BERLIN. Die Pisa-Studie hat einmal mehr gehörig für Wirbel in Deutschland gesorgt. Was lässt sich daraus ableiten? Der bildungspolitische Streit darüber wird die nächsten Monate prägen. Umso wichtiger erscheint es zu wissen, was wirklich erhoben wurde und welche Schlussfolgerungen sich direkt daraus ziehen lassen. Wir dokumentieren die wichtigsten Ergebnisse – der abschließende Teil drei unserer Reihe fokussiert auf das Schulleben.
Zugehörigkeitsgefühl der Schüler*innen zu ihren Schulen und Zufriedenheit mit ihrem Leben
• 69 Prozent der Schüler*innen in Deutschland gaben 2022 an, in der Schule leicht neue Freundinnen und Freunde zu finden (OECD-Durchschnitt: 76 Prozent), und 76 Prozent hatten das Gefühl, zu ihrer Schule zu gehören (OECD-Durchschnitt: 75 Prozent). Demgegenüber fühlten sich 12 Prozent der Schüler*innen laut eigenen Angaben in ihrer Schule einsam, und 12 Prozent fühlten sich in der Schule als Außenseiterin/Außenseiter oder von Dingen ausgeschlossen (OECD-Durchschnitt: 16 Prozent bzw. 17 Prozent). Im Vergleich zu 2018 hat sich das Zugehörigkeitsgefühl der Schüler*innen zu ihren Schulen in Deutschland nicht wesentlich verändert.
• Die Zufriedenheit der Schüler*innen mit ihrem Leben hat in den letzten Jahren in vielen Ländern und Volkswirtschaften generell abgenommen. 2022 gaben 22 Prozent der Schüler*innen in Deutschland an, mit ihrem Leben nicht zufrieden zu sein: Sie bewerteten ihre Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 mit 0 bis 4. 2018 waren es weniger Schüler*innen gewesen (17 Prozent). Im OECD-Durchschnitt stieg der Anteil der Schüler*innen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden waren, von 11 Prozent im Jahr 2015 auf 16 Prozent im Jahr 2018 und auf 18 Prozent im Jahr 2022.
Sich in der Schule und im schulischen Umfeld sicher fühlen
• Die Daten aus PISA 2022 zeigen, dass sich Schüler*innen in Bildungssystemen, in denen die Leistungen hoch geblieben sind und sich das Zugehörigkeitsgefühl der Schüler*innen verbessert hat, tendenziell sicherer fühlen und weniger mit Mobbing und anderen Risiken in ihrer Schule konfrontiert sind.
• Etwa 21 Prozent der Mädchen und 21 Prozent der Jungen in Deutschland sind eigenen Angaben zufolge immer wieder Opfer von Mobbing (OECD-Durchschnitt: 20 Prozent der Mädchen, 21 Prozent der Jungen).
Beteiligung der Eltern am Lernprozess
• Auf Angaben der Schulleitungen basierende PISA-Daten zeigen, dass der Anteil der Eltern, die sich an Schulaktivitäten und am Lernprozess beteiligen, zwischen 2018 und 2022 in vielen Ländern und Volkswirtschaften erheblich zurückgegangen ist. Nicht so in Deutschland: Im Jahr 2022 besuchten 28 Prozent der Schüler*innen in Deutschland Schulen, in denen laut Angaben der Schulleitungen im vorangegangenen Schuljahr mindestens die Hälfte aller Familien auf eigene Initiative (und 46 Prozent auf Initiative des Lehrpersonals) mit einer Lehrkraft über die Fortschritte ihres Kindes gesprochen hat. 2018 lag der entsprechende Anteil bei 30 Prozent (bzw. 50 Prozent).
Schulautonomie
• 41 Prozent der Schüler*innen in Deutschland besuchten eine Schule, in der die Schulleitungen die Hauptverantwortung für die Einstellung von Lehrkräften trugen (OECD-Durchschnitt: 60 Prozent), und 55 Prozent gingen in eine Schule, in der die Lehrkräfte die Hauptverantwortung für die Auswahl der Lehrmittel hatten (OECD-Durchschnitt: 76 Prozent). In vielen leistungsstarken Schulsystemen sind die Schulleitungen bzw. die Lehrkräfte mit diesen Aufgaben betraut.
