„Hass-Nachrichten bis hin zu Morddrohungen“: Wie ein Schulleiter in den Fokus von Rechtsextremen geriet

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DRESDEN. Ein Schulleiter demonstriert – wie Anfang des Jahres Millionen von Menschen in Deutschland – gegen Rechtsextremismus. Er tut das in seiner Heimatstadt, einer sächsischen Kleinstadt. Das, was dann passiert, macht anschaulich, wie sehr Menschen (insbesondere Lehrkräfte), die sich für die rechtsstaatliche Demokratie engagieren, durch Hass und Hetze unter Druck geraten können. Volker Hegewald, so heißt der betroffene Pädagoge, will sich aber nicht einschüchtern lassen. News4teachers-Redakteurin Laura Millmann sprach mit ihm.

Im Fadenkreuz: Lehrkräfte und Schulleitungen, die sich positionieren, werden immer wieder von Rechtsextremen bedroht. Illustration: Shutterstock
Das ist passiert

Begonnen hat für Volker Hegewald, Schulleiter des Glückauf-Gymnasiums in Dippoldiswalde, alles mit einer Demonstration „Für Vielfalt und Menschlichkeit“ am 17. März in seiner Heimatstadt. „Es war eine Demonstration, wie sie seit den Recherchen von Correctiv über das Geheimtreffen von Rechtsextremen und AfD-Politikern in vielen Städten Deutschlands stattgefunden haben. Und es war die zweite Demo dieser Art, die ich besucht habe“, berichtet der Schulleiter, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern vor Ort war. Es sei eine sehr entspannte und familienfreundliche Veranstaltung gewesen, mit rund 400 Teilnehmer:innen, die ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus in der Gesellschaft hätten setzen wollen.

„Ich habe in kürzester Zeit, in der darauffolgenden Woche, circa 100 bis 150 Solidaritätsbekundungen bekommen“: Schulleiter Volker Hegewald. Foto: privat

„Es war eine sehr integrative Veranstaltung, die sich eben vor allem für Vielfalt und Menschlichkeit ausgesprochen hat – und das partei- und bündnisübergreifend. Anschließend gab es einen Rundgang durch die Stadt“, berichtet Volker Hegewald. Problematisch sei es erst geworden, als der Demonstrationszug an einer Gruppe von Personen vorbeilief, unter denen sich offensichtlich auch „Freie Sachsen“ befunden hätten – eine Gruppierung, die vom Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen bereits 2021 als Partei mit rechtsextremistischen Bestrebungen eingestuft wurde. „Die Situation verlief hier wirklich ziemlich ungünstig“, erinnert sich Hegewald, „denn genau an dieser Stelle erschallte das Lied der Band ‚Kavka‘ mit dem Titel ‚Querdenker klatschen‘. Schon in dem Moment habe ich gedacht: Das ist nicht gut für eine Demonstration, die eigentlich friedlich verlaufen soll, wenn man Musik spielt, die durchaus zur Eskalation beitragen kann.“

Genauso kam es dann: Das Lied hat im Nachhinein für eine Eskalation gesorgt – zumindest für Volker Hegewald. Ein Vertreter der sogenannten „Freien Sachsen“ hat ihn offensichtlich unter den Demonstranten erkannt und Fotos gemacht. Über Umwege verbreitete sich eine Falschnachricht über den Telegram-Kanal eines bekannten Rechtsextremen sowie verschiedene Social-Media-Kanäle in ganz Deutschland: Der Schulleiter aus Dippoldiswalde habe an einer Antifa-Demo teilgenommen, er indoktriniere seine Schüler und habe sie genötigt, ebenfalls an der Demonstration teilzunehmen. Und so geriet Volker Hegewald für kurze Zeit in den Fokus rechtsextremer Gruppen.

News4teachers: Sie haben Ende März friedlich demonstriert und hatten später am Abend Drohmails von Rechtsextremen in Ihrem dienstlichen Mailfach. Wie haben Sie diese Situation erlebt?

