„Viele Puzzleteile fehlen“: Warum eine Realschulleiterin die Lernserver-Diagnose und Rechtschreibförderung einsetzt

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MÜNCHEN/WETTRINGEN. Probleme mit der Rechtschreibung ziehen sich inzwischen durch alle Alters- und Klassenstufen. Während über die Ursachen gestritten und Lösungsansätze gesucht werden, gibt es bereits Unterstützungsangebote, die an zahlreichen Schulen erfolgreich genutzt werden, um Basiskompetenzen zu fördern. So zum Beispiel das Diagnose- und Förderangebot des auf der Münsteraner Rechtschreibanalyse basierenden Lernserver-Programms – teils länderdeckend wie in Bremen, teils in Eigeninitiative von Schulen und Schulträgern bundesweit im Einsatz. An der Realschule Wettringen im Nordwesten NRWs gehört der Lernserver inzwischen fest zum Schulkonzept. Ein Interview mit Schulleiterin Melanie Gerke.

Immer weniger Kinder und Jugendliche haben ein ausreichendes Textverständnis. Die Ursachen sind komplex, die Folgen weitreichend. „Im Bereich der Rechtschreibung ist deshalb ein Tool wie der Lernserver so wichtig. Es ist das fundierteste Diagnosemittel für mich. Ich habe jedenfalls noch kein anderes gefunden“, sagt Schulleiterin Melanie Gerke. Foto: Shutterstock

Frau Gerke, Sie sind Schulleiterin der 2021 gegründeten Realschule Wettringen und arbeiten aktiv mit den Lernserver-Fördermaterialien. Wie ist es dazu gekommen?

Melanie Gerke: Ich kannte den Lernserver als Diagnose-Tool unter anderem schon aus meiner letzten Schule, an der ich 11 Jahre lang gearbeitet habe. Als ich dann die Möglichkeit bekam, selber hier in Wettringen diese Schule aufzubauen, habe ich direkt den Lernserver mit hereingeholt – mit dem großen Vorteil, dass Diagnose und Fördermaterialien digital angewendet werden können. Allein die Zeitersparnis dadurch macht den Einsatz sinnvoll.

Schulleitungen und Schulen kümmern sich mittlerweile um vielfältige Aufgaben. Wir sollen uns inzwischen auch um Bereiche kümmern, in denen wir gar nicht ausgebildet sind wie zum Beispiel um sozialpädagogische Belange. Da passiert eine Verwechslung und Verschiebung von Zuständigkeiten. Ein Beispiel dafür ist der Bereich der Rechtschreibförderung. Kolleginnen und Kollegen der Fachschaft Deutsch unterrichten zwar „ihr Fach“ Deutsch, wenn es dann um Diagnose und Erstellen von individuellen Fördermaterialien geht oder sogar um psychische Lernblockaden, dann ist das nicht mehr ihr ausgebildetes Fachgebiet. Da brauchen wir dann einfach weiterführende Hilfe. Und das fängt der Lernserver für uns zum Teil schon auf mit dem Bereich Diagnostik.

Wie funktioniert die Diagnose?

Die Fehler, die das Kind bei der ersten Testung handschriftlich auf das Papier gebracht oder aber schon digital über das iPad eingetragen hat, brauchen wir als Lehrkraft nur noch in das Lernserver-System zu übertragen und schon wird eine zuverlässige Diagnose erstellt.

Der Vorteil, wenn die Kinder das handschriftlich machen, ist, dass man anhand der Orthografie schon häufig erkennen kann, welche Probleme vorliegen – zum Beispiel, dass das Kind durch mangelnde Hand-Auge-Koordination gar nicht in der Lage ist, Buchstaben richtig zu schreiben oder gerade in eine Linie zu bringen.

„Das ist eine enorme Entlastung. Und die brauchen wir in Schule, weil die Probleme sehr vielfältig sind.“

Es gäbe aber auch die Möglichkeit einer Online-Testeingabe, bei der vom Lehrer die Fehler nicht mehr gesondert eingegeben werden müssen. In wenigen Sekunden sind dann eben alle Fehlerschwerpunkte zu sehen. Der Lernserver gibt uns eine komplette Diagnose inklusive individuellen Förderschwerpunkten. Das ist eine enorme Entlastung. Und die brauchen wir in Schule, weil die Probleme sehr vielfältig sind.uf

Auch das Ampelsystem des Lernservers, anhand dessen wir die Kinder in Gruppen mit unterschiedlichen Förderbedarfen unterteilen können, ist sehr hilfreich. Das grüne Licht steht für kleine Fehler, die mit ein wenig Übung zu beheben sind. Kinder, die eine Diagnose im orangenen Bereich bekommen, benötigen regelmäßige Übung und Förderung. Der rote Bereich ist der, der uns als Schule wirklich überfordert. Wo man wirklich sagen muss, dass eine Einzeltherapie oder eine Förderung in Kleinstgruppen, nicht in Kleingruppen, empfohlen wird.

