Gegen einen möglichen Rechtsruck: Wie ein Europaaktivist um Erstwähler kämpft

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BOCHUM. Bei der Europawahl können schon 16-Jährige wählen. Im Ruhrgebiet will eine Initiative möglichst viele Erstwähler für Europa begeistern – damit sie sich mit ihrer Stimme gegen einen Rechtsruck stellen.

Erstmals dürfen schon 16-Jährige ihre Stimme abgeben. Illustration: Shutterstock

Im künstlichen Licht einer Schulturnhalle von Bochum-Wattenscheid steht Milad Tabesch an einem Morgen im Mai vor knapp 300 Berufsschülern auf einer kleinen Bühne und redet über Europa. Was es ihm bedeutet und darüber, was Europa seinen Eltern bedeutete, als sie 1992 vor Krieg und Vertreibung aus Afghanistan flohen und Schutz und Demokratie im vereinten Europa, genauer im Ruhrgebiet, suchten und fanden.

Der 27-Jährige spricht auch darüber, dass er all das durch einen Rechtsruck bedroht sieht: «Aktuell macht mir das Angst, dass dieses Versprechen, das meinen Eltern gegeben wurde, in Gefahr gerät», sagt er. Seiner Sorge vor einem Wahlerfolg der extremen Rechten will er die Begeisterung für die europäische Idee entgegensetzen. Seine Mission vor der Europawahl am 9. Juni: Möglichst viele junge Menschen damit anstecken.

Erstmals dürfen bei der Europawahl schon 16-Jährige abstimmen

Der Europaaktivist hat daher im vergangenen Sommer die Initiative «Ruhrpott für Europa» ins Leben gerufen. Er will mit dem unter anderem aus Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung unterstützten Projekt einer ausgesprochen vielfältigen jungen Generation im Ruhrgebiet zeigen, dass auch ihre Stimme zählt. «Nicht nur in Deutschland, sondern quer durch ganz Europa hinweg gewinnen diejenigen Zulauf, die Europa abschaffen, zerstören oder es auf seine wirtschaftliche Minimalnutzung reduzieren wollen», so Tabeschs Diagnose. Bekämpfen will er das mit einer «positiven Vision für Europa». Seine Zielgruppe: Erstwähler. Rund 5 Millionen davon sind am 9. Juni in Deutschland zur Wahl aufgerufen – erstmalig dürfen auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben.

Tabesch und sein Team setzen mit ihrer europafreundlichen Initiative neben Social-Media-Präsenz vor allem auf den direkten Austausch. In mehrstündigen Schulworkshops versuchen sie Brücken zu bauen: Von der eigenen Biografie im von Zuwanderungsgeschichten geprägten Pott zu einem in Vielfalt geeinten Europa. Mehr als 500 junge Leute haben sie in ihren Klassen besucht, mit spielerischen Ansätzen für Europa geworben – bis zur Europawahl sollen es mindestens noch einmal so viele werden.

Gelebte Vielfalt: «Der Ruhrpott ist ein Mini-Europa»

Auch am Bochumer Louis-Baare-Berufskolleg geht es nach dem Turnhallenauftritt in kleinerer Runde weiter. Die 20 Schülerinnen und Schüler zwischen 17 und 21, allesamt Erstwähler bei einer Europawahl, strafen Klischees einer desinteressierten und unpolitischen Jugend schnell Lügen: Nicht nur punkten sie auch bei kniffligen Fragen im Europa-Quiz, mit dem Tabesch und seine Mitstreiterin Taban Abas spielerisch einsteigen, sie teilen auch freimütig ihre Einschätzungen, was Europa ihnen bedeutet. Reisefreiheit, Demokratie, Sicherheit, Vielfalt – ganz unterschiedlich sind die Schwerpunkte. Offensiv EU-skeptisch ist hier niemand. Und auch wenn sich kaum jemand ausdrücklich als Europäer bezeichnen will, schätzen sie, was Europa ihnen bietet.

«Das wichtigste ist Augenhöhe», wird Tabesch später erklären. Der größte Teil der Schülerschaft ist zwar im Pott geboren, viele haben aber eine zweite Heimat, Eltern, die zugewandert sind, oder beides. Daher geht es in seinen Workshops auch um die Identitätsfrage, die viele umtreibt. Tabesch will genau diese Brücke schlagen: «Der Ruhrpott ist ein Mini-Europa», sagt er den Schülern. Die Vielfalt, die man hier als Realität erlebe, ist für ihn die Blaupause für das Europa, für das er begeistern will. Auch wenn er hier eine gut informierte Schulklasse vor sich hat, weiß er darum, dass auch die junge Generation anfällig für Populismus oder Politikverdrossenheit sein kann. Und er hat erkannt, wie wichtig es ist, junge Leute schon als Erstwähler für politische Mitbestimmung zu begeistern.