Volker Hegewald: Verschiedene Bekannte hatten mich sozusagen vorgewarnt. Sie hatten mir Screenshots von den Bildern und Falschnachrichten geschickt, die wohl erst bei Telegram die Runde machten und später auch bei X, also ehemals Twitter, veröffentlicht wurden. Dort wurde behauptet, ich hätte an einer Antifa-Demo teilgenommen. Was absolut falsch ist. Es war eine friedliche Demonstration unter dem Titel ‚für Vielfalt und Menschlichkeit‘. Es war eine entspannte Stimmung und es gab einige Redner, die sich sehr integrativ, parteiübergreifend für mehr Vielfalt ausgesprochen haben.

Der Tenor in den sozialen Medien war jedoch: Ein Schulleiter, der an einer Antifa-Demo teilnimmt, ist nicht tragbar. Dazu kam die Unterstellung, ich hätte meine Schülerinnen und Schüler indoktriniert und sie genötigt, zu dieser Demonstration zu gehen und so weiter. Da war ich natürlich schockiert, dass man mich als Person, sowohl in Form eines Fotos als auch in Form eines falschen Textes, anprangert. Und das hat dann in gewissen Kreisen wirklich bundesweit die Runde gemacht. Daraufhin habe ich dann einige Hass- und Bedrohungsmails bekommen. Das hat mich natürlich getroffen.

News4teachers: Was stand in diesen Mails?

Hegewald: Es waren klassische Hass-Nachrichten bis hin zu mehr oder weniger deutlichen Morddrohungen. In einer Mail hieß es: ‚Wenn sich im Herbst der Wind dreht, dann sind Sie einer der ersten…‘ Mit Herbst ist der Zeitpunkt der Wahlen in Sachsen gemeint. Dieser Satz war schon heftig.

News4teachers: Wie haben Sie reagiert, nachdem Sie die Hassnachrichten bekommen hatten?

Hegewald: Da ich als Schulleiter Beamter im Freistaat Sachsen bin, also der Freistaat Sachsen mein Dienstherr ist, habe ich diesen Sachverhalt als besonderes Vorkommnis gemeldet. Denn das Ganze war ja immer auch verknüpft mit meiner dienstlichen Tätigkeit als Schulleiter. Auch die Mails wurden an meine dienstliche Mailadresse geschickt. In einer Mail stand sogar wortwörtlich: ‚Man kann ja nicht tagsüber seinen Dienst in der Schule machen und dann die wilde Sau rauslassen.‘ Da erkennt man auch, auf welchem Niveau sich das Ganze abgespielt hat. Auf jeden Fall habe ich es als besonderes Vorkommnis gemeldet und habe beschrieben, dass ich an einer genehmigten Demonstration teilgenommen habe – was ja mein Grundrecht ist – und was im Anschluss passiert ist. Das war das eine. Das zweite ist, dass ich eine Meldung an den sächsischen Datenschutzbeauftragten gemacht habe.

News4teachers: Warum das?

Hegewald: Weil ich mich in meinen Persönlichkeitsrechten verletzte gefühlt habe, indem eben ein Foto von mir auf einem Messenger beziehungsweise in sozialen Medien gepostet wurde. Natürlich ist man als Schulleiter in so einer kleinen Stadt in gewisser Weise eine öffentliche Person und wird eben manchmal auch fotografiert. Aber dieser falsche Text dazu… Das habe ich an den sächsischen Datenschutzbeauftragten gemeldet. Und einen Tag später habe ich bei der Polizei Strafanzeige erstattet: Gegen das Team des Rechtsextremen, das die Falschnachrichten verbreitet hat, und gegen die Verantwortlichen, die das Lied ‚Querdenker klatschen‘ gespielt haben.

News4teachers: Sie sagten, dieses Lied ‚Querdenker klatschen‘, das während der Demonstration gespielt wurde, hätte auch eine Rolle bei der Eskalation gespielt. Glauben Sie, es wäre anders verlaufen, wenn es nicht gespielt worden wäre?

