Pisa-Schock: Bildungsminister stellt gegliedertes Schulsystem infrage

18

BERLIN. Nach dem Pisa-Schock wird hektisch nach politischen Antworten auf das schlechte Abschneiden deutscher Schüler gesucht. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) plädiert für längeres gemeinsames Lernen – und eine Verfassungsänderung, die den Bund stärker ins Spiel bringt. Dabei findet nicht mal der Vorschlag, eine Ministerpräsidentenkonferenz einzuberufen, Anklang.

„Der Bund muss sich engagieren“: Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke). Foto: Jacob Schröter / Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Angesichts der schlechten Ergebnisse deutscher Schüler in der Pisa-Studie hat Thüringens Bildungsminister Helmut Holter mehr Engagement des Bundes in Bildungsfragen gefordert. «Der Bund muss sich dauerhaft auch in Bildungsfragen finanziell engagieren», sagte der Linke-Politiker in Erfurt. Er plädierte dafür, eine «Gemeinschaftsaufgabe Bildung» im Grundgesetz festzuschreiben.

Seit Donnerstag läuft in Berlin die Kultusministerkonferenz, die sich auch mit den Pisa-Ergebnissen beschäftigen wollte. Nach dem schlechten Abschneiden der deutschen Schülerinnen und Schüler wurden teils auch Forderungen nach einer Sonder-Ministerpräsidentenkonferenz zu den Ergebnissen laut.

«In Deutschland, auch in Thüringen wird in der vierten Klasse im Grunde entschieden über die Schullaufbahn und damit auch über die Lebensbiografie von Kindern»

Holter stellte das gegliederte Schulsystem in Frage. «In Deutschland, auch in Thüringen wird in der vierten Klasse im Grunde entschieden über die Schullaufbahn und damit auch über die Lebensbiografie von Kindern.» Internationale Erfahrungen aber zeigten, dass das längere gemeinsame Lernen die Antwort darauf sei, was Pisa und andere Studien zu Tage gebracht hätten.

Bildung ist in Deutschland Länder-Sache, das ist auch im Grundgesetz festgeschrieben. In den vergangenen Jahren beteiligte sich der Bund aber zunehmend finanziell – etwa mit einem Programm zur Digitalisierung, dem sogenannten Digitalpakt. Holter erneuerte seine Forderung, das sogenannte Kooperationsverbot im Grundgesetz aufzugeben. «Ich bin der Überzeugung, dass gerade, wenn es ums Geld geht, aus dem Kooperationsverbot ein Kooperationsgebot werden muss», sagte er.

Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) hängt das Thema deutlich niedriger. Er sieht nach den schlechten Ergebnissen deutscher Schülerinnen und Schüler bei der Pisa-Studie erst einmal nur die Kultusministerinnen und Kultusminister am Zug. «Die aktuellen Pisa-Ergebnisse und damit der Stand des Bildungssystems an den Schulen in Deutschland müssen zunächst auf der Ebene der zuständigen Länderressorts in Verbindung mit der KMK ernsthaft beraten werden», sagte Brandenburgs Regierungssprecher Florian Engels in Potsdam.

Der Vorsitzende des Bundestagsbildungsausschusses, Kai Gehring (Grüne), hatte wegen der schlechten Ergebnisse eine Sonder-Ministerpräsidentenkonferenz der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder (MPK) gefordert, um eine bundesweite Abstimmung zu ermöglichen. Üblicherweise wird die Bunderegierung darin einbezogen. Gehring hält die schlechten Bildungsergebnisse für ein Alarmzeichen. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zeigte sich ebenfalls besorgt über die desaströsen Resultate.

