oder arbeitet“, so heißt es.

Auch beim Lehrkräftemangel gebe es kein Licht am Ende des Tunnels. „Die jüngsten Empfehlungen der ständigen wissenschaftlichen Kommission (SWK) der Kultusminis-
terkonferenz (KMK) vom Januar 2023 sind größtenteils dysfunktional: Mehrarbeit, die Einschränkung von Teilzeit und ein bisschen Yoga als Stress-Ausgleich. Wir stellen uns dagegen, den Lehrkräftemangel auf dem Rücken der Beschäftigten auszutragen. Umso erschreckender ist, dass ein Teil dieser Vorschläge in manchen Bundesländern gerade Realität wird.“

„Wer die Bildungskrise lösen will, muss Druck aus dem überlasteten System nehmen“

Gefordert wird von Bundeskanzler Olaf Scholz, zunächst mal einen Bildungsgipfel auszurichten, der den Namen verdiene – und zwar unter Einbeziehung der Länder sowie Vertreterinnen und Vertretern von Zivilgesellschaft und Bildungspraxis. Zweiter Punkt: ein Sondervermögen Bildung, das – wie das Sondervermögen Bundeswehr – mit 100 Milliarden Euro ausgestattet ist, um notwendige Investitionen zu finanzieren. Darüber hinaus sei eine Ausbildungsoffensive für Lehrkräfte und Erzieher*innen notwendig, um wenigstens perspektivisch die Personalnot in den Einrichtungen zu lindern. Last but not least: die Schule auch inhaltlich zukunftsfähig zu machen, in dem zum Beispiel die Lehrpläne überarbeitet werden, „um Freiräume für die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung der Schüler*innen zu schaffen und die Bildungsqualität zu erhöhen“.

Fazit der Unterzeichner: „Wer die Bildungskrise lösen will, muss Druck aus dem überlasteten System nehmen und die Leute beteiligen, die tagtäglich direkt mit Kita und Schule in Berührung sind.“ News4teachers

Hier gibt es weitere Informationen zum Aktionstag.

Immer mehr Organisationen drängen den Bundeskanzler zu einem Bildungsgipfel

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

6 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Dil Uhlenspiegel
10 Monate zuvor

360° Wende.
Hat jemand mal was von der Stäwiko in letzter Zeit gehört?

Mary-Ellen
10 Monate zuvor

@Redaktion: Kurz mal eben die „Demostrationen“ in der Headline korrigieren.

dickebank
10 Monate zuvor

Die hat mit soviel Gegenwind auf ihre Vorschläge nicht gerechnet. Die machen jetzt erst einmal Yoga, um wieder runter zu kommen:)

Rainer Zufall
10 Monate zuvor

Das Ergebnis wird absehbar sein, die Adressat*innen werden sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben und hinter dem Föderalismus eingraben.

Aber ich bin mir sicher, die Landtagswahlen in Bayern werden sich bestimmt um Bildung drehen 😛
Es tut mir leid, bin ja selber betroffen, aber Bildung interessiert in dieser Gesellschaft kaum jemanden.

potschemutschka
10 Monate zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

„Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.“ (John F. Kennedy)