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KonfBD24: Wie Künstliche Intelligenz die Schule verändern wird (und womöglich sogar gerechter macht)

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BERLIN. Wie sieht die Zukunft der Bildung aus? Vielleicht doch nicht so düster, wie die deprimierenden Ergebnisse der jüngsten Schülerleistungsstudien vermuten lassen. Die Konferenz Bildung Digitalisierung (KonfBD24), die Leitveranstaltung fürs digitale Lernen in Deutschland (die nun in Berlin stattfand), zeigte zumindest Chancen auf – unter anderem die, dass benachteiligte Kinder und Jugendliche künftig womöglich besser in der Schule gefördert werden können. Trotz Lehrkräftemangels. Dank Künstlicher Intelligenz (KI).

Mein Lehrer, der Roboter? Illustration: Shutterstock

Dass die Sache mit der Bildungsgerechtigkeit gar nicht so leicht zu realisieren ist, machte Hans Anand Pant im Silent Green, dem zum Kulturzentrum umgebauten ehemaligen Krematorium Wedding, recht schnell klar. Der Professor für erziehungswissenschaftliche Methodenlehre von der Berliner Humboldt-Universität zeigte auf, wie ungerecht es tagtäglich im schulischen Alltag zugeht – schon bei der Benotung.

„Noten sind halt ungerecht, aber was willste machen“, das bekomme er immer wieder von Lehrkräften zu hören. Pant sprach böse lächelnd von „melancholischer Resignation“. Dabei handele es sich bei Zensuren immerhin um ein zentrales Instrument des Bildungssystems. Es gebe für Noten drei mögliche Bezugsnormen: eine individuelle (hat sich der Schüler verbessert?), eine soziale (wo steht er im Verhältnis zum Rest der Klasse?) und eine sachliche (erfüllt er fixierte Kriterien?). „Was ist die häufigste, die Lehrer verwenden? Genau: die soziale. Sie schauen, was im unmittelbaren Lernumfeld geschieht.“ Dumm nur: Diese Bezugsnorm sähen die Schulgesetze gar nicht vor.

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“Wir tun so, als wäre das gerecht”: Prof. Hans Anand Pant (mit Nina Smidt, Vorständin der Siemens-Stiftung). Foto: News4teachers

Pant legte eine Grafik vor, die aufzeigte, wie nach VERA-Daten Schulnoten und tatsächliche Kompetenzen zusammenhängen. Bemerkenswert lose, wie der Wissenschaftler erklärte. So fand man unter den Achtklässlerinnen und Achtklässlern, die im Fach Mathematik eine Halbjahresnote drei bekommen hatten, Schülerinnen und Schüler aller fünf Niveaustufen. „Noten sind schwerwiegend unreliabel“, befand Pant. „Quatsch – könnte man auch sagen.“

Trotzdem würden in der Gesellschaft Zukunftschancen nach Noten verteilt. Es gehe dabei also eigentlich um Selektion und Allokation, nicht aber um Diagnose und Förderung. „Wir tun in unserem notengesteuerten Bildungssystem so, als wäre das gerecht.“ Das sei es aber eben nicht – Noten lieferten lediglich die Legitimation für Ungleichheiten, die sich anders womöglich gar nicht begründen ließen.

„Bei der sozialen und emotionalen Intelligenz ist die KI noch nicht so weit“

Und wie sieht das dann künftig in einem stark digitalisierten Bildungssystem aus? In einem Vortrag am zweiten Tag des Kongresses stellte der Erziehungswissenschaftler Thorben Jansen vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik eine Studie vor, die untersucht hatte, ob sich mit automatisierten Beurteilungen mittels KI schriftliche Leistungen fair – fairer? – beurteilen ließen. Für die Arbeit waren 1.800 Aufsätze konventionell und digital begutachtet worden. Ergebnis: „Ja, automatisierte Beurteilungen können die Fairness der menschlichen Urteile erreichen.“ Mehr aber auch (noch) nicht, weil es am Ende dann doch auf menschengemachte Kriterien ankommt, die für die Studie eigens mit einem großen Datensatz – und großem Aufwand – entwickelt werden mussten.