In der Studie hatten die 15-/16-Jährigen aus Deutschland im Lesen, in Mathematik und in Naturwissenschaften die schwächsten Leistungswerte erreicht, die für Deutschland jemals im Rahmen von Pisa gemessen wurden. Die Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die zuletzt am Dienstag veröffentlicht wurde, vergleicht die Leistungen in Industrieländern. News4teachers / mit Material der dpa

Pisa-Forscher stellen „Niedergang des Gymnasiums“ fest – und machen die schlechte Unterrichtsqualität dafür verantwortlich

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

18 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Rüdiger Vehrenkamp
2 Monate zuvor

Ein gegliedertes Schulsystem, das für jeden Schüler die passende Schulart (und somit Förderung) bietet, ist die Lösung! Gleichmacherei und Durchmischung aller Leistungs- und Niveaustufen führten doch zu den Ergebnissen, die jetzt ans Tageslicht kamen.

Wie soll denn eine einzige Lehrkraft zeitgleich den Förder- und Gymnasialschüler sowie alle dazwischen adäquat unterrichten? Mit Gemeinschaftsschulen spart vor allem eines: Geld.

Lehrerin
2 Monate zuvor

Ein klug gegliedertes System bringt alle weiter – Lernstarke und Lernschwache. Warum sonst wären die Bundesländer mit einer verpflichtenden Grundschulempfehlung permanent, dauerhaft und seit vielen Jahren an der Spitze in Deutschland? Wieso wird BW immer schlechter seit der Abschaffung? Wie man das umdeuten kann, dazu gehört sehr viel Ignoranz und Realitätsverweigerung.

Mo3
2 Monate zuvor

Wenn Einheitsschulen funktionieren sollten, bräuchte es aufgrund der höheren Anforderungen noch mehr Lehrer im System als im gegliederten System. Solange man also Geld (Lehrer) sparen will, werden die Ergebnisse nicht besser werden.

Cuibono
2 Monate zuvor

Es wird noch zwei Arten von Schulen geben: öffentliche Schulen für ALLE und Schulen in freier Trägerschaft für manche.
Interessant wären Angaben, wohin Bildungsexperten eigentlich die eigenen Kinder geschickt haben.

Denn an unserem sehr guten konfessionellen Gymnasium fänden sich Politikerkinder auch aus dem linkssozialen und grünen Spektrum.

Honi soit qui mal y ponse.

Müllerin
2 Monate zuvor

Die Linkspartei will schon lange das gegliederte Schulsystem abschaffen. Das ist doch kein „Schock“. Die Grünen wollen eigentlich auch, nur die SPD zaudert schon lange. Aber auch dort, wo diese drei eine Mehrheit hatten, haben sie es nicht gemacht, warum eigentlich? Fürchten sie vielleicht, dass die Testergebnisse danach NOCH schlechter werden und sie dann am Pranger stehen?
Und das Kooperationsverbot aufzuheben erfordert eine Zweidrittelmehrheit. Ohne die Union ist die nicht zu bekommen. Also ist es billig und unverbindlich, das ständig PR-wirksam zu fordern.

Autobahnabfahrt
2 Monate zuvor
Antwortet  Müllerin

Sie fürchten einfach nur die Eltern, die am Gymnasium festhalten. Manchmal können wenige Tausend Stimme eine Landesregierung zu Fall bringen wie in Berlin, ja, wenige hundert Stimmen. Das ist alles.

A.J. Wiedenhammer
2 Monate zuvor

Man schaue nach Baden-Württemberg.

Tim Bullerbü
2 Monate zuvor

Ich stelle Kultusminister/innen in Frage, denen es nicht gelingt, endlich mal Arbeitsbedingungen zu schaffen, die es tausenden von hoch engagierten Lehrkräften erlauben, ihre SuS bestmöglich zu unterstützen.

Lena Hauenstein
2 Monate zuvor
Antwortet  Tim Bullerbü

Bei uns ist seit gestern das Papier alle.

dickebank
2 Monate zuvor
Antwortet  Lena Hauenstein

Blöd, vor allem auf der Toilette, wenn da die Abreißblöcke fehlen:)

Clara
2 Monate zuvor
Antwortet  dickebank

Bei uns ist das Streugut alle …

Autobahnabfahrt
2 Monate zuvor

Jeder sucht sich aus dem PISA-Schock das heraus, was ihn in dem bestätigt, was er immer schon gefordert hat und jeder findet die passende Argumente im PISA-Schock für das, was er schon immer gefordert hat. Es ist unglaublich. Egal, ob GEW, Linke (Holter), Weil aus Niedersachsen usw. usw. usw.

