BERLIN. Andreas Schleicher legt nach. Nachdem der PISA-Koordinator und OECD-Direktor die Lehrkräfte in Deutschland kritisiert hatte („… noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen“) und dafür scharf von den Lehrerverbänden kritisiert worden war, zeigt er sich in einem Interview mit der „Zeit“ nun nicht milder. Er sagt mit Blick auf die desaströsen PISA-Ergebnisse für Deutschland: „Wenn sich an den Resultaten etwas ändern soll, müssen wir uns auch mit dem Lehrerberuf befassen.“ Reaktion von Philologenverband und Deutschem Lehrerverband: Sie fordern jetzt den Ausstieg Deutschlands aus PISA.
„Im deutschen Bildungssystem haben Schulen wenige Freiräume, das ist richtig“, so erklärt der Bildungswissenschaftler im aktuellen „Zeit“-Interview. Die Lehrpläne seien „deutlich überfrachtet, das ist zu viel Stoff, das stimmt. So bleibt das Lernen häufig oberflächlich, und das sieht man dann in den Pisa-Resultaten. Deutsche Schüler können Wissen gut reproduzieren, aber oft nicht eigenständig auf neue Zusammenhänge übertragen“.
Die Lehrkräfte nimmt er deshalb aber von Kritik nicht aus – im Gegenteil. Schleicher: „Aber es ist zu einfach zu sagen: Es geht nicht, es liegt am System. Lehrkräfte sind immerhin Teil dieses Systems. Und darin gibt es Freiräume, die oft nicht genutzt werden.“ Lehrende könnten die Vorgaben durchaus kreativ auslegen: „etwa weniger Material mit mehr Tiefe vermitteln. Da kommt nicht die Schulinspektion, um das zu kontrollieren. Schulstunden müssen nicht immer 45 Minuten lang sein. Geschichts- und Mathelehrerinnen können gemeinsam Konzepte erarbeiten. Kinder lernen je nach Sprachfähigkeiten besser in kleineren Gruppen als im Klassenverbund. Es ist einiges möglich.“
„Bildungssysteme müssen mit den Anforderungen ihrer Zeit fertig werden – und dazu gehört heute eben mehr Sozialarbeit als vor ein paar Jahren“
Weiter betont der PISA-Chef: „Ich will die Herausforderungen, vor denen Lehrerinnen und Lehrer stehen, nicht kleinreden, sie sind enorm. Aber ich höre immer diesen einen Satz: Die Schule kann die Probleme der Gesellschaft nicht lösen. Genau das sollten wir allerdings von Schulen erwarten. Sie sind die Gesellschaft von morgen. Und Deutschland steht dabei vor denselben Schwierigkeiten wie andere Länder. Bildungssysteme müssen mit den Anforderungen ihrer Zeit fertig werden – und dazu gehört heute eben mehr Sozialarbeit als vor ein paar Jahren.“ Schleicher zeigt sich über die Reaktionen auf sein Interview in der „Stuttgarter Zeitung“ überrascht (News4teachers berichtete). Er betont mit Blick auf die PISA-Rezeption: „Über diesen Negativtrend gibt es (..) kaum noch Aufregung. Aber wenn sich an den Resultaten etwas ändern soll, müssen wir uns auch mit dem Lehrerberuf befassen.“
Als positives Beispiel führt Schleicher Schulen im chinesischen Qingdao an, wo freiere Unterrichtsformen praktiziert würden, wie er gerade bei einem Ortsbesuch erlebe.
Nach diesen Äußerungen fordert der Philologenverband die Kultusministerkonferenz auf, weitere Teilnahmen Deutschlands an PISA auszusetzen, solange Andreas Schleicher der internationale Koordinator der Studie ist. Philologen-Chefin Prof. Susanne Lin-Klitzing betont: „Keine Bildungsstudie wird in Deutschland so öffentlichkeitswirksam rezipiert wie PISA. Deren Koordination und Kommunikation geht mit einem hohen Maß an Verantwortung einher. Wir haben kein Vertrauen mehr in die seriöse Interpretation der PISA-Daten durch deren internationalen Koordinator Andreas Schleicher. Mit seinen Äußerungen, dass der Lehrerberuf intellektuell nicht anspruchsvoll sei, Lehrkräfte ‚Befehlsempfänger´ seien und sich ein Beispiel an China nehmen sollten, wird er seiner Verantwortung nicht gerecht.“
Die den Lehrkräften von ihm zugeschriebene Aufgabe, dass die Schule die Probleme der Gesellschaft lösen solle, könne keine Lehrkraft und keine Schule erfüllen. Zusammen mit Schleichers fortgesetztem Lob der Schulsysteme undemokratischer Staaten könnte man zudem annehmen, dass der PISA-Koordinator dem Missbrauch schulischer Bildung durch totalitäre Systeme nachgerade das Wort rede.
„Ob sich die seriöse empirische Bildungsforschung von dem Schaden und Vertrauensverlust erholt, den Andreas Schleicher ihr in Deutschland zufügt, bezweifeln wir. Es liegt nun in der Verantwortung der KMK, ob sie sich vor ihre Lehrkräfte stellt oder weiter zusehen will“, so Lin-Klitzing, die damit die KMK zum Handeln auffordert.
„Wenn man den PISA-Macher nicht mehr ernstnehmen kann, kann man dann noch PISA ernstnehmen?“
Der Deutsche Lehrerverband geht sogar noch einen Schritt weiter – und fordert grundsätzlich „Schluss mit PISA“. Schleicher ziehe aus der jüngsten PISA-Studie Schlussfolgerungen, die wissenschaftlich von der Studie nicht getragen werden. Nach Ansicht des Verbandes zeugen sie „in Teilen sogar von Naivität“. „Was Schleicher dabei völlig übersieht, ist das Engagement der meisten Lehrkräfte. Neben Unterricht und dessen Vor- und Nachbereitung investieren sie viel Zeit und Energie in Kommunikation mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern, in Fortbildungen, in das eigenständige Erschließen neuer Entwicklungen in ihrem Fach, in das Erlernen und Anwenden neuer Unterrichtstechniken und Medienformen“, so heißt es in einer Pressemitteilung.
Als Vorbild führe Schleicher das chinesische Schulsystem an, „was ironisch scheint, weil das moderne China unter Xi Jinping wohl eher nicht als Hort von Freiheit, selbständigem Denken und Emanzipation gelten kann“.
Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fragt sich angesichts der Äußerungen Schleichers: „Wenn man den PISA-Macher nicht mehr ernstnehmen kann, kann man dann noch PISA ernstnehmen? Wenn der Wissenschaftler unwissenschaftlich schlussfolgert, wie wurde dann die Studie angelegt? Kann die KMK ihren Ergebnissen wirklich noch vertrauen? Dürfen dafür wirklich Steuergelder verwendet werden? Letztlich lenkt Schleicher mit seiner Lehrkräftekritik von den eigentlichen Herausforderungen ab, um seine persönlichen Überzeugungen ohne wissenschaftliche Grundlage zu transportieren.“ News4teachers
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