Hegewald: Ja, das denke ich. Die Gruppe, die dieses Lied gespielt hat, hat die Bedingungen oder die Vereinbarungen dieser Demonstration im Grunde verletzt. Auch die Organisatoren der Demo haben im Nachgang gesagt, das hätte nicht passieren dürfen.

News4teachers: Hat Ihre Anzeige etwas bewirkt?

Hegewald: In Bezug zum Lied? Nein. Im Nachgang habe ich festgestellt, dass das Lied auf keinem Index steht. Das darf man also spielen, weil es kein verbotenes Lied ist. Wenn man den Text, also nicht bloß diese eine Zeile ‚Querdenker klatschen‘ liest, kann man auch sagen, das ist zum Teil Satire oder Ironie. Trotzdem ist es in diesem Fall, in diesem Setting sehr ungünstig gewesen. Es hat zur Eskalation beigetragen und letztendlich auch zu der Tatsache, dass es überhaupt zu so einem Hype da um mich und meine Teilnahme an der Demo gekommen ist. Wenn es nicht gespielt worden wäre, hätte wahrscheinlich kein Hahn danach gekräht.

News4teachers: Mich würde interessieren, wie die Kommunikation mit Ihrem Kollegium verlief. Haben Sie sich zusammengesetzt und eine Art Strategie erarbeitet? Oder haben Sie die Sache sozusagen erst mal mit sich selbst ausgemacht?

Hegewald: Erstmal habe ich es mit mir selbst ausgemacht. Ich habe überlegt, was machst du jetzt, möglichst schnell? Und ich habe entschieden, zur regionalen Presse zu gehen, mit der ich sehr gut kooperiere. Das ist vor allem die Sächsische Zeitung, der Mitteldeutsche Rundfunk und ‚Sachsen Fernsehen‘. Das sind drei Medien, von denen ich sage, die informieren seriös. Und das haben sie tatsächlich auch gemacht – vollumfänglich, sehr sachlich, nicht bewertend, sondern informativ recherchiert und kommuniziert. Das war auch für die innerschulische Kommunikation hilfreich.

Was ich natürlich auch gemacht habe, ich habe meinen Kolleginnen und Kollegen eine E-Mail geschrieben und sie über den Sachverhalt in Kenntnis gesetzt. Ich wollte, dass sich niemand wundert, wenn er jetzt aus irgendeiner Ecke irgendein Gerücht erfährt. Also diese Sachinformation, die habe ich ganz bewusst auf den Weg gebracht. Und das hat letztendlich auch gefruchtet und mir geholfen.

News4teachers: Inwieweit hat Ihnen das auch geholfen?

Hegewald: Ich habe in kürzester Zeit, in der darauffolgenden Woche, circa 100 bis 150 Solidaritätsbekundungen bekommen, so würde ich es mal nennen. Von Kolleginnen und Kollegen, von meinem Schulelternrat, der sich auch ganz klar hinter mich gestellt hat, vom Schülerrat meiner Schule, der sich auch ganz klar positioniert hat. Die Schüler haben deutlich gesagt: ‚Unser Schulleiter indoktriniert uns nicht. Er hat uns niemals genötigt, zu einer Demo zu gehen. Und es ist sein gutes und demokratisches Recht, an einer Demonstration teilzunehmen.‘ Darüber habe ich mich sehr freut.

Und ich habe noch eine Reihe von solchen Schreiben bekommen, über alle Kanäle, über Facebook, WhatsApp, per Mail natürlich viele, teilweise auch von namhaften Persönlichkeiten, Bürgermeistern der Region bis hin auch zu einer Stellungnahme des Kultusministeriums des Freistaates Sachsen. Und deshalb sage ich, diese 15 bis 20 Hetz-Mails sind für mich irrelevant. Natürlich hat es mich zunächst beeindruckt, mich auch emotional runtergezogen. Aber ich kenne diese Personen nicht und die Solidaritätsbekundungen im Anschluss, haben das Ganze auf den Kopf gestellt – im positiven Sinne.