Das kann sich aber recht schnell ändern, wenn die Entwicklung weiter so rasant voranschreitet, wie Prof. Sebastian Becker-Genschow, Physik-Didaktiker an der Universität Köln, in einer offenen „Meet-up“-Runde erklärte. Seine Vision: „KI-Lernagenten, die von Lehrkräften konfiguriert werden“ – also eine Art digitaler Avatar, der nicht als fertiges Programm sein Pensum abspult, sondern individuell und nach Maßgabe der Lehrkraft (was dank KI ohne Kenntnisse von Programmiersprache möglich sei) deren Kapazitäten vervielfacht.

Auf der Konferenz Bildung Digitalisierung stand das Thema Chancengerechtigkeit im Fokus. Foto: News4teachers

Das Postulat der individuellen Förderung habe er für den konventionellen Unterricht – bei 30 Kindern in 45 Minuten – noch nie verstanden, erklärte Becker-Genschow. „Mit dem KI-Lernagenten könnte das aber funktionieren.“ Damit nämlich gebe es die Möglichkeit, den Lernfortschritt der einzelnen Schülerinnen und Schüler zu überwachen und allen ein direktes Feedback zu geben.

Die Lehrkraft im Klassenzimmer bleibe für die Beziehungsebene aber wichtig; die könne eine KI nicht bedienen – jedenfalls heute nicht. „Bei der sozialen und emotionalen Intelligenz ist die KI noch nicht so weit“, sagte Becker-Genschow. Das klang allerdings wie: Wird vielleicht auch kommen. Bedeutet das denn alles in allem, dass schulische Beurteilungen und Benotungen künftig objektiver erfolgen, wollte eine Mitdiskutantin wissen – also gerechter werden? Dass die KI zukünftig selbstständig Klassenarbeiten begutachten und benoten wird, schloss der frühere Mathematik- und Physiklehrer dann doch aus. Allerdings nicht, weil es dafür keine technischen Lösungen gebe (die seien absehbar). Sondern: „Das ist rechtlich nicht haltbar.“ Eine Maschine dürfe nun mal keine rechtsverbindlichen Entscheidungen treffen, erklärte Becker-Genschow.

Zurück zur heutigen Schulpraxis. Inwieweit kommt KI schon in der Fläche zum Einsatz? „Wir benutzen es, wissen aber nicht, was dahintersteckt“, sagte Romance Bassingha, Abiturientin (und Schülersprecherin) aus Bochum. Eine Lehrerin zum Beispiel setze KI regelmäßig im Englisch-Unterricht ein. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich beim Schreiben von Texten zunächst mal ein maschinelles Feedback holen, um die Qualität zu verbessern. Darüber hinaus sei sie selbst mitunter schon mal der Versuchung erlegen, Hausaufgaben von ChatGPT schreiben zu lassen, räumte die Abiturientin keck ein („Schlaf ist wichtig“) – was nicht auffalle, weil die Ergebnisse ohnehin keine Lehrkraft anschaue.

Jetzt, in den Abiturprüfungen, sei die Angst der Schule vor Pfuschversuchen groß. Sämtliche Rucksäcke und Taschen seien in den Klausurräumen verboten worden. „Ich werdet es aber nicht schaffen. Wir sind stärker“, rief die Schülersprecherin spöttelnd.

Die dahinterliegende Wahrheit: In einem Wettrüsten zwischen technischen Innovationen und schulischen Sicherheitsmaßnahmen dürfte die Schule wohl tatsächlich kaum eine Chance haben – bei dem beschaulichen Tempo, mit dem die Digitalität in der Bildung Einzug hält. Bezeichnend der Wunsch von Romance Bassingha: „Es wäre schön, wenn alle Schulen überhaupt mal mit Internet ausgestattet würden. Als ich in der fünften Klasse auf die Schule kam, hieß es – ihr bekommt bald Glasfaser. Jetzt bin ich in der 13. Letztes Jahr ist es angekommen.“

Wie verbreitet dagegen KI mittlerweile unter Schülerinnen und Schülern ist, machte Prof. Thomas Süße von der Hochschule Bielefeld deutlich, der kürzlich eine Studie zum Thema vorgelegt hat. So hatten noch 2022 bei einer Umfrage lediglich 20 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler erklärt, ChatGPT zu nutzen – mittlerweile seien es 85 Prozent.