Aktuelle Umfrage: Nur wenige junge Menschen in Europa wollen wählen gehen

So stehen laut einer repräsentativen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung in allen EU-Ländern junge Menschen in Deutschland und insgesamt in Europa der Europäischen Union zwar mehrheitlich positiv gegenüber. Zugleich gaben nur 59 Prozent der 16- bis 25-Jährigen EU-weit an, dass sie bei der nun kommenden Europawahl ihre Stimme abgeben wollen.

Studien zeigten allerdings regelmäßig, dass das Bild der politikverdrossenen, desinteressierten Jugend irreführend sei, betont Ana Alba Schmidt von der NRW School of Governance und vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg Essen. «Tatsächlich sind Jugendliche überdurchschnittlich positiv zur Demokratie eingestellt», so die wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Laut dem jüngsten Demokratiebericht zur Lage der politischen Bildung in NRW sind beispielsweise 94 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren mit der Demokratie als politischem System zufrieden. Das heißt aber nicht, dass sich diese positive Grundhaltung auch in die aktuelle Politik hinüberzieht, so Alba Schmidt.

Expertin: Viele stellen Problemlösungskompetenz von Parteien in Frage

«Sorgen bereiten muss uns, dass ein wachsender Anteil junger Leute die Problemlösungskompetenz der Parteien in Frage stellt», sagt sie und verweist etwa auf eine in diesem Frühjahr von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte Befragung von 16- bis 22-Jährigen.

Während mehr als drei Viertel die EU-Mitgliedschaft Deutschlands für eine gute Sache hielten, seien viele unsicher, welche Partei europapolitische Probleme überhaupt lösen könne.

Hier zeigt sich auch, dass die AfD in der jungen Zielgruppe durchaus punkten kann: 14 Prozent der Jüngeren halten laut dieser Befragung die AfD für am ehesten geeignet, die anstehenden Probleme in Europa zu lösen – die SPD bekommt ebenso viel Zustimmung in diesem Punkt, die Grünen einen Prozentpunkt weniger.

Politikwissenschaftlerin Alba Schmidt betreut ebenfalls Projekte der politischen Bildung und weiß damit aus eigener Erfahrung, aber auch aus der Forschung, dass sie gerade bei jungen Leuten Wirkung zeigen: «Mit Angeboten wie der Juniorwahl, Podiumsdiskussionen, Praxisgesprächen mit Politikern und Politikerinnen sowie interaktiven Workshops und Planspielen haben wir bei dieser Gruppe viel leichteren Zugriff. Eben weil sie vielfach noch zur Schule gehen, sind die jungen Wähler leichter zu erreichen als ältere Zielgruppen», so Alba Schmidt. Außerdem sei mit einer frühen Wahlmobilisierung ein wichtiger Grundstein gelegt: «Wählen ist Gewohnheitssache.»

Den Unsicherheiten etwas entgegensetzen – und zwar ohne erhobenen Zeigefinger, das wollen Tabesch und seine Mitstreiter. «Natürlich gibt es in der EU vieles, was verbessert werden muss, aber das kommt im nächsten Schritt. Erst einmal müssen wir für die Idee Europa begeistern und den Kids zeigen, was das alles mit ihnen zu tun hat», sagt er.

In der 11. Jahrgangsstufe des Bochumer Louis-Baare-Berufskollegs stehen die Chancen, dass seine Botschaft verfängt, nicht schlecht. Die Schülerinnen und Schüler sind bis zur letzten Minute des knapp dreistündigen Workshops aufmerksam bei der Sache. Bis zur Wahl am 9. Juni will das Team von «Ruhrpott für Europa» noch möglichst viele Schüler und Schülerinnen mobilisieren, ihre Stimme für ein demokratisches Europa einzubringen. Von Florentine Dame, dpa

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Unfassbar
7 Tage zuvor

Es gab doch mal eine Umfrage, nach der die AfD bei den sehr jungen Menschen sehr weit oben steht. Es ist zu hoffen, dass sich der Vorschlag nicht rächen wird.

Unfassbar
5 Tage zuvor

Ein Grund für den möglichen Rechtsruck oder eine Linksflucht könnten die Zustände in den großen Städten sein, auf die viele Menschen keine Lust mehr haben, und die von überwiegend linker oder linkslastiger Politik verursacht wurden. Man vergleiche mal das links regierte Berlin heute mit dem einige Jahre wirklich sehr hart rechts regierten Berlin 1936 in punkto Sauberkeit, Sicherheitsgefühl, Kleidung der Menschen, ihren Umgang miteinander usw..

https://youtu.be/xdyWMggsWWE?feature=shared

über den zunehmenden Militarismus und die Propaganda haben die Menschen hinweggesehen oder haben ihn nicht sehen wollen.

Man vergleiche dieses Berlin mit dem heutigen Paris. In beiden Städten fanden im gleichen Jahr Olympische Spiele statt. Die Wahrscheinlichkeit für Terroranschläge könnte ungleicher nicht sein.