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Bildungsminister: Schulen können nur 30 Prozent Migrantenanteil pro Klasse stemmen

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Der sächsische Kultusminister Christian Piwarz (CDU) sieht die Schulen im Freistaat wegen der hohen Zahl von Kindern und Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln an der Belastungsgrenze. Er macht Migrantenfamilien für die schlechten Ergebnisse Deutschlands bei der jüngsten Pisa-Studie verantwortlich – und erntet Widerspruch.

Muss Kitas und Schulen schließen: Sachsens Kultusminister Christian Piwarz. Foto: Sächsisches Kultusministerium / Ronald Bonss

Integrationsarbeit in einer Klasse könne nur bis zu einem Anteil von etwa 30 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund geleistet werden, sagte er am Mittwoch in einem Interview der «Leipziger Volkszeitung». «Das sagen alle Fachleute, darauf beruht auch unser Konzept. Und wenn der Anteil höher ist – und er ist an nicht wenigen Schulen in Sachsen deutlich höher – gelingt eben genau diese Integrationsleistung unsererseits nicht.»

Piwarz führte auch das schlechte Abschneiden Deutschlands in der aktuellen Pisa-Studie darauf zurück. «Schüler, die in Sachsen in die erste Klasse kommen, weisen Entwicklungs- und Leistungsunterschiede von mehr als zwei Jahren auf. Das zeigt, dass etwas falsch läuft.» Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, die auch stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende ist, nahm dafür unlängst die frühkindliche Bildung in den Fokus. «Der Schlüssel zu mehr Bildungserfolg liegt in der Kita. Und wir müssen da mehr tun», sagte sie  mit Blick auf die Pisa-Ergebnisse. Der in Sachsen für Kitas verantwortliche Minister heißt: Christian Piwarz.

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Der betont lieber, dass sich die Anzahl von Schülerinnen und Schülern, die aus anderen Ländern stammen, in weniger als zehn Jahren verdreifacht habe. «Das geht nicht spurlos am Bildungssystem vorüber», meint Piwarz.

«Das Problem entstand nicht plötzlich durch die Zuwanderung, sondern ist Ergebnis jahrelang verfehlter Bildungspolitik»

Piwarz Worte lösten eine Debatte aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) widersprach dem Minister. Der sächsische GEW-Chef Burkhard Naumann wertete die Äußerungen als Versuch, von hausgemachten Problemen abzulenken. «Kultusminister Piwarz hat zwar recht, dass unser Bildungssystem an der absoluten Belastungsgrenze ist. Doch das Problem entstand nicht plötzlich durch die Zuwanderung, sondern ist Ergebnis jahrelang verfehlter Bildungspolitik.»

Naumann zufolge ist der Umgang mit Heterogenität das Hauptproblem. «Denn nach wie vor hängt der Bildungserfolg junger Menschen deutlich stärker von der sozialen Herkunft ab als von der eigenen Lern- und Leistungsfähigkeit. Deshalb fällt die Integration von Kindern aus anderen Ländern mit teils traumatischen Erfahrungen so schwer. Hauptgründe seien die Überlastung der Lehrkräfte und fehlende Unterstützungssysteme.

Linken-Politikerin Luise Neuhaus-Wartenberg bezeichnete die Äußerungen von Piwarz als «Wasser auf die Mühlen der extremen Rechten». «Das ist im Kampf um unsere Demokratie nicht hilfreich.» Kinder mit einer Fluchtgeschichte seien keineswegs dafür verantwortlich, dass die CDU-geführten Regierungen jahrelang zu wenig Personal eingestellt und moderne Unterrichtskonzepte wie das längere gemeinsame Lernen blockierten. Es sei dringend notwendig, Lehrkräfte durch weiteres Assistenzpersonal und mehr Investitionen zu entlasten.

«Es war schließlich die CDU, die jahrelang Lehrkräfte an den Grenzen Sachsens abgewiesen und im Bildungsbereich den Rotstift angesetzt hat»

Grünen-Bildungsexpertin Christin Melcher betonte: «Geflüchtete Kinder und Jugendliche tragen nicht die Schuld dafür, dass das System nicht funktioniert. Ich halte die Aussagen von Minister Piwarz zumindest in Teilen für äußerst gefährlich.» Die Probleme im Schulsystem habe die CDU zu verantworten, die seit Jahrzehnten das Kultusressort in Sachsen führt. «Es war schließlich die CDU, die jahrelang Lehrkräfte an den Grenzen Sachsens abgewiesen und im Bildungsbereich den Rotstift angesetzt hat.» Bildung sei ein Grundrecht, das ausnahmslos für alle gelte, auch für Geflüchtete. «Und Bildung ist der Schlüssel für Integration und gesellschaftliche Teilhabe.»

Sachsen hatte bereits angekündigt, einen Teil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge nicht mehr in Regelklassen zu unterrichten, um das Schulsystem zu entlasten. Laut Piwarz soll das Konzept ab dem Schuljahr 2024/2025 umgesetzt werden. Man werde die jugendlichen Geflüchteten in den zwei oder drei verbleibenden Jahren ihrer Schulpflicht kaum mehr zu einem Abschluss führen können. «Wir müssen vielmehr zusehen, ihnen zuallererst Deutsch zu vermitteln und sicherzustellen, dass sie eine Ausbildung beginnen können.» News4teachers / mit Material der dpa

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