Ganzes Netzwerk: Wie Pflegekinder jahrzehntelang an Pädokriminelle vermittelt wurden

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BERLIN. Helmut Kentler vermittelte ab den 1960er Jahren gezielt Kinder an zum Teil vorbestrafte Pädokriminelle. Ein neuer Bericht zeigt, dass das Netzwerk des Pädagogen weit über Berlin hinausging.

Das Goethehaus der Odenwaldschule. Foto: shutterstock / JoachimDortmund
Einer der Tatorte: Das Goethehaus der Odenwaldschule. Foto: shutterstock / JoachimDortmund

Jahrzehntelang wurden Minderjährige aus der Kinder- und Jugendhilfe gezielt an vorbestrafte Pädokriminelle vermittelt – und das mithilfe eines deutschlandweiten Netzwerkes. Ein neuer Forschungsbericht der Universität Hildesheim zeigt auf erschreckende Weise, wie viel größer als bislang angenommen das Missbrauchsnetzwerk um den Sozialpädagogen Helmut Kentler war. Noch über die Jahrtausendwende hinaus wirkte das Netzwerk, das pädophile Positionen und sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen nicht nur duldete, unterstützte und legitimierte, sondern auch selbst Gewalt ausübte, wie der in Berlin vorgestellte Bericht zeigt.

«Der bisherige Fokus auf die Person Helmut Kentler, auf die Pflegekinderhilfe, auf Berlin und auf die Zeit der 1960er Jahre und 1970er Jahre ist zu eng», sagte Carolin Oppermann aus dem Wissenschaftsteam der Universität Hildesheim bei der Vorstellung des Berichts. Das mittlerweile zweite Forschungsprojekt der Uni habe gezeigt, dass zu dem sich «stützenden und schützenden» Netzwerk nicht nur die Berliner Kinder- und Jugendhilfe gehörte, sondern auch Beteiligte aus Hochschulen, Forschungsinstituten, Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen sowie der evangelischen Kirche. Angesehene Vertreter der Heimreform und der Sexualpädagogik gehörten diesem Netzwerk an – nicht zuletzt Gerold Becker, Schlüsselfigur des sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim.

Pädokriminelle erhielten Pflegegeld

Kentler, der 2008 verstarb, war in den 1960er und 1970er Jahren Abteilungsleiter am Pädagogischen Zentrum Berlin und anschließend Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover. Kentler glaubte, dass sich pädophile Männer als Pflegeväter besser um ihre Schützlinge kümmern würden als andere Pflegeeltern. Er bezeichnete die Praxis als «wissenschaftliches Experiment». Dass die Männer dafür Sex wollen könnten, war für den seinerzeit weithin anerkannten Psychologen und Sexualforscher kein Hinderungsgrund. Die Pädokriminellen erhielten sogar Pflegegeld. Kentler wurde später nicht strafrechtlich verfolgt, weil seine Taten verjährt waren.

Als zentrale Knotenpunkte für den strukturellen Machtmissbrauch nennt der Bericht neben Berlin auch Göttingen, Hannover, Lüneburg, Tübingen und Heppenheim. Die Akteure hätten entweder sexualisierte Gewalt ausgeübt, aktiv ermöglicht oder wissentlich geduldet. Die Täter, die sexualisierte Gewalt ausübten, waren dem Bericht zufolge fast ausschließlich männlich, die hochrenommierte wissenschaftliche oder pädagogische Positionen innehatten. Einige von ihnen waren am Pädagogischen Seminar Göttingen und im niedersächsischen Landesjugendheim tätig. Göttingen war den Forschern zufolge eine Art «Ursprungsknotenpunkt», an dem die Beteiligten ihre «vermeintlich „reformorientierten Ideen“» entwickelten.

Leid der Betroffenen ist groß

Der Bericht basiert auf der Basis von Gesprächen mit Betroffenen, Zeitzeugeninterviews, Dokumenten und Aktenanalyse. Es ist das zweite Aufarbeitungsprojekt der Universität Hildesheim. Der erste Bericht wurde im Jahr 2020 veröffentlicht. Insgesamt hat das Land Berlin durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie damit drei Projekte zu dem Missbrauchsskandal in Auftrag gegeben.