News4teachers: Gab es denn trotzdem auch Ängste im Kollegium?

Hegewald: Klar gab es auch Sorgen. Trotzdem haben die meisten Kollegen gesagt: ‚Toll, dass du dich so positionierst und jetzt nicht einknickst oder abtauchst in der Öffentlichkeit, sondern im Gegenteil.‘ Und mir war auch eine Sache immer wichtig zu betonen: Natürlich dürfen wir Schülerinnen und Schüler nicht manipulieren, vor allem nicht politisch manipulieren. Aber natürlich darf ich als Lehrer eine Meinung haben. Und vor allem habe ich als Lehrer auch eine Pflicht im Sinne des Bildungs- und Erziehungsauftrags. Im sächsischen Schulgesetz steht unter anderem, dass wir Schülerinnen und Schüler zum freiheitlich-demokratischen Handeln oder zu einer freiheitlich-demokratischen Haltung erziehen sollen. Und das dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Das ist die Rolle, die Schule hat: Wir haben die Pflicht, zur Demokratie zu erziehen.

News4teachers: Und diese Rolle, die Schule hat, spüren Sie im Moment noch deutlicher als sonst?

Hegewald: Ja, die Rolle ist im Hinblick auf den heißen Herbst, der ja in Sachsen auf uns zurollt, mit den Landtagswahlen und den bevorstehenden Kommunalwahlen jetzt schon im Sommer besonders wichtig. Und auch an meinem Beispiel habe ich es jetzt ganz deutlich gespürt. Es gibt eben Menschen, die denken, dass wir in der Schule politische Themen überhaupt nicht behandeln dürfen, uns nicht artikulieren dürfen. Und das ist falsch! Das hat mein Dienstherr, das sächsische Kultusministerium, auch ganz deutlich gemacht: Ich habe nichts Falsches gemacht. Und es ist unser Erziehungsauftrag, zur Demokratie zu erziehen, Toleranz und Respekt zu vermitteln. Das sind keine Dinge, die wir uns speziell, ich sage mal, auf die Fahne geschrieben haben, weil wir sie sinnvoll finden, sondern es ist unsere verdammte Pflicht!

News4teachers: Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Hegewald: Es ist zum Beispiel völlig in Ordnung, wenn sich Schülerinnen und Schüler im Fach Gemeinschaftskunde, Recht und Wirtschaft, G/W/R, mit der AfD beschäftigen und Zitate gesellschaftspolitisch oder historisch einordnen, gewissermaßen einen Faktencheck vornehmen. Und dass diese Partei in Sachsen vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextreme Bestrebung eingestuft und beobachtet wird, gehört nun einmal zum Faktencheck dazu und macht den Unterschied. Darüber darf man im Fachunterricht reden, sachlich, faktisch. So etwas darf nicht tabuisiert werden.

News4teachers: Aber das heißt, Sie tauschen sich auch immer wieder mit Schulleiterkolleginnen und -kollegen aus?

Hegewald: Ja! Es gibt da sehr enge Netzwerke, in denen mir die Kollegen auch signalisiert haben, sie stehen hinter mir. Es gab sogar Überlegungen, bei der nächsten Demo gemeinsam mitzulaufen. Das würde nochmal ein starkes Zeichen setzen, wenn da 25 oder 30 Schulleitungen Farbe bekennen würden. Das würde zeigen, wir dürfen uns hier nicht einschüchtern lassen von Halbwahrheiten, von Unterstellungen, von Verleumdungen und vielleicht auch von Drohungen uns gegenüber.

News4teachers: Sie würden also wieder bei einer Demo mitlaufen?