Dabei sei das, was die Kinder und Jugendlichen damit anstellten, sehr unterschiedlich: Diejenigen, die „Spaß am Denken“ hätten, gingen deutlich reflektierter mit dem Instrument um als die, „die keine Affinität zum Lernen haben“. Letztere nutzten KI vor allem zum Erledigen von Aufgaben auf Knopfdruck. Gute Schülerinnen und Schüler hingegen würden mithilfe von Chat GPT und Co sich für Recherchen anregen lassen, Inhalte erkunden und eigene Beiträge verbessern. Sein (durchaus erwartbares) Ergebnis: „Ein kritischer Umgang mit digitalen Tools und Informationen sowie allgemeine Freude am Denken findet sich stärker in akademisierten Familien. Beides deutet auf eine zielgerichtetere Nutzung von generativer KI hin.“

„Wenn wir nichts tun, passiert das typische: Digitale Technologien sind Verstärker von Ungleichheiten“

Damit konnte sich Ralph Müller-Eiselt, als Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung – einem Zusammenschluss von zehn in der Bildung engagierten Stiftungen – Gastgeber des Kongresses, bestätigt fühlen. Er hatte zum Auftakt vor den rund 700 Teilnehmenden und insgesamt 150 Vortragenden (darunter Vertreterinnen und Vertreter von Schulpraxis, Schulverwaltung, Politik, Stiftungen und Wissenschaft) mit Blick auf das Leitthema Chancengerechtigkeit erklärt: „Wenn wir nichts tun, passiert das typische: Digitale Technologien sind Verstärker von Ungleichheiten. Sie können aber auch Teil der Lösung sein.“

Diskussion mit Prof. Süße (stehend), der unlängst eine Studie zum Thema KI-Nutzung von Schülerinnen und Schülern vorgelegt hat. Foto: News4teachers

Wie das „Teil-der-Lösung-sein“ in der Praxis aussehen kann, wird derzeit (auch) in Bayern erkundet. Genauer: im dortigen Schulversuch „KI@school“. Projektleiterin Carina Geier berichtete von den insgesamt 19 Modellschulen aller Formen und Stufen im Freistaat, in denen unterschiedliche Formate für personalisiertes Lernen zum Einsatz kommen – vom Handschreibtraining mittels eines digitalen Stifts, bei dem vom Schreibtempo bis hin zum Schreibdruck alle Qualitätsmerkmale guter Handschrift erfasst (und dann auch gefördert) werden können, über ein Lautlesetraining, bei dem ein KI-Programm systematisch Schwächen und Fehler heraushört, bis hin zu individualisierten Textkompetenz-Trainings für ältere Jahrgänge.

„Die KI macht sichtbar, was vorher so genau nicht sichtbar war“, und sie gebe stetig Rückmeldungen an Schülerinnen und Schüler, was eine einzelne Lehrkraft im Klassenraum nun mal nicht könne, erläuterte Geier. Die KI helfe auch bei der Unterrichtsvorbereitung, etwa beim automatisierten Erstellen von binnendifferenzierten, mehrsprachigen E-Learning-Einheiten oder beim Entwickeln niveaugestufter Aufgaben.

Wie dringend insbesondere benachteiligte Kinder in Deutschland solcher Förderung bedürfen, hatte die Star-Soziologin Prof. Jutta Allmendinger zuvor deutlich gemacht. In Deutschland gebe es nach wie vor eine „Kultur der Halbtagsbeschulung“ – Lehrkräfte gingen davon aus, dass Kinder am Nachmittag „irgendwie“ fördernd begleitet würden (und sei es bei den Hausaufgaben). Tatsächlich aber könne eine wachsende Zahl von Familien das nicht leisten. Die Folge: immer mehr abgehängte Schülerinnen und Schüler. Und das, obwohl die soziale Spreizung in der Bildung schon vor Jahrzehnten hierzulande groß gewesen sei. Allmendinger: „Das ist gesamtgesellschaftlich ein riesiges Problem. Es geht um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“

Der Kongress zeigte – immerhin – Perspektiven auf. Andrej Priboschek, Agentur für Bildungsjournalismus

Auftakt zur KonfBD24: SPD-Chefin Esken beteuert, dass der Digitalpakt kommen wird

 

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