Elternbeiratsvorsitzender tritt zurück – und kritisiert Kultusminister als desinteressiert

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WIESBADEN. Der Vorsitzende des Landeselternbeirates von Hessen (LEB), Volkmar Heitmann, ist von seinem Amt zurückgetreten und hat auch seine Mitgliedschaft im Landeselternbeirat aufgegeben. Heitmann verbindet den Schritt mit scharfer Kritik am hessischen Kultusministerium. „Ich habe im Laufe meiner Amtszeit immer mehr den Eindruck gewonnen, dass der Landeselternbeirat nicht ausreichend wirksam ist und auch nicht wirksam sein soll“, so Heitmann. Ist Elternmitwirkung – trotz zahlreicher Lippenbekenntnisse – also gar nicht gewünscht?

ucht händeringend Grundschullehrer: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: Hesssisches Kultusministeriums
„Abstrus“: Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) ließ die Vorwürfe zurückweisen. Foto: Hesssisches Kultusministeriums

So habe das Kultusministerium es trotz langjähriger Bitten des LEB nicht geschafft, das Gremium über einen landesweiten Mailverteiler in die Lage zu versetzen, schnell und unkompliziert mit allen Elternvertretungen in Hessen zu kommunizieren und somit eine effektive Elternmitwirkung zu organisieren. Auch die dringenden Themen, wie zum Beispiel Bildungsgerechtigkeit, Unterrichtsversorgung, die Überlastung der Lehrkräfte, die Erziehung unserer Kinder hin zu einer demokratischen und offenen Streitkultur, den Klimawandel, die Inklusion, die physische und psychische Gesundheit unserer Kinder, würden, wenn überhaupt, nur halbherzig angepackt. „Mein Aufwand als LEB-Vorsitzender steht in keinem Verhältnis zum Nutzen bzw. zu irgendwelchen Effekten“, sagt Heitmann.

Er fühle sich zunehmend weniger durch das Gremium unterstützt und schließlich haben auch gesundheitliche Fragen eine Rolle gespielt. Außerdem bemängelt Heitmann, dass durch die fehlende Gleichstellung der ehrenamtlichen Elternvertreter und Elternvertreterinnen mit anderen Ehrenämtern, wie Angehörigen von Kreis- oder Stadtparlamenten, die in der Hessischen Verfassung festgeschriebene Elternmitwirkung nicht umgesetzt werden könne. „Die Mitarbeit in Gremien wie dem LEB und besonders im Vorstand muss allen Eltern möglich sein. Momentan können sich das eigentlich nur wohlhabende Rentnerinnen und Rentner und Privatiers finanziell und zeitlich erlauben.“

Das Kultusministerium wies die Vorwürfe gegenüber dem Hessischen Rundfunk zurück. Der Landeselternbeirat sei stets gut eingebunden, sagte ein Sprecher. Der Vorwurf, dass große Themen nicht angepackt würden, sei abstrus. News4teachers

Der LEB hat den Schritt – und die Reaktion des Ministeriums – zum Anlass genommen, einen offenen Brief an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) zu schreiben. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Kultusminister Prof. Dr. Lorz,

sehr geehrte bildungspolitischen Sprecher*innen der im Landtag von Hessen vertretenen Parteien!

Am 1. November 2023 hat Volkmar Heitmann, der bisherige Vorsitzende des Landeselternbeirats von Hessen (LEB), seinen sofortigen Rücktritt von seinem Amt bekannt gegeben. Wir, die Vertreter der Kreis- und Stadtelternbeiräte Hessens, möchten ihm unseren aufrichtigen Dank für sein herausragen[1]des und vielfältiges Engagement aussprechen.

Wir bedauern diesen Schritt zutiefst, auch wenn die Gründe seines Rücktritts nur allzu verständlich und nachvollziehbar sind. Mit seinem Rücktritt führte Volkmar Heitmann u.a. aus, dass seine Arbeit kaum auf Widerhall stieß. Ein einfaches Beispiel hierfür sind die fehlenden Funktionspostfächer für die Kreis- und Stadtelternbeiräte, die zwar jahrelang versprochen, aber nie realisiert wurden und ohne die eine effektive interne Kommunikation immer wieder erschwert wird. Heitmann betonte auch die unzähligen Arbeitsstunden als Ehrenamtlicher, die aufgrund ausbleibender Rückmeldungen seitens des Hessischen Kultusministeriums (HKM) vollkommen ineffizient waren. Ein deutliches Beispiel hierfür ist die umfangreiche Kommentierung der Schulgesetz-Novelle im vergangenen Jahr, die bis auf eine Ausnahme keinerlei Rückmeldungen erhielt und in dem neuen Gesetz nicht ansatzweise Berücksichtigung fand.

Die Einschätzung des HKM, die Gründe für Heitmanns Rücktritt seien abstrus, weisen wir entschieden zurück. Anstatt sich bei einem verdienten Ehrenamtlichen für dessen Einsatz zu bedanken, zog es das HKM vor, diesen und somit uns alle auf inakzeptable Weise zu diskreditieren. Das HKM sollte die Begründungen ernst nehmen und in Betracht ziehen, in Zukunft anders oder besser zu handeln und auf die Rückmeldungen aus der Elternschaft einzugehen. Die bisherigen Stellungnahmen des HKM deuteten jedoch nicht darauf hin, dass eine Selbstreflexion in Betracht gezogen wurde.

