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Wie lassen sich Lehrkräfte gewinnen? SWK: Neuer Zugang – verkürztes Referendariat

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BERLIN. Pisa-Debakel und Lehrkräftemangel: Das deutsche Bildungssystem befindet sich in einer Schieflage. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der KMK – die unlängst einen mindestens 20-jährigen Lehrkräftemangel vorhergesagt hatte – gibt der Politik nun Nachhilfe, wie sich Lehrkräfte gewinnen ließen.

Lehrkräfte werden händeringend gesucht. Illustration: Shutterstock

Es ist eines der dringendsten Themen im deutschen Bildungssystem: der Lehrkräftemangel. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) gibt der Politik nun einen Katalog an Empfehlungen mit, der in Verbindung mit einem wissenschaftlichen Gutachten für die Kultusministerkonferenz (KMK) am Freitag in Berlin vorgestellt wurde.

Zwar hätten Universitäten in den vergangenen Jahren einige Maßnahmen zur Studieninformation und zur Sicherung des Studienerfolgs ergriffen, heißt es in der Zusammenfassung des Gutachtens. Die Nachfrage sei aber weiterhin gering und es bestünden hohe Schwundquoten – vor allem in den Mangelfächern. Dazu zählen laut KMK insbesondere Mathematik, Chemie, Physik, Musik und Kunst.

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Für die Gewinnung von Lehramts-Studierenden empfiehlt die SWK zum Beispiel, neue Studienplätze in Mangelbereichen zu schaffen, die Aufhebung von Zulassungsbeschränkungen zu prüfen und finanzielle Anreize für Studieninteressierte anzubieten. Aus Sicht der SWK würde der Beruf der Lehrkraft auch attraktiver durch mehr Entwicklungsmöglichkeiten und definierte Karrierewege, etwa mit Blick auf die Qualifizierung für Leitungs- und Koordinationsfunktionen.

Die Expertinnen und Experten kritisieren in dem Gutachten, dass präzise Daten zu Studienanfängerzahlen, aber auch zu Studien- und Ausbildungsverläufen fehlten. Fächerspezifische Prognosen würden ebenfalls nur punktuell vorliegen. Dies sei wichtig für Unis, um Abbrüchen gegensteuern zu können, sagte Olaf Köller Co-Vorsitzender der SWK und geschäftsführender Direktor des IPN – Leibniz-Institut für die Didaktik der Naturwissenschaften und Mathematik.

«Obwohl Lehramtsstudierende an vielen Universitäten einen großen Teil der Studierenden ausmachen, ist der Stellenwert der Lehrkräftebildung in den Universitäten häufig gering»

In dem Papier werden nun elf Maßnahmen empfohlen (die vollständige Liste: siehe unten), zum Beispiel eine bundesweite Werbekampagne zu Zugangswegen in das Lehramt. Außerdem müssten Daten zu Studienanfängern verlässlich erhoben werden, ebenso wie Zahlen für das Ausscheiden aus Alters- und anderen Gründen. Kritisiert wird: «Obwohl Lehramtsstudierende an vielen Universitäten einen großen Teil der Studierenden ausmachen, ist der Stellenwert der Lehrkräftebildung in den Universitäten häufig gering und liegt quer zu anderen Zuständigkeiten und Bereichen.»

Die SWK empfiehlt eine wissenschaftsbasierte Lehrkräftebildung in Studium und Vorbereitungsdienst, in der Wissen und Fähigkeiten schrittweise aufgebaut werden. Dafür ist die Entwicklung eines Curriculums nötig, das stärker als bisher Inhalte des Studiums und des Vorbereitungsdienstes im Zusammenhang definiert: zentrale Kompetenzen im Fach und der Fachdidaktik, Querschnittsthemen wie der Umgang mit Heterogenität sowie gute Lerngelegenheiten im Studium und in den Praxisphasen.

Die Expertinnen und Experten schlagen zudem vor, neben dem klassischen Lehramtsstudium mit einem neuen Studiengang einen zweiten Weg in den Lehrberuf zu eröffnen. Konkret empfiehlt die SWK, dass etwa Fachstudierende oder Berufswechslerinnen und -wechsler ein Masterstudium in einem Unterrichtsfach mit anschließendem Vorbereitungsdienst absolvieren. Das Referendariat könne durch eine bessere Verschränkung von Studium und Praxis auf ein Jahr verkürzt werden.

Handlungsbedarf sieht die SWK im Bereich der Fortbildungen. In den meisten Ländern findet keine systematische Erfassung der Fortbildungsbedarfe und eine darauf ausgerichtete Angebotsplanung statt. Zudem werden Dozentinnen und Dozenten oft zufällig rekrutiert und nur in wenigen Ländern gezielt qualifiziert. Vor diesem Hintergrund fordert die SWK eine datenbasierte Angebotsplanung und eine Qualitätssicherung. Sie empfiehlt außerdem eine Fortbildungsverpflichtung von 30 Stunden pro Jahr für alle Lehrkräfte, um sicherzustellen, dass sie sich kontinuierlich mit neuen Inhalten und Anforderungen auseinandersetzen können.