Insgesamt meldeten sich sechs Betroffene bei dem Wissenschaftsteam. Mit fünf davon wurden Interviews geführt. Zwei von ihnen waren bei der Aufnahme in die Pflegestelle 5 Jahre alt, die drei weiteren zwischen 13 und 15. Die Betroffenen hätten lange nicht gewusst, an wen sie sich wenden könnten, sagte Oppermann. Ihre Erzählungen würden teils noch bis heute, sowohl in familiären als auch in öffentlichen Kreisen, nicht ernst genommen. «Alle Betroffenen schildern ihre massiven Ängste und ihre Verunsicherung, die Gewalterfahrungen öffentlich zu machen und von bestehenden wissenschaftlichen Netzwerken diffamiert, verletzt oder zurückgewiesen zu werden.»

Gewalt wurde bewusst in Kauf genommen

Die Aktenanalyse habe deutlich gezeigt, dass von einer «Institutionalisierung der Gewalt» gesprochen werden kann, sagte Nastassia Laila Böttcher von der Universität Hildesheim. Die Art der Unterbringung der Minderjährigen sei von den Behörden kaum hinterfragt worden. Vielmehr hätten die «Argumente, Angebote bis hin zu Wünschen» der Akteure des Netzwerks als fachliche Begründung ausgereicht. Die Hilfebedarfe der Kinder- und Jugendlichen hingegen seien nicht wahrgenommen worden. Vielmehr seien die jungen Menschen als «Objekte der Heimerziehung instrumentalisiert worden», wobei Gewalt «bewusst in Kauf genommen wurde», sagte die Wissenschaftlerin. Der sexuelle Kindesmissbrauch sei unter der Verantwortung des Landesjugendamtes und der Berliner Senatsverwaltung durchgeführt und institutionalisiert worden.

Wie kann es sein, dass niemand etwas von dem Leid der Kinder und Jugendlichen mitbekam? «Es gab starke Signale, dass etwas in den Pflegestellen nicht stimmte, dem wurde nicht nachgegangen», sagte Julia Schröder aus dem Wissenschaftsteam. Zur Vertuschung wurden Vorfälle von sexualisierter Gewalt in der öffentlichen Verantwortung laut dem Forscherteam als Einzelfälle bezeichnet oder in einen gewissen Zeitgeist gestellt – im Sinne von «das war damals so».

Kein «historischer Schlussstrich» möglich

Berlins Jugendsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) sagte, der Ergebnisbericht mache deutlich, wie wichtig die Aufarbeitung sei, um die Mechanismen zu verstehen, die Missbrauch ermöglicht hätten. «Es gibt uns aber auch für die Zukunft die Möglichkeit, die Kinder- und Jugendhilfe institutionell zu sensibilisieren, kontinuierlich kritisch zu überprüfen und auch weiterzuentwickeln.» Die bekannten Betroffenen hätten zur Entschädigung Geld bekommen, sagte die Senatorin. Sollten sich weitere Betroffene melden, käme auch ihnen eine Entschädigung zu.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machten deutlich, dass die Aufarbeitung nicht zu Ende sei und Betroffene sich weiter bei dem Team melden könnten. «Es gibt keinen historischen Schlussstrich», sagte Schröder.

Missbrauchsbeauftragte fordert verpflichtendes Lehrprogramm im Studium

Als Reaktion auf den Bericht teilte die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, mit, dass einiges getan werden müsse, damit sich solche Taten nicht wiederholten. «Dafür müssen Fachkräfte in der Sozialen Arbeit zum Beispiel gut qualifiziert sein, besonders wenn sie im Kinderschutz eingesetzt werden und es um den Gefährdungsbereich sexueller Gewalt geht.» Schon im Studium müsse verpflichtend vermittelt werden, was sexuelle Gewalt begünstige, wie Täterstrategien funktionierten und welche Signale Kinder aussenden könnten.

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Unfassbar
1 Monat zuvor

Lesenswerter Artikel über Kentler und seine Verstrickungen in der Politik der 1970er und 1980er Jahre:

https://m.faz.net/aktuell/politik/inland/gruene-und-paedophilie-im-schatten-des-liberalismus-13269353.html

Lisa
1 Monat zuvor

Da gab es namhafte Vertreter des „pädagogischen Eros“, bis in die Achtziger hinein. Furchtbar schlimm, wie selbstgerecht und durchaus offen diese Pädokriminellen auftraten. Und viele haben ihnen geglaubt, weil sie Autoritäten waren. Hinter dem ganzen Gerede standen nur Kinderleid und kriminelle Energie. Ein furchtbarer Irrweg. Misstraut allen mit Sendungsbewusstsein!