Der Rücktritt des Landesvorsitzenden sollte als Weckruf verstanden werden, dass es in Zukunft besser gemacht werden muss. Als Elternvertreter streben wir keine Konfrontation mit dem HKM an, sondern vielmehr eine vertrauensvolle und auf Augenhöhe basierende Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium, den Schulämtern und Schulbehörden. Unser gemeinsames Ziel ist es, eine Umgebung für unsere Schülerinnen und Schüler zu schaffen, in der sie sich wohl fühlen und entwickeln können, sozial integriert heranwachsen und sich den stetigen Herausforderungen unserer Zeit stellen können. Dadurch sollen sie sich ihrer demokratischen Verantwortung bewusst sein. In diesem Sinne hoffen wir, dass der Rücktritt unseres Landesvorsitzenden dazu führt, mit neuem Elan und gemeinsam vertrauensvoll an die Herausforderungen unseres Schulalltags zu gehen.

Mit freundlichem Gruß

Ihre hessischen Stadt- und Kreiselternbeiräte“

 

 

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Vierblättriges Kleeblatt
3 Monate zuvor

Lippenbekenntnisse?! Das ist mein Stichwort. Was hat die CDU Berlin den nicht verbeamteten Lehrern vor der letzten Wahl nicht alles versprochen? Gar nichts ist jetzt noch davon in Sicht? Oder wird die Umsetzung intern noch diskutiert? Ich weiß nicht, es ist nichts mehr zu hören und zu sehen davon. Die erfolgte Ausgleichszahlung ist jedenfalls nicht von der CDU Berlin gekommen, sondern von der letzten Landesregierung beschlossen worden. Ich wüsste gerne, wer da mauert? Ist es die SPD oder schert sich die CDU in Berlin nicht mehr um ihr Geschwätz von gestern? Gut 8000 Berliner Lehrer werden wohl angestellt bleiben. Wir sind mehr als ein Zünglein an der Waage bei den nächsten Wahlen.

Alx
3 Monate zuvor

Sie wundern sich ernsthaft über gebrochene Wahlversprechen?

Ich wundere mich eher, wenn doch mal eines eingehalten wird.

HellaWahnsinn
3 Monate zuvor

Von „Vierblättriges Kleeblatt“ auch immer nur Geschwätz von gestern bzw. das ewig gleiche Geschwätz über Berlin, Berlin … und das sogar unter einem Artikel mit eindeutigem Bezug zum Bundesland Hessen.
Zur Sicherheit ( zwinkerzwinker ) erscheinen Ihre Dauerschleifen immer sofort als erstes unter beinahe jedem Artikel.
Na sowas!

SoBitter
3 Monate zuvor

Sonnenkönig Alexander ficht sowas doch nicht an.
Es ist alles super an hessischen Schulen. Punkt.
Und wer was anderes sagt, der lügt!
Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufene hier Kritik äußern darf?

Mondmatt
3 Monate zuvor

Die Enttäuschung darüber, dass ein KuMi keine echte Kritik oder ernstgemeinte Verbesserungsvorschläge möchte ist sehr naiv.

Schon seit Jahren sollte doch allen Akteuren klar sein, dass die Mitglieder der KMK grundsätzlich absolut kritik-resistent sind.

Wer mit einem Kultusministerium zusammen arbeitet muss wissen, dass er da praktisch mit unfehlbaren, gottgleichen Genies zu tun hat.

Kritik in jeglicher Form ist also völlig verfehlt.

Wer sich da einbringen will der sollte höchstens lobende Kommentare in der Presse von sich geben oder mit anderen Eltern eine Gruppe organisieren die vor dem KuMi La Ola macht um das Genie des Kultusministers zu bejubeln.

Wer von diesem Vorgehen abweicht erntet im Besten Fall verächtlichen Missachtung.

dauerlüfterin
3 Monate zuvor

Es werden ja nicht nur große Themen nicht angepackt.

Diese Laienspieltruppe in Wiesbaden kriegt es ja nicht einmal hin, Erfordernisse des schulische Alltags überhaupt oder zumindest zeitgerecht zu lösen bzw. zu kommunizieren.

Beispiele: Einführung des Fehlerindex in Klasse 9 und 10 wurde für das Schuljahr 2023/24 erst am 26.9. in der entsprechenden Verordnung verankert, da hatte die Schule aber schon begonnen. Es ist genau wie bei der kriteriengeleiteten Korrektur der modernen Fremdsprachen in der Oberstufe, fristgerecht kriegt man halt offensichtlich vieles nicht hin. Da muss man sich mit Vorabinformationen per Mail in den Ferien behelfen.

Das Gymnasialreferat ist ausweislich Selbstdarstellung auf einschlägigen Veranstaltungen bar jeder Ahnung davon, wie die Zeitschiene des Landesabiturs angesichts zeitlich vorverlegter Ferien so gestaltet werden kann, dass sie Verordnungskonform ist und dass KuK wegen zeitlicher Verdichtung von Korrekturen der Abiturprüfungen, Erstellung mündlicher Aufgaben und sonstiger Unterrichts- und Korrekturverpflichtungen nicht am Stock gehen und reihenweise ausfallen (werden).

Aber vor der Wahl wird man sicherlich sämtliche Pöstchen parteibuchkonform besetzt haben. Ist doch auch ne Priorität.

Braucht niemand, kann weg.