Sind das Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder auch DaZ-Kinder?  

Melanie Gerke: Die DaZ-Kinder meine ich noch nicht einmal damit. Das ist wieder eine andere Sache. Ich meine Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist, die in Deutschland aufgewachsen, geboren sind, deutsche Wurzeln haben. Es gibt einige Kinder, die riesige Probleme haben. Vor 15 Jahren hatte ich nur etwa zehn Kinder in meiner Förderung. Kein einziges Kind hatte eine rote Ampel bei der Testung. Inzwischen, ohne jetzt die DaZ- und DaF-Kinder mit hineinzunehmen, benötigen in manchen Klassen 27 von 30 Kindern eine Förderung – davon etwa ein Drittel im roten Bereich und zwei Drittel im orangenen Bereich. Dieser Anteil hat sich nach Corona nochmal erhöht.

Das Schlimme ist: Die Therapiezentren sind überbelegt. Auch die Kinderärztin hier aus Wettringen bestätigt mir, dass dringend zeitnah ein Lösungsansatz notwendig ist. Vielen Kindern fehlen die Basiskompetenzen. Für den Unterricht bedeutet das: Sie haben durch die fehlende Lese-Rechtschreib-Stärke keinen Zugang mehr zu Texten. Sie verstehen sie nicht mehr – ob das ein Märchen ist oder eine Vorgangsbeschreibung, literarische Texte oder Sachtexte. Und das weitet sich dann auf jedes einzelne Fach aus. Von der Textaufgabe in Mathe bis hin zu Texten in Erdkunde oder Geschichte. Das ist ein wirklich gravierender Teufelskreis, der, wie ich finde, immer noch total unterschätzt wird.

Im Bereich der Rechtschreibung ist deshalb ein Tool wie der Lernserver so wichtig. Es ist das fundierteste Diagnosemittel für mich. Ich habe jedenfalls noch kein anderes gefunden. Und es bietet mir eine ganz weitreichende Möglichkeit, innerhalb der Fehlerschwerpunkte zu arbeiten und zu fördern.

Wie setzen Sie die Förderung an Ihrer Schule um?

Zunächst einmal erstellt das Lernserver-System individuelle Fördermappen für die Kinder, die genau die sprachlichen Bereiche und Fehlerpunkte abdecken, die bei der Testung festgestellt wurden. Wir haben die Eltern anschließend mit ins Boot geholt. Denn das Tolle an den Lernserver-Materialien ist, dass auch Laien damit fördern können. Zu jedem Thema gibt es direkt in den Fördermappen didaktische Hinweise. Für die Kinder im orangenen Bereich haben tatsächlich über 20 Eltern freiwillig zusätzlich eine Mentorenausbildung beim Lernserver-Institut in den Räumen unserer Schule gemacht! Deshalb haben wir jetzt die Möglichkeit, für alle eine Förderstunde in Kleinstgruppen anzubieten, die nach Fehlerschwerpunkten aufgeschlüsselt sind. Eine Deutschlehrerin unterstützt und koordiniert diese Förderung.

„Ich wünsche mir, dass wir Menschen mit dieser Expertise in multiprofessionellen Teams an Schulen verankern und dass dies finanziell unterstützt wird.“

Wir haben außerdem das Glück, dass wir es geschafft haben, eine Lerntherapeutin zu engagieren und die Einzeltherapiestunden für die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf in den Vormittagsbereich zu integrieren. Sie nutzt als Arbeitsgrundlage ebenfalls die individuell zusammengestellte Fördermappe des Kindes und arbeitet – professionell und entsprechend ihrer Fachrichtung gerecht – mit den Kindern an deren Lernblockaden etc. Sie ist wie gesagt ausgebildet für diesen Bereich, wir Lehrerinnen und Lehrer sind es nicht! Ich wünsche mir, dass wir Menschen mit dieser Expertise in multiprofessionellen Teams an Schulen verankern und dass dies finanziell unterstützt wird.

Melanie Gerke leitet die 2021 gegründete Realschule Wettringen, NRW. Den Lernserver setzt sie bereits seit 15 Jahren ein. Foto: privat.

Können Sie sich erklären, warum sich der Förderbedarf so drastisch erhöht hat? Sie sprachen vorhin davon, dass es vor 15 Jahren noch anders aussah. 