Hegewald: Ich würde auf jeden Fall wieder mitlaufen. Das heißt nicht, dass ich mir nicht auch Sorgen mache, vor allem um meine Familie. Aber ich fühle mich nicht so eingeschüchtert, dass ich um mein Grundstück einen meterhohen Zaun bauen und mich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen würde. Und mich hat es auch so ein bisschen gewundert, dass viele Menschen mir geschrieben haben, dass ich mutig gewesen sei. Das empfinde ich nicht so. Ich war nicht mutig. Ich habe mir an einem Sonntagnachmittag Redebeiträge angehört, bin eine Dreiviertelstunde lang mit anderen Menschen durch die Stadt gegangen und danach wieder nach Hause gefahren. Und im Nachgang habe ich mich halt nochmal positioniert und klar gesagt: Das war mein Recht und das werde ich auch in Zukunft wahrnehmen. Es ist doch schlimm, dass das schon als mutig gilt, oder? Erstmal ist es natürlich ein komisches Gefühl, ins Fadenkreuz einer rechten Vereinigung wie den sogenannten ‚Freien Sachsen‘ zu geraten. Aber da bin ich auch nicht der Erste. Da gab es auch schon Bürgermeister, Landräte und so weiter. Und jetzt hat es eben mal einen Schulleiter getroffen.

News4teachers: Den Vergleich finde ich spannend. Denn die Leute, die in die Politik gehen, die entscheiden sich ja für diesen politischen Weg und auch dafür, in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber haben Sie sich das auch überlegt, bevor Sie Schulleiter wurden, dass Sie da so eine öffentliche Rolle einnehmen?

Hegewald: Na ja, also ich bin im 20. Jahr hier Schulleiter an dieser Schule. Und eine Schule im ländlichen Raum, die hat natürlich eine ganz, ganz enge Verbindung zur Region. Wenn circa 40 Prozent einer Schülerpopulation, also fast die Hälfte eines jeden Jahrgangs, an unsere Schule kommt, dann hat das zur Folge, dass ich, egal wo ich hingehe, fast immer Schüler, ehemalige Schüler oder Eltern von Schülern treffe. Und dadurch ergibt sich ganz natürlich und logisch diese enge Vernetzung und auch eine öffentliche Rolle. Es wird wahrscheinlich auch mehr auf so eine Schule geschaut als auf eine Schule im Ballungsraum, in dem es 30 vergleichbare Schulen gibt. Und ich als Schulleiter trage nun mal die Verantwortung für die Schule. Dass ich gleichzeitig auch eine politische Rolle spiele, das war mir bis zu diesem Vorkommnis allerdings nicht so bewusst (lacht).

News4teachers: Eine politische Rolle zu spielen ist also wirklich eine neue Erfahrung für Sie?

Hegewald: Ja, das ist eine neue Erfahrung. Die Erfahrung heißt: Schule kann nicht unpolitisch sein. Wir wollen ja wie gesagt auch, dass wir unsere Schüler zu einer gewissen Streitkultur erziehen. Ich möchte, dass Meinungen in der Schule ausgetauscht werden – natürlich respektvoll und argumentativ. Und da ist es ganz wichtig, dass man Schüler ermutigt, ihre Meinung zu sagen. Es muss also in der Schule auch Raum dafür geben. Nicht immer und zu jeder Zeit, denn wir machen ja auch Fachunterricht, aber unsere Aufgabe ist neben der Wissensvermittlung eben auch die Wertevermittlung. Wir bereiten sie ja für das Leben vor. Und das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir Absolventen haben, die nicht in der Lage sind, sich mit Sachargumenten auszutauschen, und die nicht in der Lage sind, respektvoll miteinander umzugehen.

Das ist genau das Defizit, das wir gerade in unserer Gesellschaft erleben. Eine gesunde Gesellschaft muss pluralistisch sein und ich habe kein Problem mit jemandem, der eine Meinung hat, die sich von meiner um 180 Grad unterscheidet. Aber ich möchte gerne, dass er meine Meinung toleriert, oder sich zumindest meine Meinung anhört und sie wahrnimmt, ohne sie übernehmen zu müssen. Und das Gleiche räume ich demjenigen ein, der mir gegenübersitzt. Also das Entscheidende ist, dass man friedvoll miteinander umgeht, respektvoll miteinander umgeht, dass man zuhört. Und das ist es, was ich mir auch für die Zukunft wünsche.