Wie Schüler*innen das Schulsystem durchlaufen
• Zum Zeitpunkt des PISA-Tests im Jahr 2022 besuchten 47 Prozent der 15-jährigen Schüler*innen in Deutschland die 10. Klasse. In Deutschland gaben 96 Prozent der Schüler*innen an, dass sie mindestens ein Jahr lang eine Vorschule bzw. eine Kita besucht haben (OECD-Durchschnitt: 94 Prozent). Im OECD-Durchschnitt erzielten Schüler*innen, die mindestens ein Jahr lang Vorschulbildung erhalten hatten, im Alter von 15 Jahren bessere Mathematikergebnisse als Schüler*innen ohne oder nur mit weniger als einem Jahr Vorschulbildung.
• Etwa 19 Prozent der Schüler*innen in Deutschland haben laut eigenen Angaben nach dem Eintritt in die Grundschule mindestens einmal eine Klasse wiederholt (OECD-Durchschnitt: 9 Prozent). Klassenwiederholungen sind in leistungsstarken Systemen tendenziell weniger verbreitet.
In Bildung investierte Ressourcen
• Bildungsausgaben hängen nur bis zu einem gewissen Grad mit den Schülerleistungen zusammen. In den Ländern und Volkswirtschaften, deren kumulative Ausgaben je Schüler*in über alle Primar- und Sekundarschuljahre vom 6. bis zum 15. Lebensjahr 2019 unter 75.000 US-Dollar (bezogen auf die Kaufkraftparität, KKP) lagen, gingen höhere Bildungsausgaben mit höheren Punktzahlen im PISA-Mathematiktest einher. Dies war jedoch nicht der Fall in Ländern und Volkswirtschaften, deren kumulative Ausgaben über 75.000 US-Dollar (KKP) lagen. In dieser letztgenannten Gruppe von Ländern und Volkswirtschaften scheint die Art und Weise, wie die finanziellen Mittel eingesetzt werden, für die Leistungen der Schüler*innen wichtiger zu sein als die Höhe der Bildungsinvestitionen. In Deutschland beliefen sich die kumulativen Ausgaben je Schüler*in vom 6. bis zum 15. Lebensjahr – d. h. über zehn Jahre – auf etwa 121.100 USD (KKP).
• In etwa der Hälfte der Länder und Volkswirtschaften mit vergleichbaren Daten berichteten Schulleitungen 2022 häufiger als 2018 von einem Mangel an Lehrkräften. Dies war auch in Deutschland der Fall. 2022 besuchten in Deutschland 73 Prozent der Schüler*innen Schulen, in denen der Unterricht laut Angaben der Schulleitungen durch einen Mangel an Lehrkräften und 25 Prozent durch ungenügend oder schlecht ausgebildete Lehrkräfte beeinträchtigt wurde. 2018 lagen die entsprechenden Anteile bei 57 Prozent bzw. 16 Prozent. In den meisten Ländern und Volkswirtschaften schnitten Schüler*innen, die Schulen besuchten, deren Schulleitungen einen Mangel an Lehrkräften bekundeten, in Mathematik schlechter ab als Schüler*innen in Schulen, deren Schulleitungen einen geringeren oder keinen Lehrkräftemangel meldeten.
• In Deutschland gaben 71 Prozent der Schüler*innen an, dass in ihrem Schulgebäude wegen der Coronakrise mehr als drei Monate lang kein Unterricht stattfand. Im OECD-Durchschnitt erlebten 51 Prozent der Schüler*innen ähnlich lange Schulschließungen. In Bildungssystemen, in denen die Leistungen hoch blieben und sich das Zugehörigkeitsgefühl der Schüler*innen verbesserte, waren weniger Schüler*innen von längeren Schulschließungen betroffen. News4teachers
Quelle: www.oecd.org/publication/pisa-2022-results/country-notes/germany-1a2cf137/
Hier geht es zu Teil eins der Pisa-Fakten:
Hier geht es zu Teil zwei der Pisa-Fakten:
Pisa-Fakten: Deutsche Schüler aus privilegierten Familien bringen Spitzenleistungen