Leseratte
2 Monate zuvor

Dann wird sich das Niveau noch weiter nach unten verlagern, weil die leistungswilligen und leistungsstärkeren SuS gar nicht mehr zum Zug kommen…
Holter hatte ja auch unlängst die Idee verkündet, die Noten in Musik, Kunst und Sport abzuschaffen, weil da angeblich nur Talent bewertet wird (was natürlich nicht der Fall ist…Lehrpläne lesen wäre da mal hilfreich gewesen….).

Egvina
2 Monate zuvor

Ich habe den Eindruck, dass nach jedem schlechten Ergebnis, reflexartig, das gegliederte Schulsystem als Wurzel allen Übels ausgemacht wird, denn die vor uns liegenden Staaten haben das nicht. Die hinter uns liegenden zwar auch nicht, aber das wird immer gerne übersehen. Mich würde interessieren wie genau die Schulsysteme indem anderen Ländern aufgebaut sind, indem vor uns liegenden sowie in den hinter uns liegenden, damit ich mir ein echtes Bild machen könnte. Wie sind die Strukturen, wie wird mit der Leistungsheterogenität umgegangen, wird und wie stark wird binnendifferenziert, wird in Klassenverbänden unterrichtet oder in Kurssystemen, wie ist der Umgang mit Migranten, die die Landessprache nicht hinreichend beherrschen, wie wird die Inklusion gehandhabt, welchen gesellschaftlichen Stellenwert hat Bildung (nicht nur gemessen an BIP), welchen hat Leistung, wie wichtig sind Privatschulen, wie hoch ist die Unterrichtsverpflichtung der Lehrer, welche anderen Aufgaben haben die Lehrer neben ihrem Unterricht, wie wird mit massivem Fehlverhalten umgegangen, …?
@ Redaktion: wäre es möglich, eine Themenreihe, in der in der verschiedene Schulsysteme detailliert vorgestellt werden herauszugeben?

potschemutschka
2 Monate zuvor
Antwortet  Egvina

Wie die Lehrer-Ausbildung in den verschiedenen Ländern gehandhabt wird, wäre bestimmt auch eine interessante Frage.

ed840
2 Monate zuvor
Antwortet  Egvina

Die skandinavischen und baltischen Staaten haben m.W. alle eine Einheitsschulsystem bis zur 9. Klasse. Manche dieser Länder liegen bei PISA über dem Schnitt der 16 Bundesländer, andere darunter. Würde man z.B. Sachsen und Bayern getrennt auswerten, sähe das Ranking plötzlich ganz anders aus. Bei PISA 2022 schnitten im hochgelobten Finnland Schüler ohne Migrationshintergrund punktemäßig in Mathe sogar schon schlechter als aber der deutsche Durchschnitt. Schüler mit Migrationshintergrund dann nochmal schlechter als die Pendants in DE. Da in Finnland der Anteil an Migrantenkindern nur ca. 7% beträgt, in DE aber 26%, liegt der finnische Gesamtschnitt etwas höher als der deutsche Gesamtschnitt. Dass in Finnland der Höchstwert für den Ausschluss von Schülern aus der Stichprobe überschritten wurde, beeinträchtigt die Vergleichbarkeit zusätzlich.

Clara
2 Monate zuvor

Das wievielte pädagogische Ei des Kolumbus ist das nun?

A.J. Wiedenhammer
2 Monate zuvor
Antwortet  Clara

Na ja, dieses Ei ist ja schon so alt, dass es wundern würde, schlüpfe da noch ein bunter Wundervogel.