News4teachers: Sie haben jetzt mehrfach angedeutet, dass Sie mit Sorge in die Zukunft schauen, vor allem auch mit Blick auf den Herbst. Haben Sie Angst vor der nächsten Landtagswahl?

Hegewald: Ja, ich mache mir wirklich große Sorgen um den Herbst. Ich kenne ja die Mehrheitsverhältnisse momentan und die Wahlprognosen, die darauf hindeuten, dass möglicherweise die AfD die stärkste Partei wird. Und ich stelle mir die Frage, wie sich das Ganze insbesondere auf die Schulen auswirkt. Wenn da eine Partei sagt ‚Inklusion wollen wir nicht. Das ist der falsche Weg‘, für mich persönlich Inklusion aber eine ganz, ganz wichtige Rolle in Schule spielt, dann empfinde ich das als eine Rolle rückwärts in Zeiten, die es in Deutschland eben schonmal gegeben hat und die eigentlich lange überholt schienen. Damit will ich nicht sagen, dass alles, was jetzt in der Bildung passiert, richtig ist. Es gibt derzeit ja genug Probleme, mit denen Schulen zu kämpfen haben. Man muss ja nur auf den aktuellen Lehrkräftemangel schauen. Aber das sind Punkte, an denen man arbeiten kann. News4teachers

Wie ein Schulleiter, der Kante gegen Rechtsextremismus zeigt, eingeschüchtert werden soll

 

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Irmela Mensah-Schramm
28 Tage zuvor

Mein großes Kompliment und auch meine volle Solidarität, denn dies ist genau so dass, wie ich es mir wünsche: Solidargemeinschaft in der Schule !

Canishine
28 Tage zuvor

Respekt!

Lisa
27 Tage zuvor

„Eine gesunde Gesellschaft muss pluralistisch sein und ich habe kein Problem mit jemandem, der eine Meinung hat, die sich von meiner um 180 Grad unterscheidet. Aber ich möchte gerne, dass er meine Meinung toleriert, oder sich zumindest meine Meinung anhört und sie wahrnimmt, ohne sie übernehmen zu müssen. Und das Gleiche räume ich demjenigen ein, der mir gegenübersitzt. Also das Entscheidende ist, dass man friedvoll miteinander umgeht, respektvoll miteinander umgeht, dass man zuhört.“
Danke für diese wichtigen Worte, Herr Hegewald!

Walter Hasenbrot
27 Tage zuvor

So sollten sich ale Lehrer:innen verhalten.

Und dann wünscht man sich von den Bezirksregierungen Rückendeckung. In diesem Fall ist das ja wohl auch gelungen.

Herr Hegewald hat aber wohl recht, dass bei den kommeden Wahlen viel auf dem Spiel steht. Denn wenn die AfD an einer Regierung beteiligt werden sollte, ist zu befürchten, dass mutige Menschen wie Herr Hegewald nicht mehr mit Rückendeckung von der Bezirksregierung, sondern möglicherweise sogar mit diszipliarischen Maßnahmen rechnen müssen.

Der AfD traue ich im Kampf gegen unsere Demokratie alles zu. Solche Absichten wurden ja auch schon in den E-Mails an Herr Hegewald geäußert.

Unfassbar
27 Tage zuvor
Antwortet  Walter Hasenbrot

Die AfD würde höchstens etwas in die von Ihnen skizzierte Richtung ändern können, wenn sie im Bund in den Ländern eine Zweidrittelmehrheit hätte, um die Verfassung ändern zu können. Selbst wenn sie in einer Koalition den Ministerpräsidenten in einem Bundesland stellen sollte, kann sie so weit nicht gehen, weil das der Koalitionspartner niemals mitmachen würde.