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  Lisa

Mit Sendungsbewusstsein die da wären Hartmut von Hentig, Gerold Becker, Jürgen Reichen, Hans Brügelmann

unverzagte
1 Monat zuvor

Wie bitte sollen denn „historische Schlussstriche“ generell funktionieren und dann noch in diesem hochsensiblen Kontext ? Geschmacklose Wortwahl.

Geld als „Entschädigung“ mag ja nett gemeint sein, eine lebenslänglich verkrüppelte, abgestorbene Seele lässt sich mit Finanzen garantiert nicht reparieren.

Diesbezüglich verpflichtende Lehrprogramme sollten also besser gestern als morgen im Studium manifestiert sein.

Unklar bleibt, warum Mord nie verjährt, Missbrauch hingegen schon.

Dr. Specht
1 Monat zuvor

Überall dort, wo einzelnen Personen vor dem Hintergrund von Amt und Aura, seinen es Pfarrer (wie in den Kirchen) oder pädagogische Säulenheilige (z. B. Gerold Becker als Schulreformer), besondere Eigenschaften zugesprochen werden, bestehen Regeln, die für alle gleich gelten sollten, nur auf dem Papier.

Besonders schwierig wird es, wenn die jeweilige Szene für sich etwas Herausgehobenes in Anspruch nimmt, sei es einen Gottesbezug (z. B. in Kirchen) oder die Behauptung, es ganz genau zu wissen, wie Erziehung und Bildung „richtig“ geht (z. B. in reformpädagogischen Kreisen).

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  Dr. Specht

dto.

unverzagte
1 Monat zuvor
Antwortet  Dr. Specht

Auch wenn originelle Bemühungen, faschistische Ideologien in „reformpädagogischen Kreisen“ nachzuweisen, in die Hose ging… seien Sie sich bitte zu schade, um in eben diesen nunmehr indirekten Missbrauch anzudeuten. Klingt schlichtweg unwürdig.

AvL
1 Monat zuvor
Antwortet  unverzagte

Bei Gerold Becker liegt Herr Dr. Specht aber
richtig in Bezug auf die Beschuldigungen eines Missbrauch
von Schutzbefohlenen minderjährigen Jungen
sowie der wahrscheinlichen Mitwisserschaft ob
dieser Taten sowie der Nibelungentreue des
Hartmut von Hentig bis zum Tod des Beschuldigten,
dessen beschuldigte Taten bereits verjährt waren, als sie
öffentlich bekannt wurden.
Vorher, in den direkten Folgejahren der angeschuldigten
Tatenvorgänge, waren die Opfer als Jugendliche noch
unter Druck gesetzt worden, nicht auszusagen.
Lange quälende Jahre der Therapie und Aufarbeitung
mussten erst folgen, bis sich diese Opfer mit den sie
quälenden negativen Erfahrungen an die Öffentlichkeit
trauten.
Da waren aber die Taten bereits verjährt.

Dr. Specht
1 Monat zuvor
Antwortet  unverzagte

Es geht in dieser Fachfrage (Missbrauch, siehe Überschrift) und in der anderen (Weltbild von Maria Montessori, geführt von Professoren) um völlig unterschiedliche Sachverhalte. Nur Sie bringen diese zusammen. Es ist doch wissenschaftlicher und „lebenspraktischer“ Konsens, dass leider keine gesellschaftliche Gruppe oder Sphäre von vornherein von kriminellen Machenschaften frei ist

Wie die Kirchen oder der organisierte Sport müssen sich also auch die diversen reformpädagogischen Kreise fragen, welche ihrer Strukturen schlimme Taten befördert haben könnten. Alles andere wäre unredlich. Die bisherigen gesicherten Fakten, seien sie strafrechtlich oder für die historische Erziehungswissenschaft relevant, sprechen eine beredete Sprache.

Es zeugt doch von einer offenen Gesellschaft, wenn in einem Fachmagazin wie news4teachers Debatten entstehen, die über einzelne Blasen hinausgehen.

Alx
1 Monat zuvor
Monika, BY
1 Monat zuvor

Man sollte jederzeit wissen, wo sich seine Kinder befinden und mit wem. Viele schimpfen gegen Helikopter-Eltern – nur zu, aber besser das, als die Folgen für das ganze Leben. Die Kinder sind Kinder, mit 16 immer noch die Kinder- rechthaberisch aber doch unsicher und nicht ganz reif und dem Leben (und Haien) gewachsen. Die Eltern sollen immer wachsam sein und ihr nachwuchs beobachten.