Melanie Gerke: Ich beschäftige mich mit dieser Frage seit Monaten. Es liegt meiner Meinung nach an vielen Details. Zum einen beobachte ich, dass Kinder heute ganz anders belastet sind. Die Welt ist so schnelllebig geworden. Häufig ist auch in den Familien diese Schnelllebigkeit zu spüren. Beide Elternteile müssen heutzutage oftmals arbeiten gehen. Dadurch kommt die Forderung zustande, dass die Kinder in den Schulen aufgehoben und gefördert werden sollten. Der Meinung bin ich nicht. Es ist eine partnerschaftliche Aufgabe zwischen Elternhaus und Schule. Die Zeit zu Hause, in denen Eltern sich dem Kind widmen, halte ich für sehr wichtig. Dann bin ich eine absolute Gegnerin des Sommer-Stumpenhorst-Ansatzes, auch „Schreiben nach Gehör“ genannt, der vor nicht allzu langer Zeit in der Grundschulzeit umgesetzt wurde. Die Digitalisierung ist sicherlich auch ein Grund und auch eine abnehmende Verbundenheit zur Natur. Kinder, die draußen spielen, Auge in Auge miteinander kommunizieren statt über Sprachnachricht, WhatsApp oder Snapchat – das ist eine Seltenheit geworden. Gerade das Spielen ist ganz, ganz wichtig für die sprachliche Bildung. Dazu gehört auch das begreifende Lernen in der Natur. Mit Stöcken etwas zu bauen beispielsweise, schult die Auge-Hand-Koordination. Und die ist wichtig für meine Orthografie. Ich denke, es sind viele Puzzleteile, die fehlen oder nicht mehr passen, um Texte verstehen zu können.

„Wir schließen aber trotzdem an etwas an, was früher noch vorhanden war, vor der Digitalisierung, vor Corona und so weiter. Da fehlt ein wichtiges Stück.“

Könnte man zusammenfassend sagen, dass uns unser kulturelles Leben in unserer Entwicklung überholt hat und das, was wir uns eigentlich als System aufgebaut haben mit unseren Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben, aus den Fugen geraten ist? 

Melanie Gerke: Ja, das trifft es gut. Gerade wir an der weiterführenden Schule spüren das massiv. Deshalb sind unsere Kernlehrpläne auch nicht mehr zeitgemäß. Die Basiskompetenzen fehlen bei vielen Kindern und Jugendlichen. Wir schließen aber trotzdem an etwas an, was früher noch vorhanden war, vor der Digitalisierung, vor Corona und so weiter. Da fehlt ein wichtiges Stück. In der Folge sind die Kinder völlig überfordert. Ihnen fehlt das Handwerkszeug für das, was von ihnen verlangt wird. Sie befinden sich in einer Art luftleerem Raum, der gerade immer größer wird. Und wir Lehrerinnen und Lehrer werden immer verzweifelter, weil die Kinder den Stoff nicht verstehen.

Dazu kommt natürlich noch, dass auch die digitale Bildung sich in der Schule noch ihren Platz suchen muss. Da sind die Schulen unterschiedlich weit. Die Realschule Wettringen gilt dabei als Best Practice Beispiel. Wird bei Ihnen viel digital gearbeitet? Und ist das nicht ein Widerspruch zu Ihrer Forderung nach mehr Naturverbundenheit?

Melanie Gerke: Das Digitale ist ein Mittel zum Zweck. Meiner Meinung nach wird das viel zu hoch gehängt. Die Digitalisierung sollte Transformation, also einen Veränderungsprozess, in Gang setzen und nur dort eingesetzt werden, wo es Sinn macht. Dabei ist es ganz, ganz wichtig, dass die Anbindung an die Natur und das eigene Begreifen nicht verloren gehen – indem ich selber tue, indem ich selber Dinge entwickle, auch außerschulisch, zum Beispiel in heimischen Wirtschaftsunternehmen, selber mal etwas baue, bastele, entwerfe. Das ist als Ausgleich zum digitalen Arbeiten superwichtig. Digitalisierung ist nicht alles. Digitalisierung muss effektiv sein und Lerninhalte transformieren, um unterschiedlichen Lerntypen gerecht zu werden. Und richtig eingesetzt kann sie eine unglaubliche Zeitersparnis bewirken. Ein Beispiel dafür ist das Lernserver-Angebot.

In Kürze erklärt:
 

So funktioniert der Lernserver

Im Wesentlichen besteht die Lernserver-Förderdiagnose aus zwei Schritten: Auf eine einfach durchzuführende Testung folgen eine ausführliche Fehleranalyse und die Ermittlung des Förderbedarfs. Daraus erstellt das System, begleitet und überwacht von Sprachwissenschaftlern und Lerntherapeuten, individuelle Förderpläne mit konkreten Materialien; diese können dann von Lehr- und Förderkräften an der Schule, aber auch in der Nachhilfe oder zuhause gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen umgesetzt werden.

Weitere Infos unter www.lernserver.de.

Dies ist eine Pressemeldung des Lernserver-Instituts, Verlag für Bildungsmedien GmbH.

„Gute Resultate in der Rechtschreibförderung erzielt“: Bremen arbeitet mit dem Lernserver-Tool für Schulen

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Mein_Senf
1 Monat zuvor

Ich durfte einmal im Referendariat mit dem Lernserver arbeiten und empfand ihn ebenfalls als sehr hilfreich und gut. Leider gibt es aber auch hohe Kosten, die ich nicht einsehe, privat zu übernehmen – die Schule zahlt nicht. Hier könnte der Bund/das Land ansetzen: sinnvolle Lernsoftware für Schule kostenfrei anschaffen.