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) mahnte indes an, den Qualitätsanspruch nicht abzusenken. Der Blick in die Realität der Schulen mache deutlich, dass der Unterricht schon lange nicht mehr ohne Quer- und Seiteneinsteiger möglich sei, sagte Günther-Wünsch. Es gebe einen nicht unerheblichen Anteil an Studenten, die im Bachelor-Studium an Schulen unterrichten – bisher weitestgehend ohne Begleitung, ohne Mentoring, ohne Qualifizierung. Verkürzte Ausbildungen für Ein-Fach-Lehrkräfte oder duale Studiengänge müssten diskutiert werden.

Der Lehrermangel ist eines der aktuell brennendsten Themen in der Bildungspolitik. Im Januar hatte die bei der KMK angesiedelte Kommission, die regelmäßig Empfehlungen für die Bildungspolitik abgibt, ein düsteres Bild gezeichnet: Den Schulen in Deutschland stehe beim Personal noch eine sehr lange Durststrecke bevor, hieß es in einer Stellungnahme. Der Mangel bedrohe die Sicherstellung der Unterrichtsversorgung und beeinträchtige die Qualität des Unterrichts.

«Aus internationalen Studien wissen wir, dass die Kompetenzen der Lehrkräfte entscheidend sind für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler»

Die Debatte steht auch im Schatten von Pisa: Erst diese Woche hatte die Pisa-Studie gezeigt, wie sehr die deutschen Jugendlichen in den Leistungen abgerutscht sind. Die 15-/16-Jährigen aus Deutschland erreichten im Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften die schwächsten Leistungswerte, die für Deutschland jemals im Rahmen von Pisa gemessen wurden. Die Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die am Dienstag veröffentlicht wurde, vergleicht die Leistungen in Industrieländern.

Viele Schulen litten unter einem akuten Lehrkräftemangel, gleichzeitig seien die Leistungen der Schülerinnen und Schüler besorgniserregend, sagte Felicitas Thiel, Co-Vorsitzende der SWK und Professorin für Schulpädagogik und Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität. «Aus internationalen Studien wissen wir, dass die Kompetenzen der Lehrkräfte entscheidend sind für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler.» Deshalb dürften die Anforderungen an den Beruf nicht abgesenkt werden. News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zum vollständigen Gutachten.

Die Empfehlungen auf einen Blick

Empfehlung 1: Daten für eine verlässliche und vergleichbare Prognose systematisch erheben und vorhandene Datenlücken in allen Ländern schließen.

Empfehlung 2: Transparenz über die in die Prognosen eingehenden Annahmen in allen Ländern herstellen.

Empfehlung 3: Lehrkräftebedarf und -angebot in allen Ländern bedarfsgerecht und vergleichbar modellieren.

Empfehlung 4: Studienberechtigte, insbesondere nichttraditionelle Zielgruppen gezielt für ein Lehramtsstudium, vor allem für die vom Mangel betroffenen Fächer und Schulformen, ansprechen.

Empfehlung 5: Studierbarkeit datengestützt verbessern sowie soziale und akademische Integration in den Hochschulen stärken.

Empfehlung 6: Stellenwert der Lehrkräftebildung an Universitäten durch strukturelle Verankerung sowie gezielte Anreize erhöhen.

Empfehlung 7: Phasenübergreifende, verlässliche Abstimmungsstrukturen und Verfahren des Qualitätsmanagements etablieren sowie Übergang zwischen erster und zweiter Phase weiterentwickeln.

Empfehlung 8: Wissenschaftsbasierte Lehrkräftebildung in der ersten und zweiten Phase sowie der Berufseinstiegsphase mit hohem Bezug zu den unterrichtlichen Anforderungen im Sinne eines kumulativen Kompetenzaufbaus gestalten.

Empfehlung 9: Wissenschaftsbasierten, qualifizierten zweiten Weg in den Lehrkraftberuf eröffnen.

Empfehlung 10: Angebote der Lehrkräftefortbildung zu einem forschungsbasierten, bedarfsorientierten und qualitätsgesicherten Fortbildungssystem weiterentwickeln (auf der Grundlage eines ländergemeinsamen Qualitätsrahmens).

Empfehlung 11: Weiterbildungen und Karrierewege für ein weiteres Unterrichtsfach bzw. sonderpädagogische Förderschwerpunkte sowie für Leitungs- und Assistenzfunktionen in Schule und Unterricht ausbauen.

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