Walter Hasenbrot
27 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Es reicht doch aus wenn ein AfD-geführtes Schulministerium Disziplinarmaßnahmen gegen demokratische Lehrkräfte beschließt, auch wenn diese unrechtmäßig verhängt werden.

Danach müssten die Betroffenen dann erst einmal dagegen klagen. Auch wenn die Betroffenen dann vor Gericht Recht bekommen, hat man etliche abgeschreckt, für unsere Demokratie und die Werte des Grundgesetzes einzustehen.

Oder auch mithilfe von Erlassen könnte die AfD die Demokratie an Schulen einschränken. Bis dagegen durch mehrere Instanzen geklagt worden ist, sind Jahre vergangen, in denen möglicherwese muslimische Schüler:innen, oder andere Feindbilder unter den Schüler:innen und Lehrkräften leiden müssen.

Bis es ein Urteil gegen einen Erlass gibt, müssten die Lehrkräfte als Beamte sich daran halten.

Besseranonym
27 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

1- stimmt nichts (s. @ Redaktion>
danke für die Texte aus dem Verfassungsblock. Ich dachte schon, wir müssen @ Unfassbar ein kostenloses bpb-abo spendieren 😉

2 – wenn Sie das in der Schule erzählen/verbreiten ): sitzt hoffentlich für Sie (k)einer hinten drinnen – die SuS schlucken wohl Ihre falschen Fakten meist so.
Motto: > Ich mach euch die Welt wie ich sie gerne hätte?

3 – Sie sollten globaler denken.
Bei den Europawahlen wird sich zeigen, wie rechtslastig die EU gesamt bereits ist. Länder wie Österreich, Polen, Ungarn Frankreich…..sind gut mit der AfD vernetzt, tagen zusammen ( Berlin ) – d.h. Unterstützung aus dem Ausland haben die AfDler jetzt schon.

RainerZufall
27 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Also die Partei WÜRDE sowas tun, hat aber noch nicht die Mehrheiten dazu. Ich denke, wir können jetzt alle besser schlafen…

Besseranonym
27 Tage zuvor

„Das würde zeigen, wir dürfen uns hier nicht einschüchtern lassen von Halbwahrheiten, von Unterstellungen, von Verleumdungen und vielleicht auch von Drohungen uns gegenüber“
Es ging um Mitmachen bei Demos, Stellung nehmen, Dagegensein zeigen, klare Kante gegen Rechts beweisen
> Hut ab, H. Hegewald und Kompliment zu Ihrem Kollegium.

„Es ist doch schlimm, dass das schon als mutig gilt, oder?“
> für mich ein Schlüsselsatz:
Viele Menschen vergessen/ verleumden die Verbrechen der NSzeit, andere trauen sich nicht – aus Angst -auch nur piep zu sagen ( machen sich klein oder geben den Anschein, zuzustimmen).
Wir leben in einer Demokratie und viele lassen zu, dass andere diese diktatorisch verformen. Keiner will betroffen sein, Drohbriefe, Pöbelei und mehr ernten. Viele meinen, da soll sich die Politik drum kümmern.
Es ist schlimm ( dass das schon als mutig gilt ) und gerade deswegen ist es wirklich mutig:
Chapeau und danke, H. Hegewald.

Palim
27 Tage zuvor

Ich wüsste gerne, an welcher Stelle sich das Land vor den SL gestellt hat und Anzeige wie auch Klage übernimmt.

RainerZufall
27 Tage zuvor

Ich wünsche dem Mann alles Gute und Stärke!

Die Verwunderung über Anfeindungenn ist allerdings ein wenig irritierend: Es WAR eine Demo gegen Rechts, also genau so antifaschistisch wie bspw. die Omas gegen Rechts…

Die Anfeindungen sind nicht hinnehmbar, aber eben das ist ja das Problem =\