HANNOVER. Der bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder rückt näher – und mit ihm wächst der Druck auf Länder und Kommunen. In Niedersachsen dämpft Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) bereits die Erwartungen: Zum Start werde nicht alles reibungslos laufen. Die GEW hatte zuvor schon Tempo und Qualität beim Ausbau angemahnt.
„Es wird nicht überall sofort perfekt sein“, sagte Hamburg im Gespräch mit dem NDR. Zwar habe die rot-grüne Landesregierung bereits 2013 mit dem Ausbau von Ganztagsschulen begonnen und mittlerweile 72 Prozent der Grundschulen in Niedersachsen in Ganztagsbetrieb überführt – dennoch sei der vom Bund gesetzte Zeitplan ambitioniert.
„Vielleicht steht nicht an jeder Schule sofort eine Mensa. Manche Schule muss ein wenig improvisieren“, räumte die Ministerin ein. Doch sie zeigte sich optimistisch: „Für die Kinder wird es funktionieren, und wir werden dann über die Jahre besser werden.“ Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung greift ab dem Schuljahr 2026/27 zunächst für die ersten Klassen, in den Folgejahren wird er stufenweise ausgeweitet.
Kritik von Eltern – Organisation bei den Schulen
Wichtig sei, so Hamburg, dass der Ganztag mehr biete als nur Betreuung: „Ein vernünftiges Essen“ und „vielfältige Angebote“ – etwa in Kooperation mit Sportvereinen oder Musikschulen – seien entscheidend. Die Organisation dieser Angebote solle in den Händen der Schulen liegen, Personal und Budget stelle das Land.
Doch nicht alle Beteiligten sind überzeugt. Kommunen hatten in der Vergangenheit mehrfach auf Schwierigkeiten bei der Umsetzung hingewiesen, auch der Landeselternrat kritisierte, dass der Ganztag an vielen Orten gar nicht von Eltern oder Schulen gewünscht sei.
Länder fordern mehr Flexibilität – und mehr Zeit
Auch auf Bundesebene ist die Umsetzung des Rechtsanspruchs Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Um den Kommunen die Erfüllung ihrer Aufgaben zu erleichtern, hat der Bundesrat im Juni beschlossen, einen eigenen Gesetzentwurf einzubringen.
Dieser soll den Trägerkreis für Ferienangebote erweitern – derzeit sieht das Gesetz vor, dass die Betreuung in der Ferienzeit ausschließlich von kommunalen Trägern angeboten wird. Die Länder fordern mehr Flexibilität, etwa durch Einbindung freier Träger, da der derzeitige Rahmen „erhebliche personelle, strukturelle und finanzielle Herausforderungen“ verursache. Zudem sollen die Länder zwei Jahre länger Zeit bekommen, um die Finanzhilfen des Bundes in Höhe von 3,5 Milliarden Euro abzurufen. Diese Förderung wäre ursprünglich 2027 ausgelaufen – nun soll sie bis 2029 beantragt werden können.
GEW fordert mehr Tempo – und Qualität
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte bereits zuvor angemahnt, beim Ausbau des Ganztags nicht nur auf Quantität, sondern auch auf Qualität zu achten. „Der Ganztag ist eine nationale Aufgabe. Er ist weit mehr als ein Betreuungsangebot, er soll alle Beteiligten durch Qualität überzeugen“, betonte GEW-Vorsitzende Maike Finnern.
Der Ganztag biete Chancen für individuelle Förderung, soziale Interaktion, Inklusion und demokratische Bildung – besonders in Zeiten wachsender Bildungsungleichheit. „Ein flächendeckendes, verlässliches und qualitativ hochwertiges Ganztagsangebot ist zentral für mehr Chancengleichheit und die Fachkräftesicherung in Deutschland“, so Finnern.
Zudem sei der Ganztag ein wichtiges Instrument für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gerade für Frauen. „Für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands ist der Ganztag ein unverzichtbares Element der Bildungspolitik.“
Finnerns Appell: „Alle wichtigen Akteure – von der Politik über die Wirtschaft bis hin zur Zivilgesellschaft – müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, um die Umsetzung des Rechtsanspruchs konsequent zum vereinbarten Termin am 1. August 2026 zu starten, die Ganztagsplätze massiv auszubauen und die Qualität der Angebote zu sichern.“ News4teachers / mit Material der dpa
Grundsatz-Streit um Ganztag: Welches Familienbild fördert die Politik mit dem Ausbau?
